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Wie Radler das Bürgermeisterhaus retten

Nach langem Verfall wird die Brunnenstraße 21 in Zittau saniert. Die Investoren bauen moderne Wohnungen - mit einer grandiosen Fernsicht.

Michael Jäger von der Firma Wilke in Olbersdorf arbeitet an der Fassade des ehemaligen Bürgermeisterhauses, Brunnenstraße 21, in Zittau.
Michael Jäger von der Firma Wilke in Olbersdorf arbeitet an der Fassade des ehemaligen Bürgermeisterhauses, Brunnenstraße 21, in Zittau. © Rafael Sampedro

Michael Jäger hat derzeit den Arbeitsplatz mit der wohl schönsten Aussicht in Zittau. Vom Gerüst an der Rückseite des ehemaligen Bürgermeisterhauses Brunnenstraße 21 kann er über die Dächer der Stadt das gesamte Gebirge sehen.

In etwa neun Monaten werden er und seine Bau-Kollegen das Haus mit über 1.000 Quadratmetern Nutzfläche saniert haben. Nachdem es Jahrzehnte verfallen ist und zwischendurch nur notdürftig gesichert wurde. Ab Ende des ersten Quartals 2021 können Mieter von Balkons und Loggias die grandiose Fernsicht genießen. Insgesamt entstehen neun 90 bis 140 Quadratmeter großen Drei- und Vierraumwohnungen sowie eine kleinere Zwei-Raum-Wohnung mit moderner Ausstattung.

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Die Rückseite des Bürgermeisterhauses.
Die Rückseite des Bürgermeisterhauses. © Rafael Sampedro

Zu verdanken ist die Rettung des vor reichlich 290 Jahren errichteten barocken Bürgerpalais' zwei Cottbusern, die namentlich nicht genannt werden möchten. Sie sind begeisterte Hobby-Radler. Auf einer Tour ins Zittauer Gebirge führte sie ihre Route auch in die Brunnenstraße. Durch ein kaputtes, nicht mehr verglastes Fenster der 21 haben sie eigenen Angaben zufolge eine Deckenmalerei mit mittelalterlichen Motiven von 1892 entdeckt. Pure Neugier war geweckt. Zudem hätten sie das Haus als rettungsbedürftig eingestuft, sagte einer der beiden der SZ. Da sie Erfahrungen in der Immobilienbranche und bei der Sanierung von Gebäuden haben, fassten sie den Entschluss, ihr erstes Objekt in der südlichen Oberlausitz in Angriff zu nehmen. Sie machten sich in die Spur, knüpften Kontakt zum damaligen Eigentümer und kauften ihm das Bürgermeisterhaus ab. 

Diese Wandmalerei sahen die Investoren auf ihrer Radtour durch ein kaputtes Fenster von der Brunnenstraße aus.
Diese Wandmalerei sahen die Investoren auf ihrer Radtour durch ein kaputtes Fenster von der Brunnenstraße aus. © Thomas Mielke

Rund 1,85 Millionen Euro soll die Sanierung laut Planung kosten. Maximal 700.000 Euro schießt die Stadt aus öffentlichen Töpfen als Fördermittel zu. Anders würde sich die Sanierung nicht rechnen, sagt einer der Besitzer. Auf der anderen Seite ist dadurch auch die Miete gedeckelt. 

Anfang des Jahres haben die Arbeiten begonnen. Inzwischen ist viel passiert. Neue Fenster sind eingebaut worden. Der Unterputz ist am Haus, der Innenausbau läuft auf Hochtouren. "Die Atmosphäre des Gebäudes muss laut Denkmalpflege erhalten bleiben", betont Isabel Vogel von der Zittauer Stadtentwicklungsgesellschaft, die den Bau begleitet. Das grandiose Treppenhaus, die Gewölbe, der Dreiecksgiebel  - alles wird nach historischem Vorbild rekonstruiert. Über eine Entscheidung des Denkmalschutzes sind die Sanierer indes nicht glücklich: Einen Fahrstuhl dürfen sie nicht in das "Auge" des Treppenhauses bauen. Das ist aber der einzig mögliche Platz, der ohne großen Aufwand dafür nutzbar gewesen wäre. Auf einen Anbau außen verzichten die Investoren. Nun wird es keinen Fahrstuhl geben. 

Eigentlich wollten die Cottbuser schon Ende des Jahres fertig sein. Aber dieses Rekordtempo werden sie nicht durchhalten können. Wie oft bei historischen Häusern taucht auch in der Brunnenstraße 21 die eine oder andere Überraschung auf, die den Bau verzögert. Im Bürgermeisterhaus sind es aktuell Dachbalken, die unvorhergesehen zusätzlich erneuert werden müssen.  

Erbaut hat das Gebäude Johann Christian Johne, der kurze Zeit später Bürgermeister in Zittau wurde. "Im Garten legte er eine Orangerie und eine damals berühmte Nelkenzucht an“, heißt es in einer Studie von Architektur-Professor Jos Tomlow. Zudem müsse der Bürgermeister viel Liebe in die Gestaltung von Haus und Grundstück gesteckt haben, was unter anderem an einem Bassin im Garten und 85 Zentimeter hohen Sandsteinfiguren zu erkennen gewesen sei.

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