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Der Osten verliert eine weitere Stimme

Werner Heiduczek gehörte zu den bekanntesten Schriftstellern der DDR. Nun ist er im Alter von 92 Jahren verstorben.

Der Leipziger Schriftsteller Werner Heiduczek im Jahr 2001. Vergangenen Sonntag ist er im Alter von 92 Jahren verstorben.
Der Leipziger Schriftsteller Werner Heiduczek im Jahr 2001. Vergangenen Sonntag ist er im Alter von 92 Jahren verstorben. © Wolfgang Kluge/Zentralbild/dpa

Von Michael Ernst

Mit Werner Heiduczek verliert die deutsche Literatur eine weitere Stimme des Ostens. Dies nicht nur, weil der am Sonntag in Leipzig verstorbene Autor aus dem schlesischen Hindenburg (heute Zabrze) stammt und sein Leben überwiegend in der Region von Halle und Leipzig verbracht hat. Werner Heiduczek hatte aus eigener Erfahrung „Ost-Themen“ angepackt, als noch niemand ein Wort dafür kannte.

Der in jugendlichen Jahren noch zum Flakhelfer herangezogene Sohn einer Bergarbeiterfamilie wurde nach Krieg und Kriegsgefangenschaft zum Neulehrer ausgebildet. Er war Lehrer, Inspektor sowie Kreisschulrat in Merseburg, bevor er nach einem späteren Pädagogikstudium für drei Jahre an die Goethe-Schule im bulgarischen Burgas ging. All diese Einflüsse prägten seinen künstlerischen Werdegang und fanden sich in zahlreichen literarischen Werken Heiduczeks wieder. Zu einer „Stimme des Ostens“ wurde Werner Heiduczek eher unfreiwillig und gegen erheblichen Widerstand just aus dem östlichen Machtzentrum in Moskau. Erfahrungen der Vertreibung aus seiner ursprünglichen Heimat, die mit der Eingliederung ins neue Lebensumfeld verbundenen Probleme waren seinerzeit unerwünscht und wurden überwiegend verschwiegen. Zu einem ersten Eklat kam es durch Heiduczeks Roman „Tod am Meer“, in dem er quasi europäische Geschichte anhand eines Künstlerschicksals aufarbeitete.

Dass er darin die Schrecknisse des Zweiten Weltkriegs nicht aussparte und von Vergewaltigungen deutscher Frauen durch sowjetische Militärs berichtete, war skandalträchtig. Der damalige Botschafter der UdSSR, Pjotr Abrassimow, intervenierte in Regierungskreisen der DDR gegen das Buch. Heiduczek, bis zuletzt eine sensible, feinsinnig beobachtende Persönlichkeit, war ein erstes Mal tief getroffen und verlegte seine Schriftstellerkarriere – seit 1965 als freier Autor – auf Märchen- und Sagenstoffe sowie auf mehrere Kinderbücher. Bekanntlich schon immer ein Feld, in dem ungeliebte Wahrheiten hübsch zu verklausulieren gewesen sind. Wer also lesen konnte, gewann auch Büchern wie „Die seltsamen Abenteuer des Parzival“ entsprechende Einblicke ab. Parallelwelten fabulierte der Autor in Sagenstoffen für Kinder sowie in Liebesgeschichten von „Mark Aurel oder ein Semester Zärtlichkeit“ bis zur „Reise nach Beirut. Verfehlung“.

Neben literarischen Erfolgen, Auszeichnungen und einer treuen Leserschaft, die ab 1989/90 auch zum gesamtdeutschen Publikum angewachsen ist, hatte Heiduczek auch mehrere persönliche Tiefschläge wie den Tod einer Tochter sowie seiner ersten Ehefrau zu verkraften. In den letzten Jahrzehnten stand ihm mit einer Journalistin erneut eine feste Partnerin zur Seite, mit ihr lebte er in Leipzig und Zwenkau, zudem fand er in der veränderten Verlagsszene eine neue Heimat. Lesenswert zum Verständnis des Autors ist gewiss die 2005 im Verlag Faber und Faber erschienene Autobiografie „Die Schatten meiner Toten“.

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