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Schafft die Schule ab!

Hier schreibt ein Lehrer und Vater, was sich in den Klassenzimmern ändern muss. Damit sich Lernen wieder lohnt. 

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Von Oliver Hauschke

Die Halbwertszeit schulischen Wissens ist gering. Zwei Jahre nach dem Abschluss soll man bereits 90 Prozent des Gelernten vergessen haben. Aus der Schulpraxis als Lehrer und Vater weiß ich, dass es oft nicht einmal über die Ferien oder die Klausur hinausreicht. Arbeitgeber und Universitätsprofessoren beklagen seit Jahren die Bildungslücken unserer Schulabgänger. Die Ursachen hierfür sind oft schnell ausgemacht: Zu viele Jugendliche machten Abitur und minderten so die Qualität des Unterrichts und des Abschlusses. 

Die linke Lehrerschaft halte sowieso nichts vom Leistungsprinzip und lasse den Schülern zu viel Freiraum, auch um selbst noch mehr davon zu erhalten. Die Schulbürokratie passe das Niveau nach unten hin an und vergäbe das Abitur durch zu einfache und wenig niveauvolle Aufgaben. Die Lösung des Problems liegt dabei scheinbar auf der Hand: Früherer Bildungsbeginn, stärkere und konsequentere Selektion nach Leistungsfähigkeit, mehr Wissen in kürzerer Zeit, strengere Kriterien in Unterricht und Klassenarbeiten, noch mehr Tests, noch mehr Hausaufgaben, noch mehr Sitzenbleiben und Abstufen. Ein bundesweites Zentralabitur auf einem für alle verbindlichen Curriculum, das es auszuweiten gilt. Die hedonistische Jugend gelte es mit mehr Strenge wieder zu echter Leistung zu zwingen.

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Was viele nicht sehen: Mit diesem Rezept versucht man seit gut 20 Jahren, seit dem Pisa-Schock, dem schlechten Abschneiden deutscher Schüler entgegenzuwirken. Nur haben G 8, Bildungsstandards und Zentralabitur mit mehr Prüfungsfächern die Situation in keiner Weise wirklich nachhaltig verbessert. Schon 2016 kam Gerhard Wolf, Professor für Ältere Deutsche Philologie an der Uni Bayreuth, zu dem Ergebnis, dass die Mehrzahl der Studenten nichts an der Universität verloren hätte.

Wenn sich also Jahre nach dem ersten katastrophalen Ergebnis deutscher Schulbildung an der Nachhaltigkeit der vermittelten Bildung kaum etwas verändert hat, dann erscheint ein Mehr der getroffenen Maßnahmen – gar eine Verschärfung – nicht nur absurd, sondern geradezu fahrlässig und ignorant.

Heutige Anforderungen nicht erfüllbar

Das öffentliche Schulsystem, ein aus der obrigkeitsstaatlichen Kaiserzeit stammendes Relikt ohne ernsthafte innere Veränderungen, erfüllt nicht die Anforderungen, unsere Kinder auf die heutigen Herausforderungen der Welt und vor allem die zukünftigen vorzubereiten. Für eine offene, freiheitlich demokratische Gesellschaft mit einer globalisierten Wirtschaft, die Kreativität, eigenständiges Denken und die Fähigkeit, Probleme zu lösen, erfordert, ist sie nicht geeignet.

Obwohl wir seit vielen Jahrzehnten wissen, wie guter Unterricht und nachhaltiges Lernen gelingen, obwohl die Wissenschaft uns mittlerweile ein gutes Bild davon gibt, wie Lernen funktioniert und welche Bedingungen für erfolgreiches Lernen erfüllt sein müssen, findet sich kaum etwas davon in der Schule wieder. Und wenn, dann nur halbherzig und rudimentär, weil die schulischen Strukturen nichts anderes zulassen.

Eine Grundvoraussetzung für nachhaltiges, erfolgreiches Lernen ist es, die Kinder und Jugendlichen in Erstaunen zu versetzen. Lernen muss Freude machen und Begeisterung wecken. Man soll lernen wollen, wie es kleine Kinder wollen, nicht müssen, wie Erwachsene es wollen. Lernen muss sich ergeben und kann nicht aufgezwungen werden. Doch das Konzept von Schule ist mittels Notenvergabe aufgezwungenes Lernen. Deswegen schafft sie es nicht, Schüler zu begeistern. Stattdessen entmutigt, desillusioniert, deprimiert, unterdrückt und betrübt sie unsere Kinder.

