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Das Prügel-Opfer zeigt Gesicht

Ein brutaler Schläger hat dem Schüler Richard Wolf in Löbau den Kiefer zertrümmert. Die Polizei will Jugend-Treffpunkte nun stärker überwachen.

Richard Wolf wurde von einem Schläger schwer verletzt.
Richard Wolf wurde von einem Schläger schwer verletzt. © Markus van Appeldorn

Der Vorfall, der sich Anfang Juli in der "Katholischen Anlage" in Löbau zutrug, offenbart einen Abgrund sozialer Verrohung. Ein Jugendlicher attackiert auf dem Fußweg hinter dem Geschwister-Scholl-Gymnasium einen Schüler, schlägt ihm mit der Faust ins Gesicht und verletzt ihn schwer. Jemand aus der Gruppe des Schlägers fertigt mit seinem Smartphone mehrere Videos von dem Geschehen an - und stellt sie ins Internet. Das Opfer, bloß ein unfreiwilliger Darsteller in einem realen "Action"-Filmchen, ein Spielball. Aber das Opfer will sich nicht verstecken, sich nicht wegducken vor der Gewalt. Richard Wolf will Gesicht zeigen - und spricht jetzt über sein brutales Erlebnis.

Wer dem 17-jährigen Richard Wolf begegnet, gewinnt nicht den Eindruck, als sei er erst vor wenigen Tagen Opfer einer Prügelattacke geworden. Die linke Wange ist noch leicht geschwollen - dort, wo die zwei Fausthiebe des jugendlichen Schlägers landeten. Sonst aber weist äußerlich nichts auf Verletzungen hin. Doch dieser Eindruck täuscht. Richard hat einen Splitterbruch des Kiefers davongetragen.

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Das Opfer braucht auch psychologische Hilfe

"In den nächsten acht Wochen kann ich keine feste Nahrung zu mir nehmen, nur Suppe", sagt Richard Wolf. In einer zweistündigen Operation unter Vollnarkose haben Ärzte an der Uni-Klinik in Dresden seinen Kiefer wieder in Form gebracht. "Mein Kiefer wurde mit zwei Schrauben und Platten fixiert", erzählt der Gymnasiast. Und es wird nicht der letzte kieferchirurgische Eingriff gewesen sein. "In ein paar Wochen kommen die Platten und Schrauben wieder raus", sagt er. Wieder Vollnarkose.

"Ich bin zäh", sagt Richard - und ein wenig klingt das so, als wolle er sich damit auch selbst Mut machen, das Erlebte zu verarbeiten. Aber was macht so eine Attacke mental mit einem Jugendlichen? Richard ist sich dessen bewusst, das so etwas nicht spurlos an einem vorübergeht. Er ist aktiv bei der Ortsfeuerwehr in Ebersdorf, steht vor dem Wechsel von der Jugendwehr in die Erwachsenen-Truppe. Und Feuerwehr-Kameraden, das weiß er, müssen oft schreckliche Dinge mit ansehen. "Ich habe demnächst einen Termin in der Trauma-Sprechstunde an der Uni in Dresden", sagt er. Dort soll er wegen des Erlebten auch professionelle psychologische Hilfe erfahren.

Ein harmloser Scherz als Motiv?

Wenn ein Schläger einen Grund für seine Tat sucht - er wird ihn finden. Das ist auch Richard Wolf in den letzten Tagen bewusst geworden. Er kennt den Schläger flüchtig. Und er kennt auch den Grund für die Attacke gegen sich - der in Wahrheit ein schlechter Vorwand ist. Richard erinnert sich: "Letztes Jahr im August saß ich mit einem Kumpel unter der Weißenberger Brücke. Ein paar Meter weiter saß auch die Freundin von dem mit ein paar Freundinnen." Und jene Freundin habe damals einen Knutschfleck am Hals gehabt.

Dann machte Richard einen harmlosen Scherz. "Ich habe meinem Kumpel gesagt: Soll ich Dir auch so einen machen?" Das hörte die junge Frau offensichtlich und fühlte sich dumm angemacht. "Ihr Freund hat mich deshalb kurz später darauf angesprochen aber mir nicht gedroht oder so. Die Sache war damit eigentlich erledigt", erzählt Richard. Auch bei zahlreichen späteren Begegnungen in Löbau sei nie etwas passiert. Deshalb hatte er jüngst auch keinerlei Angst oder Bedenken, als er mit seiner Freundin durch die "Katholische Anlage" ging und den Täter mit seiner Clique dort auf den Bänken hinter der Turnhalle des Gymnasiums sitzen sah.

