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Schatztruhe auf der Kirchturmspitze

Es hat damals so sehr geweht, dass ich an den Beinen festgehalten werden musste.

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Von Felix Reimann

Als Dorfpfarrer Stephan Vödisch seiner eigenen Kirche am Dienstag auf die Turmspitze stieg, richtete sich der Blick vieler Blankensteiner nach oben. Die Bewohner der 300-Seelen-Gemeinde hatten sich auf dem Friedhof versammelt, um dabei zu sein, wenn sich der geheimnisvolle Schatz der goldenen Kirchenkugel öffnet.

Unter den Neugierigen waren viele, die schon im Jahr 1985 die letzte Öffnung der Kugel erlebten. Damals wurden in einer großen Gemeinschaftsaktion Dach, Fenster und Putz der Kirche erneuert.

Letzte Öffnung der Kugel 1985

Silke Kümmel zum Beispiel half 1985 als 16-Jährige freiwillig beim Fensterstreichen. Damals war die heute 38-Jährige noch nicht einmal die Jüngste Helferin am Bau. Auch Peter Mickelats Kinder Björn und Jan halfen damals im zarten Alter von 11 und 13 Jahren, den Putz der Kirche abzuschlagen. Peter Mickelat selbst kennt sogar die Aussicht, die Pfarrer Vödisch gerade genießt. Der heute 70-jährige Rentner befestigte damals bei widrigen Bedingungen eine Plane an der Kirchturmspitze: „Ich musste diese Plane auf der Turmhöhe bei Sturm festzurren. Es hat damals so sehr geweht, dass ich an den Beinen festgehalten werden musste“, berichtet der Rentner am Fuße der Kirche.

Inzwischen kommt unter den Blankensteinern Unruhe auf. „Dort ist die Kugel!“, hört man die Leute sagen. „Jetzt kommt sie runter.“ Stephan Vödisch befindet sich gerade auf dem Abstieg vom Kirchendach. Seine rechte Hand steckt in der weit leuchtenden goldenen Kugel, die in den vergangenen 24 Jahren in 35 Metern über dem Dorf leuchtete.

Niemand kennt Hülseninhalt

Als der Geistliche den Boden erreicht, setzt sich die Menge in Bewegung. Vor allem die Kinder umkreisen den Pfarrer mit dem Schatz in der Hand. Er trägt die Kugel in die Kirche, wo sie geöffnet werden soll. Obwohl die Hülse vor gar nicht all zu langer Zeit verschlossen wurde und viele der Anwesenden damals dabei waren, weiß niemand mehr genau, was darin steckt. „Der damalige Pfarrer wollte nicht, dass die Leute wissen, was in die Kugel kam“, sagt Micketats Frau Isolde, Nur der Kirchenrat habe Bescheid gewusst. Nun ist es endlich soweit, der Restaurator Torsten Schulze öffnet die Kassette und reicht dem Pfarrer den kostbaren Inhalt.

Bauarbeiten bis zum Winter

Behutsam öffnet er das Paket und zum Vorschein kommen neben gut 200 Jahre alten Münzen auch historische Dokumente wie ein Heft zur Blankensteiner Kirchenweihe aus dem Jahr 1852. Ebenso stecken alte Fotos und viele handgeschriebene Dokumente in diesem Schatz um den sich noch lange nach der Öffnung die interessierten Blankensteiner scharten.

In den kommenden Monaten wird nun nicht nur die Kugel, sondern der gesamte Kirchturm erneuert. Das ist notwendig geworden, weil sich das nur auf einer tragenden Wand stehende Bauwerk in den letzten Jahren immer mehr in das Kirchenschiff neigte. Deshalb musste bereits im Frühjahr 2006 das Läuten auf dem Kirchturm eingestellt werden. Bei den bis zum Winter andauernden Bauarbeiten wird neben einem Glockenstuhl aus Holz auch ein weiteres Hängewerk in den Turm eingebaut. Diese Maßnahmen sollen das Gotteshaus entlasten und dem Turm neue Stabilität geben. So hofft Pfarrer Vödisch, dass der Turm samt Glocken bis Ende des Jahres, vielleicht sogar schon bis zur Kirchenweihe im November wieder einsatzfähig ist.