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Feuilleton

Schiller lässt seine Fans in Dresden abheben

Musikelektroniker Christopher von Deylen und seine Begleiter fabrizierten in der Messe einen Rausch aus Tönen, Farben und Effekten. 

Christopher von Deylen alias Schiller beim Konzert in der Dresdner Messe.
Christopher von Deylen alias Schiller beim Konzert in der Dresdner Messe. © Dietrich Flechtner

Von Tom Vörös

Christopher von Deylen ist ein lebender Widerspruch. Zum einen spürt man diese fast aufdringliche Hamburger Zurückhaltung. Andererseits badet dieser Mann zurzeit in einem Meer aus Rampenlichtern, feiert sich und seine Musik teils breitbeinig, während man nicht sieht, welche Taste seiner vielen Gerätschaften beim Tourauftakt in Dresden für seine plötzlichen Hochgefühle sorgen. 

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Schiller macht nach wie vor kein großes Drama um seine Musik. „Ich bin immer noch überrascht, dass meine Musik außer mir überhaupt jemanden interessiert“, sagte er mal. Doch wie dieses Understatement inzwischen mit Geräten und Personal ausstaffiert wird, das könnte längst auch in einem Stadion stattfinden. Aber so war es am Mittwochabend eben „nur“ die Dresdner Messe, die gut gefüllt war mit großen Erwartungen. Mit dem Ticketkauf hatte man bereits im Vorfeld einen hoch bezahlten Ausreiseantrag aus dem Alltag gestellt.

Dass die Fangemeinde des zurückhaltenden Hamburger Musikers über die letzten Jahre stark angewachsen ist, liegt vor allem an der Qualität der sphärischen Ambient-Musik. Es ist eine Art Daunendecke, in die man sich sogar im Frühsommer noch gerne einpacken lässt. Allerdings sind die emotionalen Höhepunkte wohl dosiert. Denn die bis ins letzte Detail ausgeklügelten Songs bewegen sich trotz deutlich gewachsener Musikvielfalt noch immer in einem Wohlfühl-Spektrum, das wenig Dynamik zulässt. Es erklingen viele Sounds der 1990er-Jahre, die teils genauso gut auf die Trance-Musik-Sampler von damals gepasst hätten. Aber irgendwie passt das zum vorwiegend jung gebliebenen Publikum, das in den 1980ern groß wurde. Mit den hippen Elektroklangwelten von heute hat das alles nur wenig gemein.

Das Sitzpublikum zeigt sich bereits in den ersten Minuten des über zweistündigen Konzerts selig. Man nickt genüsslich, lässt vereinzelt den Oberkörper so lasziv kreisen wie im entlegenen Nachtclub und raunt sich deutlich hörbar das Codewort „Ohrgasmus“ zu. Besonders Außenstehende sind sicherlich verblüfft, dass diese Art Euphorie nach teils ruhigen elektronischen Liedern wie aus dem Nichts entstehen kann. Doch eben das ist ein Teil des keineswegs gehüteten, sondern extrem gut verkauften Geheimnisses von Schiller. Hier liegt die offenkundige Parallele zum berühmten Schriftsteller. Schiller ist eben kein Goethe, sondern lässt im Live-Geschehen lieber andere im Rampenlicht erstrahlen. Die beiden musikalischen Damen rechts und links außen zum Beispiel. Vor allem mit ihren gesanglichen Beiträgen fügen sie sich, mal im Hintergrund, mal vorne an der Bühnenkante, perfekt ins harmonische Geschehen ein. Oder Schillers Instrumentalisten, allen voran Schlagzeuger Gary Wallis, der optisch gesehen wie ein Bandleader in Szene gesetzt wurde. Man spürte ihn förmlich rhythmisch atmen und schnaufen, ein Bollwerk an Präzision.

Trotz des vor Glück jauchzenden Publikums, einer Show von Tiefe bis Tiefenentspannung sowie des immensen Erfolges des aktuellen Albums „Morgenstund“, das vierte in Folge auf Platz eins der Charts. Man darf sich von Schiller durchaus noch Dinge erhoffen. Vielleicht nicht beim Erschaffen des facettenreichen Gesamtsounds. Aber beim Schreiben der mitunter doch arg simplen Melodien. Da ist Schiller ganz der Minimalist, der sich bei den Goethes unter den Musikschaffenden noch etwas abschauen könnte.