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Sächsische Kulturlandschaft in Gefahr

Viele freie Künstler leben von der Hand in den Mund. Eine staatliche Soforthilfe könnte das Schlimmste verhindern.

Helge-Björn Meyer kümmert sich um die freie Szene.
Helge-Björn Meyer kümmert sich um die freie Szene. © André Wirsig

Freie Tanz- und Theatermacher in Sachsen haben in der Corona-Krise mit heftigen Einbußen zu kämpfen. Ein Gespräch mit Helge-Björn Meyer über Probleme und Ideen zur Rettung der freien Szene.

Herr Meyer, Sie leiten die Servicestelle Freie Szene in Sachsen, den Interessenverband der freischaffenden Theatermacher. In einer Umfrage wollten Sie wissen, wie sich die Corona-Krise auswirkt. Wie geht es den freischaffenden darstellenden Künstlerinnen und Künstlern in Sachsen derzeit?

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Nach der Auswertung unserer Umfrage kann ich feststellen: Es geht ihnen sehr, sehr schlecht. Wir haben abgefragt, welche Umsatzeinbußen die Solokünstler, Ensembles und freien Spielstätten im Tanz- und Theaterbereich erwarten. 187 Bögen kamen zurück, und ich kann sagen: Die Einnahmeverluste sind sehr groß. Inszenierungen wurden abgesagt, Projekte gecancelt, kulturelle Angebote können nicht stattfinden. Insgesamt rechnen wir mit einem Verlust von einer Million Euro. Das gilt aber nur für den Fall, dass das Veranstaltungsverbot bis zum 20. April gilt. Sollte es bis zum 30. Juni verlängert werden, wird es Verluste von um die 2,4 Millionen Euro geben.

Freie Künstler im Tanz- und Theaterbereich verdienen in Deutschland durchschnittlich 14.000 Euro im Jahr, viele bewegen sich also ohnehin am Rande des Existenzminimums.

Ja, und nun fällt die Krise ausgerechnet in die Zeit zwischen Ostern und Pfingsten, die normalerweise die Haupteinnahmezeit ist. Hier finden in der Regel die meisten Veranstaltungen statt. Was uns erschreckt hat: Nur fünf Prozent derjenigen, die den Fragebogen beantwortet haben, sind vertraglich abgesichert. Fünf Prozent erhalten institutionelle Förderung. 90 Prozent stehen jetzt also ohne nichts da. Das ist höchst alarmierend.

Die Bundeskulturministerin, Monika Grütters, hat Soforthilfen für in Not geratene Künstler zugesagt. Greifen diese bereits?

Das war nicht mehr als eine Absichtserklärung. Auch der Fonds Darstellende Künste hat eine Good-Will-Erklärung abgegeben, dass bereits bewilligte Fördergelder nicht zurückgefordert werden. Es gibt in den Verwaltungen der Kulturräume die Tendenz, aktuell geförderte Projekte zu verschieben. Das befürworten wir.

Künstler können auch Soforthilfe vom Bund für Selbstständige beantragen.

Das tun sie auch häufig, doch diese gilt nur für die Aufrechterhaltung des Betriebs und nicht für künstlerische Tätigkeiten.

In Sachsen gibt es das Programm „Sachsen hilft sofort“, was unkomplizierte Kredite ermöglicht. Ist das eine Option?

Ein Kredit ist für mittelständische Unternehmen sinnvoll, für Künstler ist es das falsche Mittel. Die meisten von ihnen leben von der Hand in den Mund, von einem Projektantrag zum nächsten. Sie haben die berechtigte Sorge, sich mit einem Kredit zu verschulden, denn es ist selbst bei einer langen Laufzeit illusorisch, dass sie ihn ausgleichen können. Jetzt rächen sich die niedrigen Honorare der vergangenen Jahre: Die darstellenden Künstler haben einfach keine Rücklagen. Wir empfehlen manchen daher jetzt tatsächlich, in die Grundsicherung zu gehen. Doch auch das hat einen Haken.

Welchen?

Sobald die Grundsicherung greift, darf man nicht mehr künstlerisch tätig sein. Das wäre natürlich fatal für die Theaterschaffenden, die nach der Krise ja wieder loslegen und Einnahmen generieren müssen. Es ist gut, dass es die Grundsicherung gibt, aber der Weg aus ihr heraus ist sehr schwer.

Welche Maßnahmen halten Sie also für sinnvoll?

Es bräuchte dringend eine Soforthilfe vom Land Sachsen, so etwas wie 3.000 Euro pro Künstler. Das wird in anderen Bundesländern auch praktiziert und würde sehr helfen. Ansonsten steuern wir auf eine Insolvenzwelle freier Spielstätten zu. Die vielfältige Kulturlandschaft in Sachsen ist hochgradig gefährdet. Sachsen sollte mit dem ja vorhandenen Geld dringend auch Kunstschaffende unterstützen. Ich wünsche mir da mehr Verständnis und Anerkennung für sie, denn sonst haben wir bald eine Kulturlandschaft ohne freie Künstler – und wie soll das aussehen?

Auch in Zeiten des Veranstaltungsverbots betätigen sich viele freie Künstler rege im Netz: Sie laden Videos von Aufführungen hoch, tanzen von ihrem Wohnzimmer aus oder zeigen kleine animierte Clips. Ist das eine gute Maßnahme, um im Gespräch zu bleiben?

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Durchaus, aber es hat auch ein Geschmäckle. Letztlich ist es Ausbeutung. Es wird Arbeit auf den Markt geschleudert und kein Geld dafür genommen. Als Marketingmaßnahme mag es geeignet sein, aber ich bin kein Freund von kostenlos bereitgestelltem Material. Positiv sehe ich Aktionen wie #stayathomeandbecreative vom Dresdner Amt für Kultur und Denkmalschutz, das unlängst dazu aufgerufen hat, Videobeiträge einzureichen – und dafür ein Honorar zusagt. Das finde ich einen richtigen Weg, der sehr konkret hilft.

Die Servicestelle Freie Szene stellt alle wichtigen Informationen für freischaffende Künstlerinnen und Künstler zur Verfügung: www.servicestellefreieszene.de

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