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Wohin jetzt mit den Schweinen?

Die Schließung des Schlachthofes in Rheda-Wiedenbrück trifft auch Landwirte in der Region Döbeln. Viel Spielraum haben die Bauern nicht mehr.

Bleiben die Tiere länger als geplant im Stall, legen sie weiter an Gewicht zu. Damit sinkt nicht nur der Preis für das Tier
Bleiben die Tiere länger als geplant im Stall, legen sie weiter an Gewicht zu. Damit sinkt nicht nur der Preis für das Tier © dpa

Region Döbeln. Sie sind nüchtern und warten auf den Abtransport zum Schlachthof. Doch der kommt nicht. Die Fahrt wurde kurzfristig ausgesetzt. Die Tiere bleiben vorerst beim Landwirt, müssen zurück in den Stall getrieben und weiter gefüttert werden. Eine Belastung für die Tiere, aber auch für die Landwirte, schildert Rico Krause, Prokurist bei der Landwirtschaft Gröbner mit Sitz in Zschäschütz bei Döbeln sowie Wiesent.

„Bei der Ablieferung von Mastschweinen kommt es derzeit zu Verzögerungen.“ Die Tiere müssten zwischen gestellt werden, nehmen weiter an Gewicht zu. „Zwischen 800 Gramm und einem Kilo pro Tag“, sagt Krause. Natürlich könne da weniger energiereiches Futter gefüttert werden, doch die Schweine dürfen auch nicht hungern. „Das macht sie unzufrieden.“ Selbst bei der Lieferung von Schlachtsauen gibt es seit knapp zwei Wochen Probleme.

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Mehr Gewicht, mehr Probleme

Mit der Zunahme des Gewichtes häufen sich die Probleme: Die Tiere benötigen mehr Platz, die Stallböden werden zusätzlich belastet, die Anzahl der Tiere pro Transport wird geringer, um die Maximalbelastung der Fahrzeuge nicht zu überschreiten. Hinzu kommt der Preisabfall für die Tiere. „Wenn wir pro Tier drei Euro verlieren, weil es zu schwer ist, dann ist das ein riesen Problem“, schildert der kaufmännische Leiter.

Und nicht nur der Verlust fällt an. Hinzu kommen die Kosten für zusätzliches Futter, Wasser, Energie sowie den Stallplatz. Gut eine Woche könnten die Tiere zusätzlich in den Ställen ausharren, ab der zweiten, dritten Woche werde das aber extrem schwierig. „Bei aller sensibler Diskussion in der Politik wurde meiner Meinung nach nicht beachtet, dass wir nicht Holz oder Fliesen ‚zwischenlagern‘, sondern lebende Tiere“, meint Krause.

Normalerweise kommen die Mastschweine der Gröbner Landwirtschaft in den Schlachtbetrieb von Tönnies nach Weißenfels. Ein Transport sei in der vergangenen Woche ausgefallen, diese Woche aber habe bisher erst einmal gut begonnen, sagt Krause. Pro Transport können rund 170 Tiere mitgenommen werden, zwischen sechs und zwölf solcher Züge würden pro Woche den Betrieb verlassen.

Landwirt sucht nach Alternativen

Im Schnitt 100 Tiere pro Woche werden aus dem Ferkelzuchtbetrieb Reichenbach nach Weißenfels gebracht. Bislang hielten sich die Schwierigkeiten diesbezüglich noch in Grenzen, sagte Geschäftsführer Mark Reinken „Wir befinden uns jetzt in der zweiten Woche des Ausfalls des Werkes in Rheda-Wiedenbrück.

Noch ein bis zwei Wochen können wir das abfangen. Dann kommt es auf die weitere Entwicklung an“, sagt Reinken. Sollten weitere Schlachthöfe in Deutschland geschlossen werden, drohe eine Zuspitzung der Situation. Dann könnten die Produktionszweige und Handelsströme nicht mehr gut ineinandergreifen, das System würde kollabieren. „Aber das ist im Moment nicht absehbar.“

Alle Marktteilnehmer seien besonnen und bedacht darauf, Lösungen zu finden. So würden zum Beispiel die Tiere nicht zu früh zur Schlachtung gegeben, um keinen Überdruck am Markt zu erzeugen. „Wir versuchen, das zu strecken, nach Alternativen zu suchen“, sagt Reinken. Ein Spielraum von ein bis zwei Wochen sei schon da. Aber: „Ewig geht das natürlich nicht.“ In die Schlachtung gehen von der Ferkelaufzucht Reichenbach vorwiegend Muttersauen, die aus der Produktion ausscheiden.

