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Sanierung im Problemviertel

Die obere Jauernicker Straße in Görlitz machte zuletzt nur noch negative Schlagzeilen. Jetzt baut ein Freitaler hier sehr hochwertig.

Bauherr Karsten Tobias steht in seinem Haus Jauernicker Straße 38. Bis nächstes Jahr soll es fertig saniert sein.
Bauherr Karsten Tobias steht in seinem Haus Jauernicker Straße 38. Bis nächstes Jahr soll es fertig saniert sein. © fff

Baukräne sind in der oberen Jauernicker Straße nichts Ungewöhnliches. Immer wieder stürzt in den unsanierten Gründerzeithäusern kurz vor der Reichertstraße etwas zusammen. Erst Mitte Juli machte die Straße Schlagzeilen, weil die Nummer 31 innen zusammenbrach und die Feuerwehr zur Sicherung anrücken musste.

Die Häuser 29 und 39 wurden voriges Jahr durch die Eigentümer notgesichert, weil sie in einem miesen Zustand waren. Jetzt steht wieder ein Kran vor einem eingerüsteten Haus, der Nummer 38. Eines aber ist diesmal anders: Das Haus wird nicht nur notgesichert, sondern komplett saniert.

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Dafür verantwortlich ist Karsten Tobias aus Freital. Mit seiner Frau Nicole leitet der 48-Jährige den Pflegedienst Tobias. „Wir sind das neuntgrößte Pflegeunternehmen in Deutschland“, sagt Tobias stolz. Über 600 Mitarbeiter arbeiten für das Ehepaar, das sich mit dem Pflegedienst auf die Kinderintensivpflege spezialisiert hat und in Dresden die erste stationäre Kinderintensivpflege in Ostdeutschland errichtet hat. Das erwirtschaftete Geld steckt das Ehepaar gern in Häuser. „In Dresden, Radeberg und Freital haben wir 25 Immobilien“, sagt Karsten Tobias. Alle werden nach und nach saniert: „Inzwischen sind wir fast fertig.“

Ein Haus in Görlitz zu kaufen, sei reiner Zufall gewesen, sagt der Mann, der zu DDR-Zeiten eine gastronomische Ausbildung gemacht und nach 1989 lange im Vertrieb gearbeitet hat, bevor er mit seiner Frau ab 2008 den Pflegedienst aufgebaut hat. Zu Görlitz hatte er bis dahin keinen Bezug – abgesehen von dem, was er in der Presse las: „Die Altstadt fand ich immer interessant.“ Die Jauernicker Straße 38 sei ihm vor Jahren angeboten worden. Weil das Haus nur 20 000 Euro kostete und er auf die Denkmal-Abschreibung hoffte, schlug er zu. Zudem hätten die Häuser, die in der Jauernicker Straße schon saniert sind, einen guten Eindruck gemacht: „Ich dachte, dass ich mich da gut einreihen kann.“ Hinzu kam, dass der Besitzer des ruinösen Nachbarhauses 39, die Berliner Firma Thamm & Partner, ebenfalls einen Sanierungsbeginn ankündigte. So hoffte Tobias, dass vielleicht beide gleichzeitig loslegen können.

Zwischen sanierten Häusern stehen in der oberen Jauernicker Straße noch einige Ruinen. Karsten Tobias saniert das Haus 38 (l.) und später vielleicht das Nachbarhaus.
Zwischen sanierten Häusern stehen in der oberen Jauernicker Straße noch einige Ruinen. Karsten Tobias saniert das Haus 38 (l.) und später vielleicht das Nachbarhaus. ©  Nikolai Schmidt

Allerdings geht es bei Thamm & Partner nicht vorwärts. Stattdessen beschäftigt sich das Unternehmen mit Notsicherungen: Auch die Nummer 31, wo es Mitte Juli den Einsturz gab, gehört Thamm & Partner. Inzwischen überlegt Tobias, den Berlinern die Nummer 39 abzukaufen: „Dann könnte ich zwei benachbarte Häuser sanieren und hätte nicht nebenan eine Ruine stehen.“ In der Wand zum Nachbarhaus hat sich durch das Wasser schon ein Riss gebildet: „Das muss unten stabilisiert werden.“

In der Nummer 38 hat er im Mai losgelegt – mit der Firma Biehain Bau aus Biehain als Generalauftragnehmer. „Die Firma ist ein Glücksgriff, sehr rührig“, lobt der Bauherr. Er plant elf Mietwohnungen, davon zehn im Vorderhaus und eine im Hinterhaus, das somit quasi zum Einfamilienhaus wird. Im Vorderhaus wird es pro Etage zwei Dreiraum-Wohnungen mit jeweils 70 bis 80 Quadratmetern Wohnfläche geben, alle mit Dusche, Wanne und zwei Waschbecken, allesamt per Aufzug erreichbar und, abgesehen vom Dachgeschoss, alle mit Balkon. Wo möglich, wird eine Fußbodenheizung verlegt. Falls sich Mieter finden, die eine kleine Vierraumwohnung wollen, ließe sich auch noch eine Wand einziehen: „Der Schnitt lässt das zu.“ Mieter sollen möglichst im Vorfeld gefunden werden – und haben dann Einfluss auf Fußbodenbeläge, Farben und so weiter. Im Hof soll es wenige Stellplätze und viel Grün geben, vielleicht auch einen Grillplatz.

Das Hinterhaus wird als Einfamilienhaus hergerichtet und dann vermietet.
Das Hinterhaus wird als Einfamilienhaus hergerichtet und dann vermietet. ©  Nikolai Schmidt

Im Moment ist das aber noch Zukunftsmusik: Das Haus war bis Mai in einem sehr schlechten Zustand – und völlig vermüllt. „Allein die Beräumung hat zwei Wochen gedauert“, sagt Tobias. Danach begann die Entkernung. Ganze Etagendecken sind vom Hausschwamm befallen. „Außer zwischen Parterre und erstem Stock nehmen wir deshalb alle Decken raus“, sagt der Bauherr. Im Oktober/November soll ein neues Dach drauf, danach folgt schrittweise der Innenausbau. Wenn alles gut läuft, soll das Vorderhaus Mitte 2020 fertig sein, das Hinterhaus bis September. Was das Ganze kosten wird, sei schwer zu schätzen, sagt der Bauherr: „Aber wir bauen auf jeden Fall ohne Fremdmittel, also ohne Banken und ohne Fördermittel.“ Nur die Denkmalabschreibung will er nutzen. Auch die Mietpreise stehen noch nicht fest: „Es soll aber nicht überteuert werden.“ Das Haus bleibt – wie alle anderen selbst sanierten Gebäude – im Besitz der Familie Tobias. Sie setzt vor Ort einen Hausverwalter ein, der sich um alles kümmern wird.

Wenn es gelingt, Thamm & Partner das Nachbarhaus 39 abzukaufen, soll es gleich als Nächstes saniert werden, schließlich ist der Kran einmal da. Aber hat der Bauherr keine Angst, dass sich keine Mieter finden, weil in den Häusern ringsum immer wieder Decken einstürzen? Als er im Juli von dem Einsturz in der 31 gehört habe, sei er schon erschrocken gewesen, sagt Tobias – vor allem, weil es ja auch ein Haus von Thamm & Partner ist. „Aber andererseits haben wir in Freital auch in schwierigen Lagen gebaut“, sagt er. Er setze auf hochwertige Sanierung und versuche, in den jeweiligen Ortsteilen Akzente zu setzen. In Freital habe das funktioniert, warum nicht also künftig auch in Görlitz?

Kontakt zum Bauherrn: [email protected]

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