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Schlachtfest als Höhepunkt

Zwei runde Jubiläen im Ottendorfer Bahnhofs-Restaurant geben Anlass, um groß zu feiern.

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Von Hans-Werner Gebauer

Morgen begehen Jutta und Heinz Clauß in Ottendorf das Fest der Diamantenen Hochzeit. Zunächst wird wohl in der Familie gratuliert, am zeitigen Nachmittag ist in der Ortskirche der hochzeitliche Segen angesagt, und danach wird in einer anderen Ottendorfer Schänke gefeiert, „denn die jungen Leute sollen auch mitfeiern können“, so das Jubelpaar im Gespräch. Eigentlich könnte man dies nämlich im eigenen Bahnhofsrestaurant tun, denn auch 120 Jahre Gaststätte sind des Erwähnens und Feierns wert.

Doch zunächst soll das Jubelpaar im Mittelpunkt stehen. Beide sind Jahrgang 1926 und auch seit ihrer Geburt in Ottendorf beheimatet. Sogar in die Schule ging man, ehe wieder die Geschlechtertrennung eingeführt wurde. „Doch damals war noch nichts“, schmunzelt Heinz. Entscheidend war die Zeit nach dem Krieg, Heinz Clauß kam im Oktober 1945 aus dem Raum Hannover nach Ottendorf-Okrilla zurück. Und Jutta? Jutta Guhr, wie sie mit ihrem Mädchennamen hieß, war schon im Oktober 1944 vom Dienstjahr zurück in die elterliche Gaststätte gekommen. Wiedergesehen haben sich beide heutigen Eheleute im „Roß“. „Hier gingen wir tanzen“, erzählt Jutta. Geheiratet wurde am 3. Februar 1948.

Die berühmte Sülze kam an

Ab jetzt drehte sich fast alles um das Bahnhofsrestaurant, denn nicht nur Jutta und ihre Mutter Hilda mussten ständig präsent sein. Schon um 8 Uhr kamen die ersten nach Zigaretten, am Nachmittag kamen die Schichtarbeiter der Ottendorfer Betriebe und mit dem Dreiviertelfünfzug die Pendler. „Dann mussten die halben Liter Bier gefüllt werden“. Der Erfolg lag im Biergeschäft, zum Essen gab es Bockwurst, Knoblauchwurst und Juttas berühmte Hausmachersülze. „Für mehr war gar keine Zeit,“ erinnert sich Jutta Clauß. Doch auch Heinz musste zufassen. „Im wahrsten Sinne Haus- und Hofarbeiter, in solch einem Haus gibt es immer etwas zu tun. Wobei es am Donnerstag am Verrücktesten zuging. Ich konnte mich gerade noch umziehen, dann hieß es, das Flaschenbier für die Kunden im Straßenverkauf aus dem Keller holen“. Hausmarke war u. a. Böhmisch-Brauhaus aus Großröhrsdorf. 1967 wechselte der Besitz, Jutta übernahm von ihrer Mutter das „Kneipchen“, wie sie es heute liebevoll nennt. Nunmehr hieß es: „Ich bin bei Jutta“.

Die Kinder (Michael, Matthias und Gabriele) waren aus dem Gröbsten raus. Und doch hatte Jutta Clauß etwas gezögert, „in der Kneipe weiterzumachen, denn eigentlich wollte ich seit meiner Kindheit gern in einem Büro arbeiten“. Jutta Clauß gab am Jahresende die Gaststätte in die Hände ihres Sohnes Matthias, womit die fünfte Generation des Familienbetriebs begann. Der 120-jährige lebendige Alltag hat viele Facetten, Jutta und Heinz Clauß haben davon praktisch die Hälfte selbst erlebt und gestaltet. Schlachtfeste, „im Winter alle vier Wochen“, waren kulinarische Höhepunkte. „Unsere Schlachtschüssel, das Wellfleisch und die Wurstbrühe waren beliebt“, so Jutta Clauß.

Vereine etablierten sich außer dem Mandolinenklub nie für längere Zeit, Obwohl es seit über 80 Jahren das Vereinszimmer gibt. Hier praktizierte in den Anfangsjahren auch mal ein Zahn- und Tierarzt, 1945 und 1946 war die sowjetische Besatzungsmacht Stammgast. Seit Anfang an gibt es ein Billard, noch heute sind meist freitags Billardspieler anzutreffen. Geknobelt wurde, Stammtische, private Skatclubs und seit 1995 auch der Turnierskat, die Doppelkopf-Runde und Versammlungen aller Art gehören in die Annalen des Bahnhofsrestaurants. „Natürlich gab es auch Familienfeiern, dann half uns als Köchin Hilde Zscheischler“, erinnert sich Jutta Clauß.

Die Facetten des Gaststättenlebens werden zum Hochzeitsabend sicher in der Gästerunde weiter ausgelotet, denn es ist praktisch der Dreh- und Angelpunkt der 60 gemeinsamen Jahre. Tiefgreifende Krisen gab es nicht, „wir haben uns eigentlich immer alles ohne viel Drumherum gesagt“, bestätigt die diamantene Braut. Und Sohn Matthias sieht zwei Erfolgsgeheimnisse. „Sie haben sich immer gemocht und in allen Lebenslagen gut ergänzt“. Darauf kann das Jubelpaar mit seinen Gästen anstoßen