Genießergenossenschaft als Alternative

Erheblichen logistischen Mehraufwand sowie Zugeständnisse im Preis für die Schlachttiere muss Jan Gumpert derzeit auf sich nehmen. Etwa 300 Mastschweine seines Betriebes Agraset in Naundorf bei Erlau gehen pro Woche zur Schlachtung nach Belgern, Hof und Weißenfels. Bisher sei es aber noch gelungen, alle Tiere termingerecht zu verkaufen, wenn auch mit erhöhten Aufwendungen.

Da Gumpert bereits im Vorfeld auf die Höfe in Belgern und Hof fokussiert war, habe es den Landwirt nicht unvorbereitet und komplett getroffen. „Es ist eine absolut einleuchtende Bestätigung für uns, auf – halbwegs – regionale und mittelständische Schlachthöfe zu setzen.“ Jene müssten gestärkt werden. Zudem seien in Sachsen neue, moderne Schlachtkapazitäten zu schaffen.

Als Alternative zu den bisherigen Konzepten hat Gumpert mit der VR-Bank Mittweida Anfang Mai auch die Genießergenossenschaft Sachsen ins Leben gerufen. Diese will besonders artgerecht edle Duroc-Schweine mit qualitativ hochwertigem Futter großziehen. Auch die Schlachtung der Tiere soll sich von der normalen Schlachtung unterscheiden. Finanziert werden soll das Ganze von Genossenschaftsmitgliedern, denen an artgerechter Haltung und gesundem Fleisch gelegen ist. Bei der Gründungsveranstaltung der Genossenschaft machte Gumpert bereits auf die Lage der Schlachthöfe für die sächsischen Mastbetriebe aufmerksam.

Um einige Tage verschoben wurde in der aktuellen Lage die Schlachtung der Schweine aus der Schweinezucht Pappendorf GmbH & Co KG. Alle zwei Wochen werden von dort rund 170 Tiere zum Schlachten gebracht. „Bis jetzt können wir das noch gut händeln“, sagt Marten Tigchelaar. Für rund 1.600 Muttersauen ist Platz in den Ställen des Geschäftsführers.

Massentest bei Tönnies in Weißenfels

Seit dem 16. Juni ist der Schlachthof von Tönnies in Rheda-Wiedenbrück im Landkreis Gütersloh geschlossen. Im Zerlegebetrieb in Weißenfels läuft die Produktion derzeit ohne Einschränkungen weiter, wie ein Sprecher von Tönnies am Dienstag informierte.

Dennoch kommt es auch an dem Standort zu Verzögerungen bei der Annahme von Schlachttieren, auch aus der Region Döbeln. Grund sei, dass einige Tiere, die sonst für Rheda-Wiedenbrück bestimmt waren, nun in Weißenfels gelandet sind, sagt Ben Zimmermann. 

Da wie an allen anderen Standorten auch jedoch eine Kapazitätsobergrenze vorhanden sei, bis zu der produziert werden darf, entstehe ein Stau. Um mehr zu schlachten sei auch mehr Personal erforderlich, welches jedoch nicht zur Verfügung stehe.

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Um die Situation zu entspannen, stehe Weißenfels in engem Kontakt mit den Lieferanten. „Sowohl bei den Schweinemästern als auch in der vorgelagerten Stufe geraten die Schweinezüchter immer stärker unter Druck, da es allmählich einen deutlichen Rückstau bei den Schlachttieren gibt“, sagt der Sprecher.

Am Dienstag wurden alle rund 2.250 Mitarbeiter des Werkes auf das Coronavirus getestet. Per Allgemeinverfügung war der Test durch den Burgenlandkreis veranlasst worden. „Grund dafür ist, dass die Infektionskette bei dem positiv getesteten Werkvertragsarbeitnehmer, der eine Arbeitstätigkeit im Schlachthof in Weißenfels hätte aufnehmen sollen, nicht zweifelsfrei geklärt werden konnte“, begründete der Landkreis.

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