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Feuilleton

Sachsens schöne Ruinen

Nicht jede Ruine war mal eine Burg. Manche wurden künstlich gebaut. Wir haben uns auf die Suche nach fünf von diesen besonderen Orten begeben. 

Die Burgruine Tharandt ist eine von fünf künstlichen Ruinen, die wir ausfindig gemacht haben.
Die Burgruine Tharandt ist eine von fünf künstlichen Ruinen, die wir ausfindig gemacht haben. © Thomas Kretschel

Von Josefine Gottwald und Ralf Günther

Ein verwittertes Holzschild weist die Richtung zur „Ruine“. Sonst gibt es keinen Hinweis. Man muss den Ort suchen, selbst das Navi kennt ihn nur ungefähr. Über ausgewaschene Wege, armdicke Wurzeln und durch Dickicht geht es hinauf. Die Treppenabsätze sind morsche Balken. Doch wenn man die Anhöhe erklommen hat und, etwas außer Atem, über Pillnitz, das Schloss und das Elbtal schaut, hat sich der Anstieg gelohnt. Wir befinden uns an einem echten Ort der Romantik, der fast in Vergessenheit geriet und jüngst dem Verfall entrissen wurde.

Es ist ein Trend unserer Zeit, „Lost Places“ neu zu entdecken: verlorene Orte wie Autofriedhöfe, öffentliche Bauruinen, leer stehende Fabriken. Im Netz tauscht sich eine große Community aus, wo sich die reizvollsten verlassenen Häuser, Industrieruinen oder gar Dörfer befinden, an denen sich Geschichte entdecken lässt. Doch ganz neu ist der Trend nicht: Schon die Expeditionen des 19. Jahrhunderts suchten die Lost Places des Mittelalters auf – oder sie erschufen sie sich einfach selbst.

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Die Ruine über dem Friedrichsgrund, auch als Meixgrund bekannt, wurde 1785 unter der Leitung des Dresdner Architekten Johann Daniel Schade errichtet: als Ruine. Doch ein vollständiger Baukörper war nie geplant – sie war immer schon verfallen. Auftraggeber war Friedrich August II., der Sohn Augusts des Starken. Nach ihm wurde der als Landschaftspark romantisch ausgestaltete Grund dann umbenannt. Die künstliche Ruine über dem Friedrichsgrund ist eine der größten und eindrucksvollsten in Sachsen. Sie umfasst sogar einen kleinen Saal mit gotischen Fenstern. Allerdings werden derzeit Sicherungsbauarbeiten durchgeführt. Der Bauzaun sichert die Verlassenheit des Ortes.

Weil die Romantiker Ruinen nicht immer an schönen Aussichtspunkten vorfanden, schufen sie sie eben selbst.
So wie die Ruine über dem Friedrichsgrund in Pillnitz, zu der man ein bisschen emporkraxeln muss.
Weil die Romantiker Ruinen nicht immer an schönen Aussichtspunkten vorfanden, schufen sie sie eben selbst. So wie die Ruine über dem Friedrichsgrund in Pillnitz, zu der man ein bisschen emporkraxeln muss. © Thomas Kretschel

Was im digitalen Zeitalter Fotoblogs dokumentieren, zog vor 200 Jahren Dichter und Maler an. Die Künstler jener Epoche, die man später „Romantiker“ nannte, distanzierten sich vom damaligen Antike-Hype und gingen neue Wege. Vor allem in den Überresten des Mittelalters suchten sie nach Spuren nationaler Identität. Neben Heidelberg und Jena, später Köln und Berlin, war Dresden umschwärmtes Zentrum dieser Strömung. Ihre Anhänger aus ganz Europa führten die erste Touristenschar ins Elbtal. Joseph von Eichendorff und Friedrich Schlegel, aber auch Jean Paul und die Komponisten Liszt und Chopin. E.T.A. Hoffmann, für ein knappes und schwieriges Jahr Bürger Dresdens, schrieb hier am „Goldenen Topf“, und auch Mary Shelley, die Schöpferin „Frankenstein“ ließ sich inspirieren.

Warum erschuf man künstliche Ruinen, die niemals einen Zweck erfüllten, außer verfallen dazustehen? Bauten, die schon von Beginn an verlassen aussahen – wie kam es dazu?

Die Idee war nicht neu. Ihr Ursprung lag in der Landschaftsmalerei, in der Tradition des französischen Stils. Mit Schäferstücken hatte man das Publikum der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts entzückt. Die Abbildungen turtelnder Hirten und Bauernmädchen in der Natur, gern umgeben von Kleinvieh, entsprangen bekannten Liebesdichtungen oder Romanen und waren Sinnbilder unbeschwerter Natürlichkeit. Auf diesen Landschaftsgemälden gab es im Hintergrund Architektur: Städte mit ihren Mauern, Bauernhöfe, Türme. Mitunter auch die eine oder andere Ruine.

