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Schinden für den großen Traum

Einmal Olympia-Gold holen wie Laura Dahlmeier – dafür trainieren die Nachwuchs-Biathleten aus Ringenhain wie die Weltmeister. Wer Erfolg will, muss an seine Grenzen gehen, wissen sie.

© Uwe Soeder

Von Jana Ulbrich

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Ringenhain. Sie könnten sie mitten in der Nacht aus dem Tiefschlaf holen: Die Handgriffe würden sitzen! Traumwandlerisch sicher würde Nele das Luftgewehr greifen, würde sich bäuchlings auf die Matte werfen und anlegen. Der Rest würde in Sekundenschnelle ablaufen: Luft anhalten. Zielen. Abdrücken. Peng.

Thomas Poike ist Kopf und Seele des Ringenhainer Biathlonvereins.
Thomas Poike ist Kopf und Seele des Ringenhainer Biathlonvereins. © Uwe Soeder

Treffer! Nele wirft den Kopf zurück. Der dunkle Pferdeschwanz überm Stirnband wippt. Die 13-Jährige strahlt. „Na endlich“, stößt sie erleichtert hervor. „Das war perfekt“, lobt der Trainer. Alle Fehlschüsse dieses Trainingstages sind vergessen. Nele weiß, woran es gehapert hat. Deswegen trainiert sie diese Abläufe am Schießstand ja auch immer und immer wieder. Die Handgriffe müssen in Fleisch und Blut übergehen, es muss ein Automatismus entstehen, und der muss sitzen wie im Schlaf.

Ziel fest im Visier

Nele Eisold aus Sohland an der Spree gehört zu den hoffnungsvollen jungen Talenten des Oberlausitzer Biathlonvereins im ostsächsischen Ringenhain. Sie ist eine von 30 Kindern und Jugendlichen, die hier für ihren großen Traum trainieren: Einmal Olympiasieger werden wie Laura Dahlmeier, das sportliche Vorbild, dem auch hier in Ringenhain alle nacheifern. Für ihren Traum schinden sie sich beinahe wie die Großen. Nele hat die runde Zielscheibe fest im Visier. Aus zehn Meter Entfernung muss sie ganz genau in die Mitte treffen. Im Liegendschießen hat das gültige Trefferfeld gerade mal einen Durchmesser von anderthalb Zentimetern, ist also noch kleiner als ein Zehn-Cent-Stück – und das aus zehn Meter Entfernung! Beim Stehendschießen ist der Durchmesser der kleinen Trefferfläche wenigstens doppelt so groß. „Aber das ist genauso schwer“, weiß Nele.

Treffer! Diesmal ist es der Schuss von Luise, der perfekt gesessen hat. Luise Thomas ist an diesem Ferientag nur zufällig zu Hause. Normalerweise trainiert die 14-Jährige schon das zweite Jahr am Sächsischen Talentstützpunkt in Altenberg – sozusagen am ersten Sprungbrett in die Weltspitze für den Biathlon-Nachwuchs aus Sachsen. Luise aus Neukirch gehört zu den landesweit Besten ihrer Altersklasse. Bei den Landesjugendspielen am letzten Januarwochenende in Oberwiesenthal hat sie zwei Gold- und eine Silbermedaille geholt. Altenberg ist auch Neles großes Ziel. „Ich hoffe sehr, dass das klappt“, sagt sie und wird ganz hippelig. Sie ist bereits zum Probetraining am Stützpunkt eingeladen.

Supergute Grundathletik

Die jungen Talente aus Ringenhain nämlich sind im Landesstützpunkt sehr gefragt. Fünf Jugendliche aus dem Oberlausitzer Verein trainieren zurzeit in Altenberg. Sie stehen im Ruf, eine supergute Grundathletik zu besitzen. Thomas Poike schmunzelt, wenn er das hört. Das ist ja auch das Einzige, was er seinen Schützlingen mitgeben kann, sagt der Vereinschef und kratzt mit der Schuhspitze über die hauchdünnen Schneereste. „Biathleten haben bei uns hier längst nicht die Bedingungen, die sie bräuchten“, weiß er. Noch nicht ein einziges Mal ist in diesem Winter der neue Spurschlitten zum Einsatz gekommen. Dabei brauchen die Wintersportler viele Tage auf Skiern, wenn sie mithalten wollen.

