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Schiebung im Schulkrieg?

Einige der Entscheider im Streit um ein neues Gymnasium in Wilsdruff sind ganz offensichtlich befangen.

© dpa

Von Dieter Hanke

Meißens Landrat Arndt Steinbach (CDU) hatte keine Chance. Die erste Schlacht im Schulkrieg mit dem Nachbarlandkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge hat er klar verloren. Das sächsische Kultusministerium genehmigte jetzt dessen aktualisierten Schulnetzplan mit dem Neubau eines Gymnasiums in der Stadt Wilsdruff.

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Steinbach ist strikt gegen diesen Standort. Er befürchtet, dass darunter das vom Kreis Meißen für über zwölf Millionen Euro modernisierte Geschwister-Scholl-Gymnasium im nicht mal 20 Kilometer entfernten Nossen leidet.

Jetzt kommt dort mehr als eine Klasse – weit über 30 Schüler eines jeden Jahrgangs – aus dem Wilsdruffer Raum. Wird ein Gymnasium in Wilsdruff gebaut, könnten diese Schüler wegfallen. Die Mindestschülerzahl von 60 eines Jahrgangs würde in Nossen gefährdet sein.

Doch die Meißner Argumente fanden im Kultusministerium und in der Bildungsagentur Sachsen wenig Gehör. „Die wollen mit aller Macht das Gymnasium in Wilsdruff durchsetzen“, sagt Steinbach.

Pikant ist es allerdings, dass Entscheidungsträger im Kultusministerium und in der Bildungsagentur für den Gymnasiums-Streit sehr eng mit dem Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge verbandelt sind und dort früher leitende Positionen einnahmen. Rechtlich gesehen ist das zwar nicht angreifbar, doch hat es ein Geschmäckle.

Mit eingefädelt wurde der Coup durch Ex-Kultusminister Roland Wöller. Der 44-jährige CDU-Landtagsabgeordnete wohnt in Freital. Auch Wilsdruff gehört zu seinem Wahlkreis, wo er sich für den Gymnasiums-Neubau einsetzt. Als Wöller 2008 Kultusminister in Sachsen wurde (bis 2012 im Amt), holte er einige Getreue nach. Thomas Rechentin zum Beispiel. Dieser war Vize-Landrat im Weißeritzkreis, der nach der Kreisreform 2008 im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge aufging. Seit 2008 ist Rechentin Abteilungsleiter im Kultusministerium und dort für die Schulnetzplanung zuständig. Die Genehmigung für Wilsdruff als Gymnasiums-Standort trägt seine Unterschrift. Ministerialdirigent Rechentin: „Mit der Fortschreibung des Schulnetzplanes reagiert der Landkreis auf die steigende Nachfrage im Bereich der Gymnasien im Raum Freital-Wilsdruff.“

Auch Bela Belafi gehört zur Seilschaft für den Wilsdruffer Gymnasiums-Neubau. Er engagierte sich in der Freitaler CDU, war ebenfalls Vize-Landrat im Weißeritzkreis, leitete später das Ministerbüro von Wöller, war dann Abteilungsleiter im Kultusministerium und ist seit geraumer Zeit Leiter der Sächsischen Bildungsagentur. Diese spricht sich für das Gymnasium an Meißens Kreisgrenze aus.

Übrigens wohnt in Wilsdruff auch Uwe Dreske, ehemaliger Direktor des früheren Kreisgymnasiums Freital-Deuben, welches jetzt Weißeritzgymnasium heißt. Dreske ist heute Abteilungsleiter in der Bildungsagentur, Regionalstelle Dresden.

Trotz dieser Kräfte-Konstellation gibt der Meißner Landrat Arndt Steinbach nicht auf. Mit Unterstützung des Kreistages klagt er jetzt vor dem Verwaltungsgericht Dresden gegen den geplanten Gymnasiumsbau in Wilsdruff. „Wir hoffen, dass dort unsere Sachargumente mehr berücksichtigt werden“, bemerkt der Landrat.

Das sieht auch Nossens Bürgermeister Uwe Anke (parteilos) so: „In das Gymnasium in unserer Stadt gehen Schüler aus drei Landkreisen. Es ist ein Zentrum im ländlichen Raum, hat moderne Fachkabinette, Sportplatz, neue Turnhalle und einen guten Ruf über Sachsen hinaus. Das alles steht auf dem Spiel, wenn in Wilsdruff ein weiteres Gymnasium gebaut wird, wofür es nicht genügend Schüler gibt.“

15 Millionen Steuergelder – so viel werden von der Stadt Wilsdruff für den geplanten Gymnasiums-Neubau veranschlagt – wären dann vergeudet. Da hilft es auch nicht, wenn die Befürworter im Nachbarlandkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge die Statistik aufpolieren wollen. Das Landratsamt in Pirna geht 2015/16 von 200 Kindern für die fünfte Klasse am Freitaler Weißeritzgymnasium aus. Mit einer Kapazität von 168 Plätzen wäre es da überfordert. Das würde einen Neubau in Wilsdruff rechtfertigen, so das Landratsamt.

Doch Sprecherin Katrin Reis von der Bildungsagentur Dresden spielt bei dieser Schülerzahl-Trickserei nicht mit. Sie erkennt für das kommende Schuljahr 2015/16 vorläufig nur eine Gesamtzahl von 170 für das Weißeritzgymnasium.