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Sänger räumen ihre Stühle für den Nachwuchs

Die Gemeinde Gohrisch hat mehr Kinder als Platz. Da sind unkonventionelle Lösungen gefragt – zumindest zeitweise.

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© Norbert Millauer

Von Ines Mallek-Klein

Das dunkelbraune Regal steht an der Wand. Die Fächer tragen Namen, und darin liegen die Noten für jeden einzelnen Sänger des Sächsischen Bergsteigerchores. Der trifft sich jeden Montag in einem kleinen Anbau an der Papstdorfer Turnhalle. Doch diese Zeiten könnten bald vorbei sein. Die Sänger wollen Platz machen für die Kinder. Die gibt es in der Gemeinde Gohrisch reichlich. In der Schule sind alle Klassenräume belegt. Die Hortkinder teilen sich ein Gebäude mit dem Kindergarten. Turbulent wird es dort vor allem beim Mittagessen.

Ein neuer Raum muss her, und zwar schnell. In der vorigen Woche fand deshalb ein Vororttermin aller Verantwortlichen in Papstdorf statt. „Wir müssen jetzt zusammenstehen“, sagt Bürgermeister Heiko Eggert (parteilos). Eine schnelle Ideallösung wird es nicht geben. Stattdessen müssen alle Beteiligten mit einem Kompromiss leben. Der Probenraum des Bergsteigerchores soll zum Hortzimmer werden. Dafür muss die eingebaute Bar herausgerissen werden. Es wird einen frischen Anstrich geben, und auch die teils über Putz verlegten Elektrokabel sind nicht mehr zeitgemäß. Die Idee, den Raum für den Hort und den Chor zu nutzen, hat man schnell wieder verworfen. Das Umräumen würde zu viel Zeit kosten, und für das Inventar des Chores fehlt der Lagerplatz. Die Sänger sollen deshalb ausziehen – vorübergehend.

Im Gespräch ist der Gemeindesaal in Gohrisch. Der ist nicht nur akustisch gut geeignet: In ihm steht bereits ein Klavier, und dort gäbe es auch einen separaten Raum, in dem die Noten gelagert werden könnten. Eine erste Besichtigung fand bereits statt. Bürgermeister Heiko Eggert schlug als zweite Alternative den Saal der Sennerhütte in Gohrisch vor. Die endgültige Entscheidung steht noch aus.

Die Gemeinde Gohrisch will nun einiges Geld in die Hand nehmen, um den ehemaligen Probenraum zu renovieren. Er hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Der Anbau an die Turnhalle wurde schon für den ESP-Unterricht (Einführung in die sozialistische Produktion) genutzt. Er war aber auch schon einmal Hortraum mit eigener Teeküche. Mit der erneuten Umnutzung entspannt sich die Situation beim Schulessen. Der derzeit genutzte Raum ist viel zu klein. Die Kinder müssen teilweise auf den Gängen und in mehreren Schichten essen. „Das ist schwierig, denn wir sind an die Abfahrtszeiten der Busse gebunden“, so Schulleiterin Maria Wamser.

Für alle Beteiligten ist klar: Der neue Raum kann nur eine Übergangslösung sein. Entsprechend umsichtig will die Gemeinde jetzt investieren. „Wenn für die Kinder eine Lösung gefunden ist, wollen wir wieder in den Raum zurück“, sagt der zweite Vorsitzende des Sächsischen Bergsteigerchores, Peter Seifert. Die dauerhafte Lösung ist der Neubau eines Kindergartens. Damit würden in dem alten Schulgebäude wieder Räume frei, die zum Essen und für den Hort genutzt werden könnten. Die Förderanträge für den Kita-Neubau sind schon gestellt. Eine Entscheidung gibt es aber noch nicht. Bürgermeister Heiko Eggert ist aber zuversichtlich. Die Kinder- und Schülerzahlen zeigen, wie groß der Bedarf ist. Allein 2016 werden nach aktuellen Prognosen 42 Kinder eingeschult. Und es könnten noch mehr werden, wenn das Baugebiet in Kleinhennersdorf wächst.

Der Bürgermeister warnt aber auch vor überzogenen Erwartungen. Selbst wenn die Fördermittelzusage kommt, „steht der Neubau nicht von heute auf morgen“, so Eggert. Es wird einen Kompromiss geben müssen. Der muss auch für die Sänger vertretbar sein. Denn „der Bergsteigerchor ist ein wichtiger Bestandteil unseres Ortes und des Vereinslebens“, sagt Heiko Eggert.