Die echte gotische Burgruine auf dem Berg Oybin liegt nicht im Elbtal, sondern etwas abseits in der Nähe Zittaus. Sie wurde zu einer der ersten Ikonen der Romantik. Caspar David Friedrich, der romantische Maler schlechthin, malte sie um das Jahr 1810, als er in Dresden eine bescheidene Etagenwohnung an der Elbe bewohnte. Er schuf damit eine völlig neue Stilrichtung der Landschaftsmalerei. Eine Richtung, die das ehemals Helle, Offene des französischen Stils durch mystische Ahnung und Bedrohung ersetzte.

Die gotische Burgruine auf dem Berg Oybin.
Die gotische Burgruine auf dem Berg Oybin. © Wolfgang Wittchen

Für die Romantiker war die Gotik eine altdeutsche Kunst und stand in schroffem Gegensatz zum in ihren Augen importierten Stil des Klassizismus. Die gesamte Kunst des Mittelalters, noch um das Jahr 1800 als wertlos und nichtssagend verfemt, wurde wie im Rausch wiederentdeckt. Ludwig Tieck und Wilhelm Wackenroder wanderten auf Dürers Spuren durch Franken, um das Mittelalter neu zu entdecken. Kunsthändler wie der Kölner Sulpiz Boisserée retteten mittelalterliche Gemälde vor dem Verbrennen.

Wie die Schriftsteller Tieck und Wackenroder das Fränkische, durchstreiften Friedrich und sein Schüler Carl Gustav Carus die Umgebung von Dresden mit Staffelei und Skizzenbüchern auf der Suche nach romantischen Bildmotiven. Auf diese Weise entdeckten sie die nahe Burgruine von Tharandt, ebenso wie die Felsformationen des Plauenschen Grundes und der Sächsisch-Böhmischen Schweiz.

Friedrichs Gemälde waren zunehmend von den gotischen Formen geprägt: Spitzbögen, Kreuzblumen, Maßwerk. Weitere Bildelemente waren Mönche, Priester oder Trauerprozessionen, schemenhaft in Nebel und Düsternis verborgen. Sinnbilder der dunklen Seite der Romantik, der Suche nach Geheimnis und Verfall.

Die Burgruine Tharandt bietet einen wunderbaren Ausblick
auf den Plauenschen Grund.
Die Burgruine Tharandt bietet einen wunderbaren Ausblick auf den Plauenschen Grund. © Thomas Kretschel

Die ungezähmte, bisweilen mystische Natur brachte die Dichter und Denker jener Zeit in Kontakt mit ihrem Innersten. Heute gewinnt die sogenannte Psychogeografie immer mehr Einfluss auf die Stadtplanung. Sie geht davon aus, dass Landschaft und Architektur Menschen in bestimmte Stimmungen versetzen können. Schon vor Jahrhunderten spürte der Mensch den Einfluss der Umgebung auf seine Wahrnehmung: Man wollte durch die Umgebung in melancholische oder euphorische Stimmungen versetzt werden. 

Die Oper „Der Freischütz“ von Carl Maria von Weber, nach einem Libretto des Dresdners Friedrich Kind komponiert, spielt inmitten der Sandsteinfelsen der Sächsischen Schweiz. Er benutzt deren schroffen, mystischen Charakter sehr bewusst. Und Mary Shelley – eine Vorreiterin der fantastischen Literatur, beschrieb 1842 in ihrem Tagebuch die „phantastischen Formationen“, als sie sich in der Sänfte über die Bastei tragen ließ.

Etwa zeitgleich mit der Romantik wurde es Mode, Gärten im englischen Stil zu gestalten. Während im Barockgarten, dem sogenannten französischen Garten, alles wohlgeordnet und symmetrisch zuging und die Buchsbäumchen in zum Teil absurde Formen geschnitten wurden, kam es den Gestaltern englischer Gärten auf Natürlichkeit oder wenigstens Naturähnlichkeit an.

Ein Wegbereiter englischer Gärten in Sachsen war Fürst Pückler, einer der aktivsten und bekanntesten Landschaftsgestalter seiner Zeit. Sein gärtnerischer Rat wurde von Weimar bis Paris gesucht. Er malte Landschaften nicht mit dem Pinsel, sondern mit echten Bäumen und Büschen. Dabei war genau wie in der Malerei Staffage wichtig: Schmuckgebäude, die der zu erschaffenden ästhetischen Idylle als Blickfang dienten.

