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Feuilleton

Schafft die große Landstadt "Lausitz"!

Mit fast einer Million Einwohnern könnte hier eine starke Metropole entstehen. Eine Vision zur Zukunft der Region.

Landliche Idylle, bald auch urban? Auf dem Feld zwischen Zittau und Mittelherwigsdorf ist Platz für Visionen.
Landliche Idylle, bald auch urban? Auf dem Feld zwischen Zittau und Mittelherwigsdorf ist Platz für Visionen. © Rafael Sampedro

Von Clemens Renker

Eine weitere Phase des Niedergangs kündigt sich für die gesamte Lausitz gerade an. Augenscheinlich illustriert dies, dass nahezu jedes Bahnhofsgebäude auf der Strecke von Zittau nach Dresden-Neustadt bereits vernagelt ist. Die Überalterung schreitet voran. Es mangelt an hinreichend jungen und qualifizierten Kräften. Der „brain drain“ seit der Wendezeit hält an. Es fehlt an notwendigen treibenden Akteuren, die ausreichend Innovationen für Arbeit und Wohlstand aus der Region schaffen. Die meisten Menschen leben von umverteilten Steuermitteln, von Sozialleistungen, von der Rentenkasse oder von der Arbeit einiger Werkbänke großer Konzerne. Die Attraktivität der Metropolen und der Megatrend Urbanisierung ziehen weiter Leistungsträger von den Dörfern. Der Trend der Landflucht bleibt. Zudem kann sich die Lausitz den dynamisch sich entwickelnden großen Strömungen der Neuverteilung der Welt in allen Domänen nicht entziehen.

365 Tage für Patienten da

Die Dresdner City-Apotheken bieten mehr, als nur Medikamente zu verkaufen. Das hat auch mit besonderen Erfahrungen zu tun. Was, wenn Sonntagmorgen plötzlich der Kopf dröhnt oder die Jüngste Läuse mit nach Hause gebracht hat?

Den heimischen Kommunen fehlen ausreichend eigene finanzielle Grundlagen. Sie hängen weitgehend am Topf der deutschen Steuerzahler. Immer weniger Menschen sind bereit und verfügen auch über die notwendigen Kompetenzen, um in der Kommunalpolitik Verantwortung zu übernehmen. Wie sollen kleine Gemeinden nur die geforderten Tax-Compliance-Systeme oder die European Publicsector Accounting Standards (EPSAS) bewältigen können?

Während in den letzten Jahren deutsche Universitätsstädte einen massiven Zulauf an Studierenden verzeichnen, hat sich deren Zahl am Hochschulstandort Zittau/Görlitz von mehr als 4.000 in Richtung 3.000 zurückentwickelt. Nach der letzten Studie der Wirtschaftsberatung Prognos liegen im Ranking der deutschen Städte und Landkreise die Lausitzer auf den letzten Plätzen. Und eine Studie des Forschungsinstituts Empirica empfahl vor drei Jahren sogar teilweise die Aufgabe von Kommunen in der Oberlausitz. Der aktuelle Postbank Wohnatlas 2018 prognostiziert bis 2030 mit mehr als 2,5 Prozent jährlichen inflationsbereinigten Rückgang in der Lausitz die schlechtesten Werte in Deutschland.

Zum Aufgeben ist die Lausitz zu wertvoll

Wehen derartig orkanartige Stürme des weltweiten Wandels, hilft es nicht, wenn Lausitzer nach innen und außen Mauern bauen, statt Segel zu setzen. Nach der russischen Philosophin Ayn Rand können Kommunen in dieser Situation nur zwei Sünden begehen: zu wünschen und zu klagen, ohne effektiv zu handeln – und handeln mit Durchwursteln und Aktionismus, ohne begründete Ziele und ganzheitlichen Fahrplan.

