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Sachsens Gewerkschaften kämpfen um Rentner

Kaum jeder siebte Beschäftigte ist organisiert. Der DGB kann den Schwund unter den Berufstätigen aber fast stoppen.

Junge Menschen erkennen wieder den Wert von Gewerkschaften und gehen für ihre Anliegen auf die Straße – wie hier Lehrerinnen und Lehrer 2019 in Dresden. Doch zunehmende Neuaufnahmen bei Unter-27-Jährigen gleichen den Verlust insgesamt noch nicht aus.
Junge Menschen erkennen wieder den Wert von Gewerkschaften und gehen für ihre Anliegen auf die Straße – wie hier Lehrerinnen und Lehrer 2019 in Dresden. Doch zunehmende Neuaufnahmen bei Unter-27-Jährigen gleichen den Verlust insgesamt noch nicht aus. © Christian Eissler/xcitepress

Dresden. „Die acht DGB-Gewerkschaften in Sachsen sind für die kommenden Tarifrunden gut gerüstet, denn die Mitgliederentwicklung ist weiterhin stabil“, gibt sich Sachsens Landesvorsitzender Markus Schlimbach optimistisch. Der personelle Aderlass der vergangenen Jahre sei deutlich schwächer geworden.

Demnach gehören im Freistaat noch rund 261.000 Menschen einer Gewerkschaft des Verbundes an, knapp 3.000 weniger als 2018. Im Jahr zuvor hatten die Sparten Bahn (EVG), Polizei (GdP), Erziehung/Wissenschaft (GEW), Bauen-Agrar-Umwelt (BAU), Bergbau-Chemie-Energie (BCE), Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG), Dienstleistungen (Verdi) und Metall noch fast doppelt so viele Beitragszahler verloren. Mit 1,2 Prozent Schwund liegt Sachsen laut Schlimbach bundesweit im Mittelfeld. Seine Hoffnung: „Obwohl jetzt geburtenstarke Jahrgänge das Rentenalter erreichen, sinkt die Zahl der Mitglieder in Betrieben und Verwaltung nur noch um 0,4 Prozent.“

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Mitgliederverlust ohne Beispiel

Die demografische Entwicklung hinterlässt ihre Spuren. „Wir verlieren leider viele Mitglieder mit dem Eintritt ins Rentenalter“, sagt Sachsens oberster Gewerkschafter. „Viele Senioren verlassen dann ihre Gewerkschaft, weil sie meinen, eine Mitgliedschaft würde ihnen nicht mehr viel nützen, doch das ist ein Irrtum“, so Schlimbach. „Wer beispielsweise Rente oder Pension bezieht, zahlt weniger Mitgliedsbeitrag, erhält aber von der Gewerkschaft Beratungsleistungen zu Sozialfragen und Rechtsschutz wie bisher“, argumentiert er. „Wir haben daher diese Gruppe im Fokus.“ Die Gewerkschaften kommunizierten die Vorteile jetzt offensiver als früher.

1991, nach der Wende in der DDR, der Auflösung des dortigen FDGB und dem Beitritt seiner Einzelorganisationen zum DGB hatten dessen damals 16 Gewerkschaften 11,8 Millionen Mitglieder. Im vergangenen Jahr waren es noch halb so viele. Notgedrungen gab es Fusionen – die umfassendste 2001, als sich vier Einzelgewerkschaften mit der Deutschen Angestellten Gewerkschaft zu Verdi vereinigten. 

Daneben konkurrieren Dutzende weitere Gewerkschaften und Berufsverbände wie der Marburger Bund für Ärztinnen und Ärzte oder die Pilotenvereinigung Cockpit – die größten beim DBB Beamtenbund und Tarifunion mit 1,3 Millionen Mitgliedern und unter dem Dach des Christlichen Gewerkschaftsbunds (CGB) mit 270.000 Beitragszahlern.

Scharmützel zwischen Gewerkschaften

Nicht alle Organisationen sind Gewerkschaften im arbeitsrechtlichen Sinn oder ihre Eigenschaft als Gewerkschaft ist umstritten. Um in Deutschland als Gewerkschaft zu gelten, müssen Bündnisse nicht nur die Interessen von Arbeitnehmern vertreten und diese durchsetzen können, sondern auch unabhängig, überbetrieblich organisiert sowie Willens und in der Lage sein, Tarifverträge abzuschließen.

Im Mai hatte das Landesarbeitsgericht Hamburg der im Bereich Handel, Banken und Versicherungen agierenden Berufsgewerkschaft DHV die Tariffähigkeit aberkannt. Begründung: Organisationsgrad jener christlichen Gewerkschaft an Beschäftigten sei im Verhältnis zur Zahl der erfassten Branchen zu niedrig. „Hier soll offensichtlich der Weg zur Herrschaft einer Einheitsgewerkschaft vorgezeichnet werden“, protestiert die Christliche Gewerkschaft Metall (CGM) gegen die vermeintliche Ungerechtigkeit gegenüber ihrer Schwester im christlichen Verbund.

Die CGM kennt das Problem. Die IG Metall hatte lange versucht, ihrer Konkurrenz die Tariffähigkeit absprechen zu lassen, und ihr zu wenige Mitglieder und Scheinverträge unterstellt. Erfolglos. Letztlich entschied das Bundesarbeitsgericht pro CGM. „Schade, dass man kostbare Zeit für so etwas verschwenden muss“, bedauert CGB-Generalsekretär Christian Hertzog solche Scharmützel. 

Stark sind die, die sich nicht organisieren

Angesichts des wirtschaftlichen Gefälles im Land gebe es so viele echte Probleme. Und die würde er „lieber mit- statt gegeneinander angehen“. Bei den Mitgliedern gebe es „gleichbleibende Zahlen“, wenngleich Sachsen 2018 mit 9.284 sogar gegen den Trend gewachsen sei. Neuere Zahlen habe er nicht.

„Ich will nichts schönreden, Sachsen bleibt unterrepräsentiert“, sagt Hertzog. Die neuen Länder seien für Gewerkschaften „kein leichtes Pflaster“. Er begründet das mit gewachsenen Strukturen, „Nachwehen aus FDGB-Zeiten, die zur Aversion gegen Gewerkschaften geführt haben“, niedrigeren Löhnen, die vor allem Teilzeitkräfte und Alleinerziehende den Mitgliedsbeitrag sparen ließen. 

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Dabei seien die Mitglieder der Lebensquell von Gewerkschaften, so Hertzog. „Doch wirklich stark sind derzeit nur die, die sich nicht organisieren.“ Die Statistik gibt ihm Recht: Während in Ländern Nordeuropas mehr als 80 Prozent der Arbeitnehmer in einer Gewerkschaft sind, ist es in Deutschland, gemessen an DGB-Zahlen, nicht mal jeder fünfte – und in Sachsen kaum jeder siebte.

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