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Schalterschluss im Erzgebirge

Seit Jahresanfang sind zwischen Olbernhau und Aue 38 Sparkassenfilialen dicht. Die Geldgeschäfte gehen jetzt im Einzelhandel über die Theke – zum Beispiel im Fahrradladen.

© Robert Michael

Von Frances Scholz

Ein silberner Briefkasten. Ein rotes Hinweisschild und ein Telecashgerät. Und ringsherum Fahrräder in allen Ausführungen. Das ist eine Art Bank. Und Hansjörg Oehler so etwas wie ein Bankier. Seit Februar ist er Sparkassen-Agenturpartner. Er hat sich sofort für diese Aufgabe bereit erklärt, als er erfuhr, dass in seinem Heimatort Neukirchen-Adorf die Sparkasse schließen wird. „Wir haben hier viele alte Leute, und die kommen nicht mehr so leicht von A nach B“, sagt der Geschäftsmann.

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Der vertraute Gang zum Sparkassenautomaten ist für Sieglinde Adler bald vorbei. Bereits Anfang des Jahres schloss die Filiale der Erzgebirgssparkasse in Jöhstadt. Nun soll auch noch der Geldautomat verschwinden.
Der vertraute Gang zum Sparkassenautomaten ist für Sieglinde Adler bald vorbei. Bereits Anfang des Jahres schloss die Filiale der Erzgebirgssparkasse in Jöhstadt. Nun soll auch noch der Geldautomat verschwinden. © Robert Michael

Mit seiner Tochter Sarah betreibt er seinen Fahrrad- und Reparaturladen. Zehn bis 15 Kunden am Tag nutzen den Service. Bis zu 200 Euro können sie sich auszahlen lassen. Das Geld dafür muss Oehler fast täglich selbst bei der Sparkasse im nächsten Ort holen. Die Kunden bezahlen dann mit EC-Karte bei ihm, und er gibt ihnen das Geld raus. Zweimal in der Woche kommt ein Kurier und holt die Überweisungen aus dem silbernen Briefkasten im Laden ab. Am Ende des Jahres bekommt Hansjörg Oehler dafür einen Obolus von der Sparkasse. „Damit wird man aber nicht reich“, sagt er. Wichtiger ist es ihm, dadurch ein paar Kunden mehr in sein Geschäft zu locken.

35 Kilometer weiter. In Jöhstadt auf dem Erzgebirgskamm. Der Flur ist schmal. An den Wänden hängen große Kork-Pinntafeln. Die sind voll mit Informationen aus dem Ort. Drei Schritte weiter ragt ein Sparkassenautomat aus der Wand. An der Seite klebt ein Zettel mit der Aufschrift „Wir sind umgezogen“. Sieglinde Adler steht davor und schüttelt den Kopf. Diese drei Worte regen sie einfach nur auf. Seit dem 1. Januar hat der 2.800-Einwohner-Ort keine Bank mehr. Die Erzgebirgssparkasse hat ihre Filiale im Rathaus aufgegeben. Hinter verschlossener Tür kann man durch einen Spalt erahnen, wie die mal aussah: hölzerne Tresen mit Sicherheitsglas und ein kleiner Vorraum. „Ich finde, es ist eine Unverschämtheit zu schreiben, dass die Sparkasse umgezogen ist. Sie haben einfach dichtgemacht“, schimpft die 79-Jährige. Zweimal im Monat kam sie her, um ihre Rente und Kontoauszüge zu holen. Das kann sie jetzt nur noch am Automaten. Aber selbst der soll Ende des Jahres verschwinden.

Die graue Fassade der Zentrale der Erzgebirgssparkasse in Annaberg-Buchholz wirkt modern. Die Türen aus Glas, der Fußboden aus schwarzem Gestein. Junge Frauen stolzieren auf Highheels durch den Vorraum. Der Empfangstresen ist mit der typisch roten Sparkassenfarbe gestaltet. Dahinter wartet eine freundliche Dame. Ihre Chefs haben entschieden, dass 38 von 97 Sparkassenfilialen im Erzgebirge geschlossen werden. Der offizielle Grund: Das Unternehmen will sich für die Zukunft aufstellen. Vor allem das niedrige Zinsniveau an den Kapitalmärkten drückt die Erträge.

Der Vorstandschef der Sparkasse hat keine Zeit und schickt seinen Mitarbeiter André Leonhardt. Der ist Pressesprecher und Bereichsleiter des Vorstandsstabs. „Wir haben uns diese Entscheidung nicht leicht gemacht und können den Unmut der Bürger verstehen. Aber die Schließungen waren nötig“, sagt er. Zudem sei der Bedarf an Finanzdienstleistungen gedeckt und das wiederum führe zu weniger Einnahmen. Nur wenige Kunden ließen sich beraten und entschieden sich anschließend für einen Kredit oder ein Wertpapier. Die Mehrheit nehme nur den klassischen Service in Anspruch, wie etwa Geld abheben oder Überweisungen tätigen.