Was tun? Zum Aufgeben ist die Region zu wertvoll. Jedenfalls verdient es die Lausitz, auch wieder an ihre reiche Geschichte anzuknüpfen. Gerade die Phänomene Digitalisierung, Künstliche Intelligenz und Maschinelles Lernen eröffnen historisch einmalige Chancen. Wenn wir allerdings in Zeiten des radikalen Wandels leben, dann sind die herkömmlichen strukturpolitischen und regionalpolitischen Maßnahmen nach dem Motto „vom Überflüssigen zu viel und vom Notwendigen zu wenig“ keine Lösung. Im Gegenteil. Sie führen umso weiter vom gelobten Lande weg, je mehr wir wie in den vergangenen 30 Jahren linear auf dieses regional-wirtschaftliche Instrumentarium in Form von Fehl-Anreizen durch Steuermittel setzen.

Schaffen wir doch einfach eine vollkommen neue kommunale Institution: die „Große Landstadt Lausitz“. Der Bürgermeister von Wunsiedel, Professor Matthias Popp, will derzeit aus 42 Kommunen im ähnlich strukturschwachen Fichtelgebirge die viertgrößte Stadt Bayerns zu einer guten Zukunft zusammenschweißen.

Die Lausitzer Gegend hat einerseits in ihrer Geschichte schon die Erfahrung mit dem Sechs-Städte-Bund. Andererseits ist beispielsweise Berlin als Deutschlands flächengrößte Stadt auch nur eine Ansammlung von eingemeindeten Dörfern. Die früher selbständige Kleinstadt Schwabing ist heute ein Stadtteil von München mit attraktivem Lebensgefühl.

Bamberg hat es vorgemacht

Die neue „Große Landstadt Lausitz“ wäre mit nahezu einer Million Einwohnern eine der einflussreichsten Metropolen Deutschlands, auch mit politischem Gewicht in Brüssel. Die neue Landstadt wäre ein zugkräftiger Magnet. Denn sie böte einerseits als „Land“ reizvolle Lebensräume und reiche Naturlandschaften, die eine Stadt an sich nicht hat. Andererseits schüfe sie als attraktive große „Stadt“ Möglichkeiten an Wissenschafts- und Innovationsstätten, medizinischer Versorgung, Kultur und logistischer Infrastruktur, die das Land nicht bieten kann. Insofern weist diese Vision einen weltweit einzigartigen Weg in die Sicherung wirtschaftlicher, sozialer, kultureller und ökologischer Wohlfahrt für alle Menschen der Lausitzer Region.

Nach den epochalen Revolutionen der Sesshaftigkeit der Menschen durch die Agrarwirtschaft vor 12.000 Jahren, dem Siegeszug der Wissenschaft vor 500 Jahren eröffnet nun die Epoche der „Algorithmen“ mit den Möglichkeiten der Digitalisierung und Big Data vollkommen neue Chancen für sinnvolle Lebensfelder und Arbeitsfelder in der Lausitz. Wir müssen nicht mehr in das Silicon Valley oder nach Shanghai umziehen. So kann ein Cluster für angewandte Wirtschaftsinformatik um die Hochschule aufgebaut werden.

Der Universität Bamberg ist es zum Beispiel gelungen, auf einem jahrelang brachliegenden Industriegelände 16 Lehrstühle für die neue digitale Welt mit inzwischen nahezu 2.000 Studierenden aufzubauen und im aktuellen Ranking den ersten Platz in Deutschland zu erzielen. Weitere Zukunftsthemen auch mit dem Blick nach Osteuropa sind Gesundheit und Medizin, Mobilität und Logistik, Tourismus und Kultur sowie alle Arten von saisonal und regional ökologisch orientierter Selbstversorgung. Und die Energiewissenschaft war schon mal ein Zittauer Leuchtturm.