Wie Pückler es in seinen „Andeutungen über Landschaftsgärtnerei“ ausdrückte: Gebäude seien „ein wesentlicher Bestandteil des Ganzen, daher sie auch eben so sehr auf die Ansicht als auf die Aussicht, die sie gewähren, berechnet werden“. Nicht nur im Pückler-Park Bad Muskau, aber eben vor allem dort, kann man das Ergebnis dieser Philosophie eindrücklich bewundern.

Die Ruine von Gersdorf ist eine der ältesten romantischen Ruinen
in Sachsen, sie wurde schon vor 1800 errichtet.
Die Ruine von Gersdorf ist eine der ältesten romantischen Ruinen in Sachsen, sie wurde schon vor 1800 errichtet. © Thomas Kretschel

Wer keine Sänfte wie Mary Shelley zur Verfügung hat, muss sich den Weg zu Fuß bahnen: Etwa auf dem Kamm der Straße von Berggießhübel nach Gersdorf. Dort zweigt ein felsenbewehrter Pfad ab, der sehr bald zum Hohlweg wird. Rechts ragen die schroffen, abgenagten Wände eines ehemaligen Steinbruchs in die Höhe. Spuren der Bauhütten sind noch zu erkennen. Links erklettert man über Wurzeln und Gestrüpp die Anhöhe. Auch hier ist die Ausschilderung spärlich. Doch wird man für die Mühen des Anstiegs belohnt: Die künstliche Ruine von Gersdorf ist ein echter Lost Place der Romantik. Sie wurde schon vor 1800 durch den Generalleutnant von Leyßer, den damaligen Besitzer des Rittergut errichtet und ist damit eine der ältesten in Sachsen.

Das war lange vor Pücklers Wirken als Gartenarchitekt. Dennoch erfüllt die Gersdorfer Anlage seine Bedingungen: eine schöne Ansicht und eine schöne Aussicht. Ein Stich von Adrian Ludwig Richter aus dem Jahr 1820 zeigt nicht nur die Ruine, sondern auch den weiten Blick in die Landschaft. Über sanft geschwungene Hügel gleitet er bis ins Elbtal. Und bei schönem Wetter darüber hinaus. Denn die wirklich alten Ruinen, die die Romantiker vorfanden, standen selten an Plätzen mit schöner Aussicht. So mussten sie das Verrückte wagen und eigene Ruinen bauen.

In England hießen diese nur wegen des schönen Anblicks errichteten Gebäude denn auch Follies, Verrücktheiten. Fürst Pückler erwies sich hier überraschend als Rationalist: Einen künstlichen mittelalterlichen Turm in seinem Muskauer Garten stattete er gleichzeitig als Vorratskeller und Brandschutzturm aus – damit er nicht gar so zwecklos in der Gegend herumstand.

Im gut besuchten Seifersdorfer Tal findet man etwas abseits des Weges vergessene Orte. So wie die „Ruine der Vergänglichkeit“, die den romantischen Hang
zum Morbiden gut widerspiegelt. Den findet man auch in den romantischen Werken der Literatur und Musik
Im gut besuchten Seifersdorfer Tal findet man etwas abseits des Weges vergessene Orte. So wie die „Ruine der Vergänglichkeit“, die den romantischen Hang zum Morbiden gut widerspiegelt. Den findet man auch in den romantischen Werken der Literatur und Musik © Thomas Kretschel

Eine wahre Ansammlung von Follies ist das Seifersdorfer Tal. Es wurde als Landschaftsgarten im englischen Stil entlang dem Flusslauf der Großen Röder gestaltet. Hier steigt man nicht hinauf, sondern hinab ins Tal. Überhaupt ist die Anlage gut erschlossen und ein beliebtes Ausflugsziel. Dennoch findet man auch hier, im Gebüsch abseits des Weges, den einen oder anderen vergessenen Ort. Neben künstlichen Ruinen auch Tempel und Gedenkstätten für Ludwig Richter, Herder und Petrarca. Die Verknüpfungen von Architektur, Malerei und Literatur fallen ins Auge. Die romantische Epoche hat sich in allen Kunstgattungen niedergeschlagen. E.T.A. Hoffmann war nicht nur ein romantisch-fantastischer Schriftsteller, er schuf auch die romantische Oper „Undine“ nach dem literarischen Vorbild Friedrich de la Motte-Fouqués.