Es ist erschreckend zu sehen, wie diese sich tagtäglich in der Schule bemühen und abmühen, wie sie ackern und rackern. Am Ende aber hat man das Gefühl, dass es eigentlich keine Rolle spielt, was sie machen und wie sie es machen, denn das System findet immer irgendetwas daran auszusetzen. Jede noch so kleine, nichtige Handlung und jede Aussage wird bewertet. Mit dem Rotstift wird jeder noch so kleine Fehler leuchtend hervorgehoben und in den regelmäßigen Arbeiten und Zeugnissen wird den Schülern ihre Unzulänglichkeit vor Augen geführt. Unsere Kinder werden beschämt und demotiviert, und Lernen wird zu etwas Unangenehmem, dem man besser aus dem Weg geht. Unter Zwang müssen unsere Kinder eine Fülle an Irrelevantem in ihre Hirne pressen und bei Bedarf ausspucken. So können Themen nur angerissen, nicht aber sinnvoll vernetzt und reflektiert werden.

Lernen nur im schlechten Gleichklang möglich

Im Grunde macht Schule weitgehend alles falsch, was man hinsichtlich nachhaltigem, erfolgreichem Lernen falsch machen kann. Sie sperrt jahrgangsgleiche Kinder in kleine Lernzellen, wo sie still sitzen müssen, gewährt ihnen im 45- bis 90-Minuten-Takt 20 Minuten Hoffreigang, damit sie alle zur gleichen Zeit das gleiche Thema im gleichen Fach lernen, unabhängig von ihrem eigenen Lerntempo, ihren eigenen Interessen und ihren eigenen Fähigkeiten. Individualisiertes Lernen ist so nur eine Worthülse, an dessen Seite sich die Binnendifferenzierung gesellt. Wer nicht Schritt halten kann auf dem Weg zur Normierung, der wird aussortiert und nach unten weitergereicht, bis er am Ende angekommen ist.

Für unsere Kinder wollen wir doch eigentlich nur das Beste. Dennoch enthalten wir ihnen die besten Lernmöglichkeiten vor. Dabei wäre es so einfach: Abschaffung der Gliedrigkeit und Auflösung von Jahrgangsklassen, weil sowohl die Leistungsschwachen von den Leistungsstarken und die Jüngeren von den Älteren lernen als auch umgekehrt. Weg von Lernzellen, hin zu einer offenen Lernarchitektur, mit Räumen zum Setzen, Stellen, Legen, für Einzel-, Partner- und Gruppenarbeit, und der Möglichkeit, sich zurückzuziehen. Wir brauchen einen gleitenden Anfang, der die älteren Schüler nicht ihrer zweiten Tiefschlafphase beraubt und es ihnen so ermöglicht, ausgeschlafen und konzentriert in der Schule zu arbeiten.

Wir brauchen eine positive Fehlerkultur, denn Fehler zu machen gehört zum erfolgreichen Lernen dazu. Deswegen gehören Arbeiten, Hausaufgaben, Zeugnisse und Noten abgeschafft, weil sie nur dazu beitragen, Fehler zu vermeiden und Schüler zu hemmen. Leistungen werden stattdessen in Portfolios festgehalten, ebenso wie Feedbacks, die umfassend auf die erbrachte Arbeit eingehen.

Ein dünnes Gerüst an verbindlichen Lerninhalten ersetzt die überladenen heutigen Curricula und wird begleitet von einem umfangreichen fakultativen Teil, der weit über das hinausgeht, was wir heute in der Schule finden und der auch all jenes in die Schule lässt, das wir dort heute noch vermissen. Statt Bulimie-Lernen legen wir in der Schule wieder Wert darauf, dass man auch versteht, womit man sich beschäftigt, und damit das gelingt, erhält man echte Unterstützung von dem Lernbegleiter, dem ein erfolgreiches Vorankommen am Herzen liegt und weniger das eigene Fach.

Wenn unsere öffentlichen Schulen diese Veränderungen nicht mit aller Kraft für unsere Kinder vorantreiben – und ich sehe das auf breiter Basis nicht –, brauchen wir sie nicht. Dann wäre es besser, die vorhandenen öffentlichen Schulen abzuschaffen. Damit schüfen wir uns dann den Raum, Schulen durch Besseres, Kind- und Lerngerechtes zu ersetzen – was das sein könnte, wissen wir seit 100 Jahren.

Eines ist klar: Wir brauchen nicht nur gute Schulen für wenige Privilegierte, sondern für alle unsere Kinder.

Unser Autor Oliver Hauschke ist seit fast 20 Jahren Lehrer und baute als Schulleiter erfolgreich eine gymnasiale Oberstufe auf. Er ist Vater von zehn Kindern, sechs davon schulpflichtig. Kürzlich erschien von ihm das Buch „Schafft die Schule ab“ (mvgverlag, 224 Seiten, 16,90 Euro).

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