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Ehe jedes Kind ins Bettchen muss

Der Sandmann wird 60 Jahre alt. Entstanden ist er einst aus einem Wettstreit zwischen Ost- und Westdeutschland. Aber warum hat er eigentlich nur vier Finger?

Von Bernd Klempnow
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Die erste ( r.) und die letzte Sandmannfigur des DDR-Fernsehens (l.) in einem Bild: Generationen von Kindern hat das Sandmännchen schon Schlafen geschickt.
Die erste ( r.) und die letzte Sandmannfigur des DDR-Fernsehens (l.) in einem Bild: Generationen von Kindern hat das Sandmännchen schon Schlafen geschickt. © Thomas Uhlemann/dpa

Was haben Mickey Mouse, Donald Duck und das Sandmännchen gemeinsam? Den Klassikern von Walt Disney und Deutschlands beliebtester Kinderfernsehfigur fehlen der fünfte Finger an jeder Hand – der Mittelfinger. Die Obszönitäten, für die er unerlässlich ist, sind bei ihnen nicht üblich. Die Erklärung ist eher ökonomischer Art: Für Zeichen- wie Puppentrickfilme sind so viele Einzelbilder nötig, dass es sich durchaus lohnte, bei jeder Hand einen Finger wegzulassen. Dadurch sparen die Zeichner beziehungsweise die Puppenspieler Zeit. Außerdem sehen „Hände mit vier Fingern auf jeden Fall knuffiger aus“, sagt Andreas Strozyk, Autor und Grafiker von Sandmännchen-Geschichten wie „Kalli“ und „Rasmus Rotbart und Lawina“.

Und tatsächlich knuffig ist der kleine, 24 Zentimeter große Mann. Zeitlos ist er ohnehin. Er altert nicht – feiert aber Geburtstag. Und in diesem Jahr, am 22. November, wird es sein 60. sein. Der federführende RBB plant mit den koproduzierenden Sendern MDR und NDR sowie mit weiteren Partnern ein unterhaltsames, noch nicht komplett veröffentlichtes Programm rund um das Jubiläum des Puppenstars.

In dieser Woche hatte bereits die neue, siebenteilige Abendgruß-Reihe vom kleinen Drachen „Kalle Kuchenzahn“ Premiere. Die Lieder von Drehbuchautor und Komponist Kai Lüftner laufen im Kika und ab 18. Januar immer freitags im RBB und MDR. Der Drache Kalle Kuchenzahn lebt mit seinen Freunden, der Schildkröte Olsen, dem Gockel, Meerschweinchen und Hasen in einer ganz eigenen Welt. Immer auf der Suche nach spannenden Dingen, ist es ihm besonders wichtig, viel Kuchen zu essen und Zeit mit seinen Freunden zu verbringen. Gern lässt er sich die Köstlichkeiten von Ameisen servieren.

Der frühe Ost-Sandmann kommt mit dem Regenschirm. Foto: RBB
Der frühe Ost-Sandmann kommt mit dem Regenschirm. Foto: RBB
Der West-Sandmann schwebte auf seiner Reisewolke heran. Foto: RBB
Der West-Sandmann schwebte auf seiner Reisewolke heran. Foto: RBB
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Ab dem 3. Februar gibt es dann Neues von den „Moffels“. In 13 Episoden erleben die drei außerirdischen Wesen zusammen mit Luzi immer sonntags Abenteuer. Denn nach einem Umzug in ein neues Haus hatte die Fünfjährige in einer geheimen Dachkammer Karten entdeckt, mit deren Inschriften außerirdische Wesen herbeigezaubert werden konnten – eben jene drei Moffels: braune, pantofflige Plüschpoffler, die von nun an für dreiunddreißigeinviertel Monde bei ihr festsitzen und ihre Wünsche erfüllen. Luzi gerät dabei in Konflikte mit den Eltern, neugierigen Nachbarn und Ordnungshütern.

Ein Höhepunkt im Geburtstagsjahr ist das Aufstellen einer lebensgroßen Sandmännchen-Figur. Sie wird im Frühjahr die RBB-Besucher in der Masurenallee in Berlin vor dem Fernsehzentrum begrüßen – sitzend auf einer Bank. Die Wahrscheinlichkeit, dass seine Hände oder der Bart schon bald etwas poliert oder sogar abgegriffen wirken dürften, ist ziemlich groß. Denn viele Deutsche sind mit dem Sandmännchen als festes Abendritual aufgewachsen. „Unser Sandmännchen“ ist die älteste Kinderfernsehsendung, die bis heute produziert wird. Es ist eines der wenigen Formate aus dem DDR-Fernsehen, das nach der Wende weitergeführt wurde.

Über eine Million kleine und größere Menschen schauen heute dem Traumsand-Bringer bei seiner abendlichen Arbeit zu. Wer eine Sendung verpasst hat, kann sich die Prise Schlafsand auch online, per kostenloser App oder in der ARD-Mediathek holen. Seit April 2017 bietet der RBB die tägliche Folge über das Internet auch mit Gebärden an.

