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Saubere Wäsche und reparierte Fahrräder

Menschen mit Behinderung leisten vieles, worauf niemand verzichten will. Das muss sich nur noch herumsprechen.

Von Tilo Berger

Behinderte können sehr aufmerksam sein. Wie gestern in Hoyerswerda, aber es hätte genauso zum Beispiel in Bautzen, Zittau, Niesky oder Kamenz geschehen können. Der Reporter hat’s eilig und parkt sein Auto kurzerhand auf dem Hof vor einer großen Glasfront. Dahinter werden emsig Dübel und Schrauben in kleine Tüten verpackt; einige Frauen und Männer sitzen dazu im Rollstuhl, einige auf Stühlen, einige stehen. Einer der Letztgenannten öffnet plötzlich eine Tür zum Hof. „Hier ist kein Parkplatz“, sagt der junge Mann und wiederholt gleich noch mal: „Hier ist kein Parkplatz!“ Oh, wo denn dann? „Fahren Sie zur nächsten Einfahrt. Dort, wo die vielen Autos stehen.“ Danke, wird gemacht.

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Behinderte sind vielseitig. Über der Tür steht zwar groß „Fahrradwerkstatt“; wer genauer hinsieht, entdeckt auch den Hinweis, dass die Lausitzer Werkstätten Hoyerswerda hier ihren Verkauf haben. Und wieder ist manches zu sehen, was Behinderte nicht nur in Hoyerswerda, sondern auch andernorts herstellen: Vogelhäuschen und Nistkästen zum Beispiel. Oder Blumentöpfe mit Verzierungen. Oder getöpferten Weihnachtsschmuck. Oder Kerzenständer. Fahrräder zum Reparieren stehen in dieser Jahreszeit nur wenige hier. Die Fahrradwerkstatt war mit das Erste, was die Lausitzer Werkstätten gleich nach ihrer Gründung 1991 eröffneten. In Spitzenzeiten stehen hier schon mal 60 bis 80 Drahtesel. Der Vattenfall-Konzern zum Beispiel lässt hier seine Dienstfahrräder instand setzen.

Behinderte sind mittendrin. Die Hoyerswerdaer Werkstatt befindet sich ebenso in einem Gewerbegebiet, wie das beispielsweise auch in Bautzen oder Löbau der Fall ist. „Früher wurden Menschen mit Behinderung eher versteckt, sie waren im Alltag kaum zu sehen“, weiß Eckhart Friese, Geschäftsführer der Lausitzer Werkstätten. Knapp die Hälfte der Geschäftsanteile hält die Stadt Hoyerswerda, ebenfalls knapp die Hälfte der Sozialverband VdK Landesverband Sachsen, ein paar Prozent der Förderverein für die Hoyerswerdaer Werkstätten.

Behinderte wollen arbeiten. Etwa 3 000 Menschen mit Behinderung arbeiten in der Oberlausitz in Werkstätten. Aber fast 1 500 Schwerbehinderte sind auch als arbeitslos registriert. „Hier steckt ein Potenzial für den Arbeitsmarkt in der Oberlausitz“, sagt Shirin Khabiri-Bohr, die Chefin der Bautzener Arbeitsagentur. „Peinlich, dass wir das erst in Zeiten des demografischen Wandels so deutlich merken.“

Behinderte brauchen Anerkennung. Und Leute, die diese Anerkennung geben. Eckhart Friese, der vor seiner Tätigkeit in Hoyerswerda Sozialdezernent im Bautzener Landratsamt war, hat eine entscheidende Erfahrung gemacht: „Um Behinderte auf dem Arbeitsmarkt zu integrieren, muss man die Unternehmer mitnehmen. Sie müssen sich davon überzeugen können, dass Menschen mit Behinderung Qualitätsarbeit leisten. Nur das zählt.“

Behinderte sind oft Heinzelmännchen, deren Arbeit kaum jemand sieht, aber jeder schätzt. Die Lausitzer Werkstätten in Hoyerswerda fanden im Verlaufe der Jahre eine ganze Reihe von Unternehmen als Auftraggeber, berichtet Friese. Das Lausitzer Seenland-Klinikum zum Beispiel lässt seine Grünanlagen von Behinderten pflegen. Mit der Stadt Hoyerswerda gibt es einen Vertrag über Arbeiten beim Winterdienst. Für ein Möbelwerk in Wittichenau, das auch den Ikea-Konzern beliefert, entstehen in den Lausitzer Werkstätten die Paletten. Einem Kunststoffbetrieb in Wilthen liefern die Hoyerswerdaer Steckdübel.

Behinderte brauchen Kontinuität, aber auch die Chance, kreativ zu sein. „Wichtig sind bei den meisten gleich laufende Arbeitsaufträge“, sagt Eckhart Friese. „Es geht bei uns nicht wie in anderen Unternehmen, wo Mitarbeiter gesagt kriegen: Ab morgen machst du was anderes. Das macht es für uns komplizierter.“ Andererseits wollen manche auch kreativ arbeiten. Das geht zum Beispiel in der Tischlerei. Aus alten Möbeln werden hier wahre Schmuckstücke. Gerade hat die kleine Mannschaft dieses Werkstätten-Bereichs eine Kredenz wieder aufgemöbelt. Älter als 250 Jahre ist ein Eckschrank, der jetzt auf die Verjüngungskur wartet. Ein Sekretär, wie er heute kaum noch in Möbelgeschäften zu finden ist, glänzt schon wie neu. „Diese Arbeiten erledigen wir für Privatleute“, erklärt Arbeitsvorbereiterin Marina Adamik.

Eines brauchen Behinderte nicht: Mitleid, Bedauern. Aber Aufmerksamkeit. Sie schütteln gleich mal Leuten die Hand, obwohl sie die gar nicht kennen. Das erlebte gestern in Hoyerswerda auch Shirin Khabiri-Bohr, bevor sie sichtlich beeindruckt die Lausitzer Werkstätten wieder verließ. Eckhart Friese gab der Chefin der Arbeitsagentur noch ein paar grundsätzliche Worte mit auf den Weg: „Wir sind ein ganz normaler Teil des Arbeitsmarktes und wollen so auch ganz selbstverständlich wahrgenommen werden.“ Und das ist in allen anderen Werkstätten ganz genauso, ob nun in Weißwasser, Zittau oder Bischofswerda.