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Vorreiter mit Visier

Henning Scheinpflug und sein Sanitätshaus entdeckten in der Corona-Zeit ein neues Geschäft. Es verschwindet nicht völlig.

Henning Scheinpflug hat mit seinen Scheinpflug Gesundheitsdiensten zu Beginn der Coronakrise schnell reagiert.
Henning Scheinpflug hat mit seinen Scheinpflug Gesundheitsdiensten zu Beginn der Coronakrise schnell reagiert. © André Schulze

Henning Scheinpflug ist schwer beladen, als er den Hauptsitz seines Gesundheitsdienstes am Görlitzer Flugplatz betritt. Mit Anschauungsmaterial: Plexiglasscheiben, ein Ordner voller Muster-Masken, Visiere. "An dem Sonnabend, bevor die Baumärkte schlossen, sind wir losgefahren und haben überall nach Materialien dafür gesucht", erzählt er mit einem Lachen. 

Infektionsschutz - war bisher nicht Scheinpflugs Metier

Mit Infektionsschutz hatte er dabei bislang gar nichts zu tun. Rundum im Besprechungsraum stehen ein Elektro-Rollstuhl, ein Regal mit Therapiekissen, ein Gerät für Bewegungstherapie. Das ist Scheinpflugs Metier, die Versorgung von pflegebedürftigen Menschen mit Hilfsmitteln wie Orthesen, Badewannen- oder Treppenliftern, Rollstühlen bis hin zu Pflegebetten. 

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Die Fertigungsanleitung für die Visiere kam vom Klinikum Görlitz.
Die Fertigungsanleitung für die Visiere kam vom Klinikum Görlitz. © André Schulze

Jetzt aber liegen auf einem Pult auch Holzklötze - die Füße für die nächsten Plexiglasaufsteller wie sie derzeit auf vielen Tresen in Arztpraxen und anderswo stehen. Als die Corona-Pandemie Deutschland erreichte, gehörte Scheinpflug zu den ersten Herstellern solcher Schutzausrüstung in der Region. 

Shopping-Tour durch die Baumärkte

Mitte März: Damals machte in den sozialen Netzwerken ein Video von Dr. Mark Frank vom Görlitzer Klinikum die Runde. Er erklärt, wie man Gesichtsvisiere herstellt. "Es herrschte eine große Unsicherheit", sagt Henning Scheinpflug. "Mein erster Gedanke war, wie kommen wir an genügend Schutzausrüstung? Der Lockdown kam ja, bevor richtig klar war, welche Lager dafür aufgehen würden." 

Als im März auch die Baumärkte schlossen, setzte er sich an dem Sonnabend, bevor die Regelung in Kraft trat, ins Auto, "und wir waren noch mal shoppen". Er und seine Familie klapperten Baumärkte von Görlitz über Dresden bis Leipzig ab. Für Verglasungsfolie, Polstermaterial, Gummilitze, Ösen, Plexiglas. "Am Sonntag haben wir die ersten Schutzwände in den ersten Arztpraxen aufgestellt." Auch eine clevere Geschäftsidee? "Ne, es war einfach der Gedanke in Nullkommanix da: Wenn die Geschäfte zu sind, woher dann Material nehmen?" Etwa 25 Arztpraxen hat Scheinpflug bisher ausgestattet, Masken und Visiere zu mehreren Hundert geliefert.

Erste Firma im Hinterhof

Henning Scheinpflug stammt aus Görlitz. Zwei Jahre studierte er Landtechnik in Dresden, "aber das war eine Nummer zu groß für mich". Er wurde Orthopädiemechaniker, machte sich in Görlitz selbstständig. "In einem Hinterhof in der Krölstraße. Ins Lager regnete es rein", erinnert er sich. "Aber man wusste sich irgendwie zu helfen." Teile seiner Ausstattung bekam er vom Kraftwerk Hagenwerder 1, das damals runtergefahren wurde. Kredite habe es direkt nach der Wende kaum gegeben. So fing er mit zwei, drei Mitarbeitern an.

1995 zog Scheinpflug an den Flugplatz. Heute hat er 40 Mitarbeiter. Auch für sie können die vergangenen Monate nicht leicht gewesen sein. "Ich hatte zwar angenommen, dass wir als Unternehmen in der medizinischen Versorgung nicht schließen müssen", dennoch sollten möglichst schnell alle bislang eingegangenen Aufträge abgearbeitet werden. Schnell sollte es auch mit der Schutzausrüstung gehen.

Viel Hilfe von Görlitzern

 "Erst mal hieß es: Material finden, herstellen, bereitstellen." Gerade beim zweiten Punkt war er sehr auf die Hilfe anderer angewiesen - die fand er bei einer Druckerei, einer Sattlerei und einer Tischlerei. Bei den Masken wurde selbst genäht und sowohl bei einem Görlitzer Geschäft als auch einem tschechischen zugekauft. "Und wir haben ganz viel Unterstützung aus der Bevölkerung bekommen, sehr viele haben zu Hause Zuschnitte gemacht." 

Für andere Bereiche war dagegen schnell Schluss. Für die Außendienstmitarbeiter zum Beispiel, die den Pflegebedürftigen Hilfsmittel liefern, aufbauen, erklären. Medizinische Fußpflege war nicht mehr möglich. Der Hauptsitz und die Verkaufsfiliale in Rauschwalde konnten zwar öffnen, dennoch zu verkürzten Zeiten. "Verständlicherweise kamen ja kaum noch Kunden." Die Arbeit an der Schutzausrüstung konnte das nicht ausgleichen. Deshalb hieß es für mehrere Mitarbeiter trotz allem Kurzarbeit. Alles, auch die Logistik für die Schutzausrüstung, habe erst mal anlaufen müssen. "Ich bin sehr dankbar, dass alle unsere Mitarbeiter all das mitgetragen haben."  Für Henning Scheinpflug kam persönlich noch mehr dazu, er half, Hilfsgütertransporte für Griechenland zu organisieren.

Normalität kehrt jetzt zurück

Zum Normalbetrieb soll es jetzt, im Juli, zurückgehen. Die Schutzausrüstung bleibt ein Teil der Arbeit. "Bei den Ärzten ist die Mentalität sehr unterschiedlich." Während manche sofort zugriffen, warteten andere erst mal ab, "was manchmal genauso richtig ist". Wofür er dagegen wenig Verständnis aufbringen könne: "Es kann nicht sein, dass ein Arzt auf einer Corona-Demo alles mies macht, was die Bundesregierung anleiert", sagt Henning Scheinpflug. "Unterschiedliche Meinungen sind wichtig, genauso der Meinungsaustausch. Aber auf diese Art und Weise - was befördert man denn damit?" 

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Er selbst habe auch Kritikpunkte am politischen Handeln in der Krise. Ohne die großen Fragezeichen bei der Schutzausrüstung beispielsweise hätte er damit nicht angefangen.  Bei anderen Punkten ziehe er den Hut. "Manchmal wartet man in der Wirtschaft zwei Jahre auf eine Veränderung und nichts tut sich. Jetzt sind hier innerhalb kürzester Zeit Hilfsprogramme aufgelegt worden, die vorher nicht denkbar waren." Gutes und Missglücktes finde man in jedem Bereich der Krisenmaßnahmen. "Wichtig ist mir, dass man am Ende eine Klarheit hat, was funktioniert in einer solchen Lage und was nicht." Für den Fall der Fälle in der Zukunft. 

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