Die „Weltflucht“ der Romantiker führte sowohl in die Kunst als auch in die Natur. Beides brachte sie in Kontakt mit dem Inneren, dessen Tiefe sie ergründen wollten. Und die tiefste Natur des Menschen, dies ist auch eine Kernaussage des Undinen-Märchens, ist seine Vergänglichkeit, für die Ruinen symbolisch standen. Mit einem leichten Hang zum Morbiden: Die Sehnsucht nach den scheinbar idyllischen Vorzeiten verwandelte sich leicht in Todessehnsucht. So ist es nur konsequent, dass es im Seifersdorfer Tal die ebenfalls künstliche „Ruine der Vergänglichkeit“ gibt.

Im Sanatoriumspark Radebeul befindet sich der „Mäuseturm“, das Überbleibsel einer Ruine aus dem 19. Jahrhundert.
Im Sanatoriumspark Radebeul befindet sich der „Mäuseturm“, das Überbleibsel einer Ruine aus dem 19. Jahrhundert. © Thomas Kretschel

Erst weit in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ließ die Familie Bilz einen Garten im romantischen Stil anlegen, beinahe hundert Jahre nach der Ausgestaltung des Seifersdorfer Tals durch Christina von Brühl. Der Sanatoriumsgarten der Reformmediziner aus Radebeul ist damit einer der jüngsten. Der „Mäuseturm“ ist das Überbleibsel einer alten künstlichen Ruine aus der Mitte des Jahrhunderts. Er wurde nachträglich als Aussichtsturm in das Bilz-Ensemble integriert. Auch diese Ruine einer Ruine muss man sich im alten Sanatoriumsgarten „erlaufen“, der Elbhang in Radebeul ist steil, aber der Blick übers Tal spektakulär.

Sachsen war eine Hochburg der Romantik. Durch sie inspiriert ging man auch dazu über, erhaltene Original-Ruinen zu sichern, um sie im konservierten Zustand zu hinterlassen. Die Reste der Klostermauern von Eldena, Caspar David Friedrichs erste romantische Inspiration, begann man schon 1827 für die Nachwelt im ruinierten Zustand zu bewahren. In Sachsen waren es etwa die Ruinen der Burgen Frauenstein und Lauenstein im östlichen Erzgebirge, die man allein des schönen Anblicks wegen zwar nicht eigens erbaut, aber als „schöne Ruinen“ erhalten hat.

Es ist dies die Geburtsstunde des Denkmalschutzes. Und auch so manchem der schaurig-schönen Lost Places von heute ist der Erhalt zu wünschen – so wunderschön erstrahlen sie in ihrer Verfallenheit.

Ruinen entdecken

Die Ruinen wurden meist an entlegenen Orten erbaut. Hier ein paar Tipps zur Wegbeschreibung:

• Schlossberg Pillnitz: Die Ruine ist ausgeschildert, aber man muss das verwitterte Holzschild erst einmal finden. Start ist am Parkplatz auf der Meixbachbrücke, direkt unterhalb des Friedrichsgrundes. Vor dem Waldweg in den Grund geht es von der Wünschendorfer Straße hangaufwärts. Dann dem ausgewaschenen Weg folgen.

• Gersdorfer Ruine: Die A 17 bis Ausfahrt Berggießhübel/Bahretal fahren, dann Richtung Berggießhübel. Im Ort rechts Richtung Gersdorf abbiegen. Der Einstieg in den alten Steinbruch findet sich rechter Hand an der Straße von Berggießhübel nach Gersdorf. Dort ist auch die Ruine ausgeschildert. Ein Parkplatz befindet sich auf der linken Seite beim Schießplatz.

• Bilzturm in Radebeul: Er lässt sich von Wahnsdorf aus über den Graue-Presse-Weg gut erreichen. Es gibt auch eine navi-taugliche Adresse: Am Dammberg. Der Turm ist Teil des alten Sanatoriumsparks.

• Ruine der Vergänglichkeit, Landschaftspark Seifersdorfer Tal: Das Seifersdorfer Tal ist über die A 4 erreichbar. Ausfahrt Radeberg nehmen und Richtung Wachau/Radeberg auf der Tina-von-Brühl-Straße fahren. Von Wachau aus kommt man über den Brückweg gut ans Tal heran. Auf dem Brückweg gibt es auch einen Parkplatz. Die „Ruine der Vergänglichkeit“ liegt in Sichtweite der Großen Röder etwas oberhalb des Uferwegs.

• Burgruine in Tharandt: Von Dresden aus über Tharandt nicht zu verfehlen. Am Parkplatz an der Dresdner Straße beginnt ein Wanderweg, der zur ausgeschilderten, vom Tal aus gut sichtbaren Ruine führt.

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