Das Erstaunliche der Geschichte dieser drolligen Figur ist ihre Entstehung: Denn der Wettstreit zwischen Ost- und Westdeutschland war der Anlass.

Die Tradition, Kindern Gutenachtgeschichten vorzulesen, hatten Radiosender in der Nachkriegszeit aufgegriffen. „Abendlied“ hieß beispielsweise eine Sendung der Kinderbuchautorin Ilse Obrig im Berliner Rundfunk. Im DDR-Hörfunk ging ein Sandmann erstmals im Mai 1956 auf Sendung. Im Deutschen Fernsehfunk wurde ab Oktober 1958 der Abendgruß daraus.

Die Idee zu einem Fernseh-Sandmann nach der literarischen Vorlage etwa E. T. A. Hoffmanns und Hans Christian Andersens hatte Ilse Obrig – nur war sie da schon nach Westberlin gezogen, zum Sender Freies Berlin gewechselt. Sie entwickelte eine kleine Handpuppe. Doch bevor dieser Sandmann am 1. Dezember 1959 auf dem SFB-Bildschirm erstmals zu sehen war, hatte der Deutsche Fernsehfunk in Adlershof am 22. November seinen Kandidaten ins Rennen geschickt.

Links das Ost-, rechts das West-Sandmännchen.
Links das Ost-, rechts das West-Sandmännchen. © Frank Rumpenhorst dpa

Die Fernsehmacher dort hatten von Westberliner Planungen gehört und wollten schneller sein. Der Bühnen- und Kostümbildner Gerhard Behrendt (1929 – 2006) brachte die gewünschte Figur in nur zwei Wochen mit aufwendiger Trickfilmtechnik zustande. Die Kulissen und die zahlreichen Fahrzeuge baute Harald Serowski.

Die Sandmänner – im Westen gab es zeitweise sogar zwei – waren von Anfang an TV-Lieblinge. Allerdings ging der Start des Adlershofers etwas schief. Nach getaner Arbeit schlief nämlich der Sandmann in der ersten Folge an einer Straßenecke ein. Das führte zu Protesten von Eltern. Viele Kinder, so die Legende, sollen dem Sandmännchen in Briefen ihre Betten angeboten haben. Also wurde das Ende geändert. Seitdem verabschiedet sich das Männchen und entschwindet in die Ferne.

1960 bekam er seine endgültige Form und Größe sowie den bis heute typischen Bart. Dass er anfangs eher einem Rumpelstilzchen ähnelte, soll Zufall gewesen sein. Die lustigen Filzstiefelchen, später Ziegenlederstiefel, der Sternen-Umhang und die spitze Mütze tragen zur Niedlichkeit bei, geben ihm sogar durchaus etwas Keckes.

Zum 40. Geburtstag der Figur 1999 hatte Autor Andreas Strozyk eine sechsstündige „Lange Nacht des Sandmännchens“ organisiert und die gut 450 Filme gesichtet. Sein Fazit: „Für mich war spannend zu sehen, mit wie viel Liebe und Sorgfalt über so lange Zeit für Kinder gearbeitet wurde. Wie viel Fantasie und Kraft investiert wurden, um den kleinen Helden immer wieder auf die Reise zu schicken – und alles nur, um Kindern zu sagen: ,Schlaft schön, träumt was Schönes!’“

© Soeren Stache/dpa

Die Abendgrußgeschichten in der Rahmenhandlung des Sandmännchens folgten einem festen Wochenplan. Am populärsten waren sonntags „Herr Fuchs und Frau Elster“ und samstags „Pittiplatsch und Schnatterinchen im Märchenland mit Moppi“.

Und da knüpfen die heutigen Produzenten an. Als Geschenk zum 60. planen sie 13 neue „Pittiplatsch“-Folgen. In denen wird der freche Kobold mit Schnattchen und Moppi wieder Streiche aushecken – allerdings werden sie dabei anders reden. Es gibt, altersbedingt, neue Sprecher. Zum ersten Mal seit 1991 werden solche neuen Filmchen produziert. Die Staffel ist zum Jubiläum im November zu sehen.

Überhaupt die Mannschaft: Zu den altbekannten Figuren des DFF-Sandmännchens kamen mittlerweile viele neue hinzu wie „Die drei kleinen Spürnasen“, „Die obercoole Südpolgang“ und „Der kleine König“. Auch Figuren des westdeutschen Abendgrußes wie „Piggeldy und Frederick“ wurden integriert.

PS: Was unterscheidet das West-Sandmännchen vom DDR-Partner? Der Wessi hatte es dicke. Er trug nämlich fünf Finger an jeder Hand. Der Ossi, mit nur je vier Fingern, aber hat überlebt. Der nie ganz so populäre West-Vetter wurde noch vor der Wende unauffällig eingestellt. Ein Grund: Kinder waren für das kommerziell orientierte Vorabendprogramm der ARD als Zielgruppe uninteressant.

„Unser Sandmännchen“: im Kika täglich 18.50 Uhr; im RBB montags bis samstags 17.55 Uhr, sonntags 17.50 Uhr; im MDR montags bis samstags 18.54 Uhr, sonntags 18.52 Uhr – im Zweikanalton auch Sorbisch.