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Kamenz

Schatzsuche in alten Gemäuern

Zwei Kamenzer sanieren die frühere Baderei. Lange stand sie leer, nun soll daraus wieder ein Aushängeschild werden.

Die erste Bauphase „Abriss & Entkernung“ ist angelaufen. Anne Hasselbach und Jan Eickhoff sind die Bauherren. Zwischen der ehemaligen Motorenfabrik (l.) und der Baderei (r.) ist der Blick auf die 500-jährige Eibe im Garten bereits frei.
Die erste Bauphase „Abriss & Entkernung“ ist angelaufen. Anne Hasselbach und Jan Eickhoff sind die Bauherren. Zwischen der ehemaligen Motorenfabrik (l.) und der Baderei (r.) ist der Blick auf die 500-jährige Eibe im Garten bereits frei. © Matthias Schumann

Kamenz. Die Pulsnitzer Straße in Kamenz führt westlich an der historischen Stadtmitte vorbei. Sie gehörte schon im Mittelalter zwischen Rotem Turm im Süden und dem Königsbrücker Tor im Nordwesten zum Kern der Stadt, wie sie auf alten Stichen dargestellt wird. Sie ist immer noch so schmal wie damals, aber heute stark befahren. Was nicht erst seit dem Brand zweier leerstehender Häuser nebst anschließender Vollsperrung aufgefallen ist. Das macht die Sanierung der Gebäude nicht leichter. Immer noch gibt es genügend Ruinen beidseitig am Straßenrand. Aber es werden weniger. Auch dank Anne Hasselbach und Jan Eickhoff. Vor einigen Jahren haben die Eheleute aufwendig zwei verfallene Immobilien zum Wohn- und Geschäftshaus umgebaut. Jetzt gehen die Architektin und der Designer noch einen Schritt weiter. Ebenfalls an der Pulsnitzer Straße.

Direkt neben der Ex-Baderei hat Horst Steudel seine Fabrik betrieben. 
Direkt neben der Ex-Baderei hat Horst Steudel seine Fabrik betrieben.  © Norbert Portmann

Anne Hasselbach jedenfalls freut sich auf die Herausforderung. „Die Pulsnitzer Straße atmet Geschichte, insbesondere auch die alte Baderei neben der früheren Autofabrik von Horst Steudel.“ Zuletzt freilich roch es hier bloß noch nach Verfall. Kein Wunder: Die einstige Brennerei und Schankwirtschaft zur Baderei steht jetzt fast sechs Jahrzehnte leer. Im Mittelalter war es ein quirliger Ort der Geselligkeit gewesen. „In Kamenz ist das öffentliche Baden seit mindestens 620 Jahren verbrieft“, sagt die 45-Jährige. Hier habe man sich nicht nur gereinigt, es sei auch um die Gesundheit insgesamt gegangen – bis hin zu kleineren Eingriffen. Später wurde dann auch Schnaps ausgeschenkt. Und anderes.

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Die Ruine der alten Baderei grenzt an die ehemalige Motorenfabrik. Jan Eickhoff: „Horst Steudel war wirklich ein Pionier der industriellen Revolution.“ Bereits 1895 sind in der Pulsnitzer Straße 34 die ersten Fahrräder – teilweise motorisiert – gefertigt worden. Später kamen sogar Automobile hinzu. „Steudel, der etwas in Vergessenheit geraten ist, verdient viel mehr Anerkennung. Wir wollen deshalb die Geschichte seines Schaffens im Baderei-Nebengebäude der Öffentlichkeit zugänglich machen.“ Zum Beispiel mit einer kleinen Dauerausstellung im Schaufenster.

Groß abgeräumt

Mithin wird auch jetzt ein Doppelgrundstück entwickelt – im „Stadtlabor“ unter dem Projekttitel „Schätze heben & Mitte erleben“. Anne Hasselbach und Jan Eickhoff haben mit mehreren Partnern ihr Vorhaben im 2019er-Wettbewerb der sächsischen City-Offensive eingereicht. Nicht zum ersten Mal war Kamenz hier beteiligt, aber nach mehreren Anerkennungspreisen in den vergangenen Jahren hat die Stadt bei „Ab in die Mitte!“ diesmal tatsächlich groß abgeräumt. Die Jury wählte aus 25 eingereichten Projekten sieben aus, die mit insgesamt 100.000 Euro bedacht wurden. Und der 2. Preis mit 20.000 Euro ging an die Lessingstadt. „Alles Große beginnt mit kleinen Schritten“, heißt es in der Jurybegründung. „Die alte Baderei in Kamenz ist ein vielversprechendes und vor allem ein vielseitig angelegtes Projekt. Ein stadtgeschichtlich wertvolles Gebäude in einem historischen Straßenzug soll revitalisiert, eine Straßenecke kann zum Aushängeschild werden.“ Der Ansatz sei deshalb so kreativ, weil hier mit starkem persönlichen Engagement und anfangs schmalem Budget gute Ideen gefunden werden sollen, lobten die Experten für Fragen der Innenstadtentwicklung.

