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Traditionsreiches Görlitzer Hotel schließt

Seit 1994 war das Hotel "Schellergrund" in Görlitz eine beliebte Adresse bei seinen Gästen. Doch das ist nun vorbei. Die bisherige Betreiberin kehrt in ihren alten Beruf zurück.

Von Susanne Sodan
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Das Hotel Schellergrund hat nur noch wenige Bewohner - das Ehepaar Richter - und keine Gäste mehr
Das Hotel Schellergrund hat nur noch wenige Bewohner - das Ehepaar Richter - und keine Gäste mehr © Nikolai Schmidt

In der Wohnung neben dem Hotel Schellergrund brennt noch Licht. Dort leben die Gründer, Wolfgang und Veronika Richter. Sie werden dort bleiben, "sie haben lebenslanges Wohnrecht", erzählt Birgit Zock. Sie ist die Tochter von Wolfgang und Veronika Richter und hat das Hotel seit 1998 geleitet. Dessen Fenster bleiben jetzt abends dunkel.

Zum 1. Januar hat das Hotel geschlossen. "Uns hat die Immobilie nicht gehört", erzählt Birgit Zock. Das Haus hat einen anderen Eigentümer, und der möchte es verkaufen. Birgit Zock hatte immer einen Pachtvertrag, der wegen des Verkaufs gekündigt wurde. 

Dieser Aushang informiert Passanten über die Schließung des Hotels "Schellergrund".
Dieser Aushang informiert Passanten über die Schließung des Hotels "Schellergrund". © Nikolai Schmidt

Neuanfang mit 56 Jahren

Das Haus selbst zu kaufen kam für sie nicht infrage. Im Internet, erzählt sie, war der Kaufpreis mit etwa einer Million Euro angegeben. Selbst wenn sie einen Kredit bekommen hätte, um diese Summe aufzubringen, "in meinem Alter hätte ich das nicht mehr gemacht", sagt Birgit Zock. Ein Thema, das ihr in letzter Zeit sehr bewusst geworden sei. Beruflich fängt sie jetzt noch einmal neu an. Oder besser: Sie kehrt in ihren einstigen Beruf zurück. Birgit Zock ist eigentlich Grundschullehrerin. 

Aufgewachsen im Schellergrund

Von Anbeginn war Birgit Zock beim "Schellergrund" dabei. Ihre Eltern, die seit Anfang der 1960er Jahre auf der Martin-Opitz-Straße in der Görlitzer Südstadt leben, eröffneten  kurz nach der Wende eine der ersten Pensionen in Görlitz.  Aus dem einstigen Wohnhaus wurde dann durch einen Anbau das Hotel Schellergrund, das Richters seit 1994 führten. Birgit Zock absolvierte nach ihrem Lehramtsstudium und mehreren Berufsjahren in der Schule eine Ausbildung zur Hotelfachfrau. 1998 übernahm sie die Leitung von ihren Eltern. Der Pädagogik blieb sie seither dennoch im weitesten Sinne treu, sie hat in den vergangenen 22 Jahren zahlreiche neue Hotelfachleute ausgebildet.

Vor etwa einem Jahr erfuhr die Familie, dass das Haus verkauft werden soll. "Wir konnten uns darauf einstellen", sagt Birgit Zock. "Der Hausbesitzer war fair, er hat uns ein Jahr vorher Bescheid gegeben." Bis zum Schluss wollte sie aber nichts nach außen dringen lassen. Die Hoffnung: Es würde sich ein neuer Inhaber finden, der das Hotel selbst oder mit neuen Pächtern nahtlos weiterführen würde. Noch im Dezember war diese Hoffnung groß, zerschlug sich aber.  

Für Birgit Zock steht jetzt eine Menge an. Das Hotel muss sie zwar nicht ausräumen,  "aber man denkt gar nicht, wie viel noch so dahintersteht", sagt sie. Zum Beispiel konnte man über verschiedene Internetportale Zimmer buchen, diese Verträge sind zu kündigen, genauso wie die mit den Zulieferern fürs Restaurant, an diversen Stellen muss das Hotel abgemeldet werden. Sehr geholfen habe ihr der Rückhalt ihrer Familie. Das sei schon so gewesen, als an eine Schließung noch nicht zu denken war.

Ihr Mann, der beruflich eigentlich nichts mit dem Hotel zu tun hatte, kümmerte sich stets um die Grünflächen rundum, um Reparaturen, hielt das Haus nach seinem Feierabend instand. Als Birgit Zock mal länger krank war, kam ihr Sohn Oliver, der auf einem Kreuzfahrtschiff der Restaurantchef ist, aus der Karibik nach Görlitz, um drei Wochen zu helfen. Mit ihren beiden Söhnen, ihren Eltern und Geschwistern habe sie in letzter Zeit viel diskutiert, "was wir machen, wie es weitergehen soll", erzählt sie. "Sie haben das alle mitgetragen. Ohne diesen Zusammenhalt hätte ich das vorige Jahr nicht so bewältigen können." 

Schwerer Abschied von den Stammgästen

Traurige Momente gab es dennoch. Als Stammgäste sich verabschiedeten. "Wir haben ganz viele Weihnachtsanrufe und Weihnachtspost bekommen mit Abschiedsgrüßen. Das war schön, aber auch schmerzlich", erzählt Birgit Zock. Eine Gruppe ehemaliger Siemens-Konstrukteure kam jedes Jahr im Schellergrund zusammen, "die waren 22 Jahre bei uns". Eine Saunagruppe - das Hotel hat eine eigene Sauna - gehörte 21 Jahre lang zu den Gästen und brachte neulich ein Abschiedsgeschenk. "Das sind Momente, in denen wird man schon traurig." 

Zurück in die Schule

Auch für die Angestellten sei es nicht leicht gewesen - weiterzumachen, als wäre nichts. "Sie sind alle gut untergekommen", sagt Birgit Zock. Sie selbst hatte vor einer Woche ihren ersten Arbeitstag in ihrem neuen Job: Sie ist wieder Lehrerin, an der Melanchthon-Grundschule. "Der erste Tag war anstrengend, aber niedlich. Es ist etwas ganz anderes." Mit Kindern zu arbeiten, das habe sie immer gerne gemacht - es war ihr eigentlicher Berufswunsch.

"Das hat sich auch nicht geändert." Sie hatte sich bei der Bautzener Stelle des Landesamtes für Schule und Bildung beworben, "das lief ganz reibungslos". Auch die Entscheidung für die Melanchthon-Schule sei schnell gefallen, schon beim Bewerbungsgespräch habe sie sich dort sehr wohl gefühlt, "ich bin dort richtig beschwingt rausgegangen. Und die Kollegen haben mich ganz herzlich aufgenommen." 

Was noch bleibt, ist nun die Wohnungssuche. Die erste in Birgit Zocks Leben. "Ich bin ja im Schellergrund aufgewachsen", erzählt sie. Anders als ihre Eltern hat sie aber kein lebenslanges Wohnrecht. Deshalb stehen für sie nach der Schule jetzt nicht nur Vorbereitungsarbeiten an, sondern auch Besichtigungstermine. "Das schaffen wir auch noch. Wie meine Söhne sagen: Mama, du bist zwar 56, aber das machst du schon." 

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