Es gehört schon viel Enthusiasmus dazu, als Oberlausitzer vom Olympiagold zu träumen. Aber nichts ist unmöglich, wenn man nur daran glaubt. Und kämpft! Immerhin hat ein Vereinsmitglied schon mal einen Vize-Juniorenweltmeister-Titel nach Ringenhain geholt. Frank Pötter war das 1973. Und wer weiß, was aus Thomas Poike geworden wäre, der schon als Kind in Ringenhain die ersten Biathlonschritte gelernt hat – bei seinem Vater. Als Zwölfjähriger war er dann in Altenberg zusammen mit Rico Groß in einer Trainingsgruppe, wurde als Schüler DDR-Meister und Spartakiadesieger. Weil er eine Brille bekam, musste er von heute auf morgen aufhören mit dem Leistungssport. Eine Erfahrung, die ihn heute manchmal immer noch schmerzt.

Alles ehrenamtlich

Umso mehr stürzt sich der 46-Jährige jetzt in die Nachwuchsarbeit, ist Trainer und Vereinsvorsitzender, alles ehrenamtlich neben der Arbeit als Maschinenbau-Ingenieur bei Trumpf in Neukirch. Gemeinsam mit seiner Zwillingsschwester Katrin und einem Dutzend anderer Enthusiasten hat er den einzigen Biathlonverein in Ostsachsen nach der Wende neu aufgestellt. Seit 2005 gibt es in Ringenhain auch wieder ein regelmäßiges Kindertraining. Nur zum Spaß ist das nicht. Wer Erfolg will, muss an seine Grenzen gehen, wissen Nele, Luise und die anderen. Und dafür schinden sie sich ganz freiwillig. Mit und ohne Schnee.

Vom Schießtraining geht es in die Turnhalle. Ausdauer und Kondition stehen auf dem Plan. Und Konditionstrainerin Kathrin Israel schenkt den Mädchen der Leistungsgruppe nichts. Sie drückt auf die Stoppuhr. „Und los!“ Stationstraining auf Zeit: Zuerst 50 Seildurchschläge mit dem Springseil, danach sofort bäuchlings aufs Rollbrett und einmal mit voller Armkraft rund ums Hallenparkett, und danach noch eine Runde sprinten und mit Schnellkraft über die Hürden. Dreimal hintereinander das Ganze! Dann Anschlag am Ziel. Die Trainerin drückt die Stoppuhr. „Du kannst das auch noch schneller, Nele.“ Völlig außer Atem lassen sich die Mädchen auf den Hallenboden fallen. Nele keucht mit hochrotem Kopf. Warum sie sich so quält? „Das ist keine Quälerei“, presst sie zwischen zwei heftigen Atemzügen hervor und lächelt. „Das hier sind die Grundlagen, die wir brauchen“. Jeder Leistungssportler weiß das. Es hört sich völlig selbstverständlich an, wie die 13-Jährige das sagt.

Kondition, Kraft, Athletik

Die Mädchen fühlen ihren Puls. Die Stoppuhr lässt ihnen exakt zwei Minuten Pause. Dann werden sie die ganze Trainingsserie noch einmal absolvieren. Und auch noch ein drittes Mal. „Von nichts wird nichts“, sagt die Trainerin. Da muss sie streng sein. Gerade auch, weil die Mädchen so ehrgeizig sind und so große Ziele haben. Und das ist es ja auch, was die Ringenhainer Nachwuchsbiathleten trotz der viel schlechteren Trainingsbedingungen landesweit so gut mithalten lässt. „Wir im Heimatverein können ihnen die Grundlagen beibringen: Kondition, Kraft, Athletik“, sagt Thomas Poike. „Und vor allem auch den Ehrgeiz“.

Den Rest müssen die Mädels jetzt selber machen. Vielleicht schaffen sie es im einzigen Biathlonvereins Ostsachsens ja, irgendwann tatsächlich einem künftigen Olympiasieger zujubeln zu können, von dem sie wissen: Sie oder er ist eine oder einer von uns. Ausgeschlossen ist das nicht. Luise Thomas hat ja gerade Gold und Silber bei den Landesjugendspielen geholt. Und Nele Eisold war als Sechstplatzierte schon mal sicher unter den Top Ten.