Für Sieglinde Adler war die Schließung der Filiale in Jöhstadt nur eine Frage der Zeit. Sie war früher selbst Geschäftsfrau in dem kleinen Ort und kann sich deshalb ausrechnen, dass der Betrieb sich hier nicht mehr lohnt. Sie ärgert vor allem, dass der Automat verschwindet. Der ist ein wichtiger Bestandteil von Jöhstadt, sagt Sieglinde Adler. Nicht nur für Touristen, die schnell mal Geld brauchen, sondern auch für die vielen älteren Einheimischen. Der Bus fährt nur viermal am Tag in den nächsten Ort mit einer Sparkassenfiliale. Dafür braucht man Zeit.

Das weiß auch Friseurin Ute Sändler. Sie betreibt ihr Geschäft am Markt seit 20 Jahren. „Eine Kundin erzählte mir von ihrer Odyssee. Vier Stunden war sie unterwegs, weil sie ihre Zinsen eintragen lassen wollte“, sagt die 49-Jährige. Die Friseurin hat beobachtet, wie sich auch das Geschäftsleben in Jöhstadt seit der Sparkassenschließung verändert hat. Früher kamen viele Leute aus den umliegenden Orten zum Markttag und kauften ein. Heute sei in Jöhstadt nicht mehr viel los, sagt sie. Die meisten fahren nun ins benachbarte Königswalde und verbinden ihren Bankbesuch dort mit restlichen Besorgungen. Dadurch kommt auch weniger Laufkundschaft in Ute Sändlers Geschäft. Und mehrmals in der Woche kann sie ab 18 Uhr keine Kunden mehr annehmen. „Ich muss ja noch meine Einnahmen einzahlen gehen, solange die Sparkasse offen hat.“

Mehr als 250.000 Kunden hat die Erzgebirgssparkasse. Das entspricht einem Marktanteil von 70 Prozent. 1.000 Mitarbeiter kümmern sich um die Kundenwünsche. Als vom Landkreis Erzgebirge gestütztes Institut hat die Sparkasse einen öffentlichen Auftrag. Laut Paragraf zwei des Sparkassengesetzes ist die Bank für eine flächendeckende Versorgung der Bürger und Unternehmen verantwortlich. André Leonhardt gibt aber zu bedenken, dass auch die Sparkasse auf den demografischen Wandel reagieren und an die Wirtschaftlichkeit denken müsse. „Wir haben in den vergangenen Jahren ein Viertel der Einwohner im Landkreis verloren.“ Mit den 38 Schließungen könne die Bank vier bis fünf Millionen Euro in den nächsten Jahren sparen. Nicht ein Mitarbeiter der betroffenen Filialen sei entlassen worden. „Allerdings haben wir allen Kollegen ein Angebot zur Auflösung ihrer Arbeitsverträge gemacht.“ 189 nahmen es an. Das gesparte Geld sei wichtig, um das Eigenkapital zu erhöhen. Das erfordern die neuen Finanzmarktvorschriften, die in den nächsten Jahren greifen sollen, erklärt der Sparkassensprecher.

Dabei konnte die Sparkasse in ihrem Jahresabschluss von 2012, der noch vor den Filialschließungen gemacht wurde, bereits das Eigenkapital leicht steigern. Und auch der Jahresüberschuss wurde verdoppelt. Die sieben Vorstände verdienten zusammen mehr als 2,6 Millionen Euro. Auf den ersten Blick also keine schlechte Ausgangslage. „Allerdings hat sich unser Hauptgeschäft um 17 Millionen Euro verschlechter“, sagt Leonhardt. Die Verdopplung des Jahresüberschusses auf rund zwei Millionen Euro sei nur aufgrund einer für die Erzgebirgssparkasse guten Zinsenentwicklung möglich gewesen. Für die kommenden Jahre rechnet die Bank mit einer eher angespannten Situation.