"Meine Freundin und ich waren unterwegs in den Schrebergarten", erzählt er. Als die beiden an der Gruppe vorbeiliefen, sei der Täter aufgestanden und habe ihn für ein Gespräch zur Seite gebeten. Ein paar Meter abseits habe der ihn wieder auf jene Knutschfleck-Episode angesprochen. "Er hat gesagt, ich hätte seine Freundin angemacht. Und dann hat er auch schon gleich zugeschlagen", erzählt Richard. Und sieht man das Video von der Tat, so macht es den Eindruck, als hätte der Schläger genau das seinen Freunden angekündigt. Das Video beginnt nämlich einen Augenblick vor dem ersten Fausthieb.

Die schlechte Rechtfertigung des Schlägers

Richard Wolf ist sich sicher: Mit seinem beinahe ein Jahr zurückliegenden Scherz hatte die Attacke rein gar nichts zu tun. "Ich glaube eher, der wollte vor seiner Freundin und seinen Kumpels den starken Mann markieren", sagt er. Darin ist sich auch Richards Vater Heiko Wolf sicher. "Auf Instagram im Internet erzählt der Typ jetzt als Rechtfertigung, Richard hätte seine Freundin sexuell beleidigt. Unglaublich ist das", erzählt der Vater. 

Das Video von der Schlag- und Tritt-Attacke dauert ungefähr 30 Sekunden. Doch damit war die dramatische Situation in der Grünanlage noch nicht vorbei. In den darauffolgenden Minuten wurden sowohl Richard als auch seine Freundin weiter aus der Gruppe angegriffen. "Drei Typen sind noch mal auf mich drauf und haben mich zu Boden gerissen. Die konnte ich aber abwehren. Und zwei Mädchen haben meine Freundin niedergerungen und sie wurde gewürgt", erzählt Richard. Mittlerweile würden zu dem ganzen Vorgang vier Videos im Netz kursieren, die das Geschehen zeigen.

Polizei ermittelt auch wegen Volksverhetzung

Richard war sich seiner schweren Verletzung im ersten Moment gar nicht bewusst. "Ich bin mit meiner Freundin erst mal in den Schrebergarten und habe auch bei ihr übernachtet", erzählt er. Später am Abend rief er auch seinen Vater an. "Er hat bloß gesagt: ,Ich habe auf die Fresse bekommen'", erzählt der. Am nächsten Tag ging er aber doch zum Arzt. Schließlich schickte ihn ein Kieferorthopäde zur Uni-Klinik nach Dresden, wo er drei Tage nach der Attacke operiert wurde. "Die Polizei haben wir am Mittwoch, zwei Tage nach der Tat informiert", erzählt Vater Heiko Wolf.

Die Polizei ermittelt nun nicht nur unter anderem wegen gefährlicher Körperverletzung gegen den Schläger und andere aus dessen Gruppe - sondern auch gegen einen Mann, der mit dem Vorfall an sich gar nichts zu tun hat. Das Video der Tat wurde im Internet in vielen Gruppen in sozialen Medien geteilt und sorgte für viel Empörung und eine Flut von Kommentaren. Viele Kommentatoren empörten sich besonders darüber, dass der Schläger ein Türke und sein Opfer ein Deutscher ist. Für einen Kommentator hat das jetzt Folgen. "So laufen Untersuchungen wegen des Verdachts der Volksverhetzung im Zusammenhang mit der Veröffentlichung des Videos. Tatverdächtig ist hier ein 40-jähriger Deutscher", teilt die Polizeidirektion dazu mit.

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Die Polizei nimmt diesen Vorfall sehr ernst. "Die gebündelten Untersuchungen zu diesem Komplex übernimmt nun eine Ermittlungsgruppe der Kriminalpolizeiinspektion" heißt es dazu von der Polizei. Und: „Ziel der Ermittlungsgruppe ist sowohl die lückenlos Aufklärung der Straftaten, als auch die Prävention solcher Geschehnisse“, so Polizeipräsident Manfred Weißbach. Dazu würden neben den Kriminalisten auch Uniformierte des Reviers Zittau-Oberland und der Fachdienst Prävention in die Aufgaben eingebunden sein. "Streifen werden die Treffpunkte von Jugendlichen in Löbau ins Visier nehmen und dort verstärkt präsent sein", teilt die Polizei weiter mit. Ebenso werden die Experten der Prävention den örtlichen Schulen und der Kommune Angebote unterbreiten.

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