Daraus können in der Lausitz reichhaltige und nachhaltige Einkommensquellen entspringen. Den Menschen eröffnen sich interessante Berufsfelder bei auskömmlichen Löhnen. Die Kommunen erhalten neben den Grundsteuern eine steigende Gewerbesteuer und vor allem Stabilität aus dem Anteil an der Einkommenssteuer und der Umsatzsteuer. Ihre Verschuldungsfähigkeit steigt. Sie werden attraktiv für gewerbliche Neuansiedlung. Der eigentliche Vorteil für die Menschen in der Region liegt in den günstigen Lebenshaltungskosten bei hoher Lebensqualität.

Aufschrei gegen diese Art von Innovation

Die Lausitz kann ganzheitlich neu aufgestellt werden, ohne auf die konkurrierenden Reibereien zwischen den einzelnen Dörfern Rücksicht nehmen zu müssen. Die kommunale Daseinsvorsorge, die Infrastruktur, Bauleitplanung und lokale Mobilität kann zum Vorteil aller Bewohner effizienter, bürgernäher und intelligenter gestaltet werden. Ein übergeordnetes Flächenmanagement kann die zahlreichen Leerstände als neue Ressourcen für Wohnen und Arbeiten mobilisieren.

Ein kompetenter Oberbürgermeister kann wirkungsvoll und wirtschaftlich in einem integrativen und demokratischen Prozess zusammen mit den Lausitz-Landstadträten zügig die notwendigen Entscheidungen herbeiführen und durchsetzen. Wir haben als Menschen im Gegensatz zu anderen Lebewesen die Fähigkeit, durch unsere Sprache zu kommunizieren sowie flexibel und offen miteinander zu kooperieren, statt gegeneinander zu streiten. So können die Lausitzer gemeinsam eine heimatliche Kultur eines besonderen dörflichen Zusammenlebens bei gleichzeitig urbaner Vielfalt mit Leben erfüllen.

Natürlich wird der Aufschrei gegen solche Art von Innovation zunächst einmal sehr groß sein. Die Inhaber von Besitzständen werden nicht begeistert sein. Aber viele gute Ideen werden erst bekämpft, dann belächelt, bis sie schließlich selbstverständlich sind. Stellt sich der Erfolg dann ein, melden sich vor allem die Nichtaktiven als Väter des Erfolges. Das kennt der Autor unter anderem als Gründungsvorstand der WiR Wirtschaftsregion Bamberg-Forchheim - einem freiwilligen Zusammenschluss von 33 Kommunen. Heute zählt die WiR BAFO nach anfänglicher Skepsis zu den Top-Gebieten in Deutschland mit zahlreichen neuen Weltmarktführern.

Fundament dieses Erfolges war, dass die treibenden Akteure ab 2003 zuerst nach wichtigen Bedürfnissen der Menschen suchten: nämlich längeres und besseres Leben, Wertketten, Digitalisierung, Genuss und sinnliche Anregung sowie Automotive. Kooperation und Partnerschaft zwischen Verantwortlichen aus Wissenschaft und Bildung, Politik, Wirtschaft und sozialen Institutionen sorgten für die konsequente Umsetzung.

© privat

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Prof. Dr. Dr. h.c. Clemens Renker lehrt seit 1994 Marketing, Handels- und Banklehre an der Hochschule Zittau/Görlitz und am IHI der Exzellenz-Universität TU Dresden. Für seine Beiträge für Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur und Wissenschaft erhielt er als Führungskraft in Kreditinstituten, Industrie und Hochschulen mehrere Auszeichnungen, u.a. das Bundesverdienstkreuz und den Titel „Entrepreneur des Jahres“. Sein Buch „Das neue Dorf. Gestalten, um zu überleben – vier Handlungsfelder zum Erhalt dörflicher Gemeinden“ ist 2018 im Springer-Gabler-Verlag erschienen, 180 Seiten, 27,99 Euro.

Unter dem Titel Perspektiven veröffentlicht die SZ kontroverse Texte, die zur Diskussion anregen sollen.