Bei ihrer ganzen Wirtschaftlichkeitsplanung hatte die Sparkasse jedoch eines vergessen: die Kunden selbst. Die Einwohner der betroffenen Orte setzten zur Gegenwehr an. Bei einer Unterschriftenaktion kamen 14.300 Proteststimmen zusammen. „So viel Gegenwind haben wir nicht erwartet. Wir respektieren die Meinung unserer Kunden, und uns ist noch mehr bewusst geworden, welche Verantwortung wir ihnen gegenüber haben“, sagt Leonhardt. Trotz dieser Aktion sei man nicht von dem ursprünglichen Konzept abgegangen. Das beinhaltet unter anderem, Sparkassen-Agenturpartner zu finden. Gemeint sind Geschäfte, die zumindest die Auszahlung von Bargeld und die Annahme von Überweisungsträgern sicherstellen. Eben wie der Fahrradladen von Hansjörg Oehler.

Die Erzgebirgssparkasse hat versucht, für alle Orte, in denen die Filialen geschlossen wurden, so einen Partner zu finden. Der muss aber auch bestimmte Sicherheitsbestimmungen vorweisen, zum Beispiel eine Alarmanlage. Bei der Ausstattung von Safe und Telecashgerät hilft die Bank den künftigen Betreibern. Allerdings: Für insgesamt zehn der 38 ehemaligen Standorte wurde bis jetzt keine solche Lösung gefunden. Darunter ist auch Jöhstadt. „Ich bin jetzt mal frech und frage, wofür die Leute in Jöhstadt überhaupt Geld brauchen? Zum Einkaufen müssen sie ja auch fahren und können auf dem Weg Bargeld holen“, sagt André Leonhardt.

Für den parteilosen Bürgermeister Olaf Oettel ist das eine überflüssige Bemerkung. Er weiß, wie wichtig die Bargeldversorgung im Ort ist. Er hat alles versucht, um die Sparkasse zu halten. Er hat der Bank angeboten, mit der Miete runterzugehen. Er hat sogar überlegt, ob er das Angebot der Sparkasse annimmt, den Automaten monatlich mit 1.000 Euro zu finanzieren. 17.000 Euro koste dieser die Bank im Jahr. Das habe ihm der Sparkassenvorstand persönlich gesagt. Der Bürgermeister hat noch andere Bedenken. Der Tourismus könnte stark leiden. Bis zu 35.000 Besucher kommen jährlich nach Jöhstadt. Sie fahren mit der Preßnitztalbahn oder nutzen den Skihang. „Über die Zeit wird wohl der Tourismus weniger werden“, vermutet Oettel. Das treffe vor allem die kleinen Händler.

Friseurin Ute Sändler und viele andere Kleinunternehmen in Jöhstadt wollen sich nun ein Telecashgerät anschaffen. Sie haben sich auch mit der Fahrerei langsam arrangiert. „Aber die Filiale in Königswalde ist immer überfüllt. Die Autos parken sogar auf der Straße“, sagt die Friseurin. Das ist auch André Leonhardt bewusst. „Das stimmt, die Parkplatzsituation ist sehr schlecht, aber das wollen wir verbessern und mehr Platz schaffen“, verspricht er.

Ute Sändler überlegt trotzdem, ob sie nicht die Bank wechseln soll. Das wollen auch andere Geschäftsleute aus Jöhstadt. Sie sind einfach enttäuscht von der Sparkasse. „Jöhstadt hat immerhin sechs Restaurants, drei Hotels, die Museumsbahn und den Skilift. Das muss doch was wert sein?“, sagt Friseurin Sändler. Die Kommunikation mit der Sparkasse klappe nicht. Ihr Mann habe vor zwei Monaten einen Brief an den Vorstand geschrieben und bis heute keine Antwort erhalten. Auch Rentnerin Sieglinde Adler fühlt sich durch die Sparkasse nicht richtig informiert. „Ich habe nie ein Anschreiben bekommen, dass die Filiale schließt. Ich habe davon aus dem Gemeindeblatt erfahren.“

Sprecher André Leonhardt weist das zurück. Man habe alle Bürger angeschrieben. Er weiß, dass einige Kunden sich von der Sparkasse verabschieden. „Natürlich haben wir Kunden verloren, aber nicht so signifikant, dass es auf das neue Konzept zurückzuführen wäre.“ Allerdings hofft er, die Lage in Orten wie Jöhstadt etwas entspannen zu können. „Wir haben uns nun doch entschieden, ein Sparkassenauto da einzusetzen, wo wir keinen Agenturpartner finden.“ Das Auto war nicht von vornherein geplant. „Es ist eher ein Kostenpunkt“, sagt Leonhardt. Das Fahrzeug soll dieses Jahr noch kommen. Es steht dann zwei bis drei Stunden in der Woche in jedem der zehn partnerlosen Orte.

Dann käme beispielsweise in Jöhstadt Sieglinde Adler wieder zu ihrem Geld. Für Geschäftsleute und Touristen bleibt wohl in Zukunft aber nur die Fahrt zur nächsten Sparkassenfiliale.