Die Bauherren haben eine ganze Reihe Skizzen angefertigt. Diese zeigt den Hinterhof mit Blick auf die Baderei.
Die Bauherren haben eine ganze Reihe Skizzen angefertigt. Diese zeigt den Hinterhof mit Blick auf die Baderei. © Jan Eickhoff

Tatsächlich wird das historische Ensemble nicht in einem Ruck saniert. Beim Heben der Schätze lassen sich die Bauherren schon deshalb Zeit, weil sie mit weiteren Entdeckungen rechnen (müssen). „Immer wieder finden wir Erhaltenswertes.“ Außerdem gehe es darum, die Kamenzer auf der Reise ins Unbekannte von Anfang an mitzunehmen. So ist der Verein Metamorphose „Kunst in Kamenz“ ebenso beteiligt wie die Stadtwerkstadt „Bürgerwiese“ und auch das Rathaus. „Wir halten einen möglichst niederschwelligen Einstieg in das Projekt für sinnvoll“, sagt die Kamenzerin. „Mittels kleiner Schritte wollen wir positive Zeichen der Altstadtbelebung sichtbar machen.“ Das heißt, dass das historische Ensemble in mehreren Etappen revitalisiert werden soll. Was alles möglich ist, wurde schon einmal im Mai des letzten Jahres geprobt, als man zum „Tanzevent unter der Eibe“ eingeladen hatte. Das womöglich 500 Jahre alte Naturdenkmal gab den tollen Rahmen für eine nächtliche Illumination. Überhaupt spielt der Garten zur Schillerpromenade hin eine wichtige Rolle in den Planungen der Bauherren.

Einer der Detailschätze, die bei der Entkernung zu entdecken sind. Es handelt sich offenbar um eine Ofenfigur.
Einer der Detailschätze, die bei der Entkernung zu entdecken sind. Es handelt sich offenbar um eine Ofenfigur. © Anne Hasselbach

Zunächst ist jetzt Projektphase I angelaufen. Mit Mitteln der Stadt und des Freistaates wird abgerissen. „Nach der Entkernung, die aufwendig ist, soll der Ort atmen können“, so Anne Hasselbach. Auch für die weitere Ideenfindung, mit der die Phase II verbunden ist – eine Art „Zwischenbelegung“ in diesem und im nächsten Jahr. Der Metamorphoseverein zum Beispiel würde gern eine mehrwöchige Künstlerresidenz ausschreiben, heißt es. Und auch über den Projektpartner Kochloft aus Dresden sollen Events organisiert werden. Außerdem ist von Übernachtungsmöglichkeiten sowie saisonalen Veranstaltungen im Gartenteil des Grundstücks die Rede.

All dies, so Anne Hasselbach, greife schon in die Projektphase III ab 2022 vor, wo dann im eigentlichen Sinne investiert werden wird – in den Ausbau und die dauerhafte Nutzbarmachung der beiden Gebäude, und zwar als öffentliche Veranstaltungsorte, wie die Bauherren betonen. Vielleicht könnte eine Ideen- oder Partyfabrik mit Loft- und Ateliercharakter entstehen? Warum sollte das Herz der Anlage, also das alte Badehaus, nicht doch wie einst ein Wellness-Bereich werden? Und auch ein soziokultureller Ansatz wäre denkbar, so Anne Hasselbach. Für sie steht fest, dass das Ensemble zwischen Pulsnitzer Straße und Schillerpromenade ein Ort der vielfältigen Begegnungen werden muss. „Zum Beispiel bei einem jährlich stattfindenden Kunst-Genuss-Fest.“

Fertigstellng zum großen Fest

Die Umsetzung, so viel ist klar, braucht Zeit. Aber ein Endpunkt steht unverrückbar: Im Jahr 2025 wird die Stadt Kamenz das Datum ihrer Ersterwähnung vor 800 Jahren ganz groß feiern. „Zum Stadtjubiläum wollen wir das komplett umgestaltete Ensemble einweihen“, sagt Anne Hasselbach. Diesen Termin hatte jetzt auch OB Roland Dantz bei der Scheckübergabe im Rathaus im Blick. Er wünschte den Investoren viel Erfolg. Dass die Stadt dabei ein Mitwirkungsinteresse hat, versteht sich von selbst. Die Innenstadt braucht Macher.

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