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Schlägt Ryanair-Krise auf Dresdner Flughafen durch?

Betroffen wären die neue London-Verbindung und das Mallorca-Shuttle der Tochtergesellschaft Laudamotion.

Körpersprachexperten deuten Kinnstreicher als Stress, Unsicherheit oder Nachdenklichkeit. Bei Ryanair-Chef Michael O’Leary ist es wohl von allem etwas. Noch größer aber ist der Druck für Andreas Gruber, Geschäftsführer von Laudamotion (v. l.).
Körpersprachexperten deuten Kinnstreicher als Stress, Unsicherheit oder Nachdenklichkeit. Bei Ryanair-Chef Michael O’Leary ist es wohl von allem etwas. Noch größer aber ist der Druck für Andreas Gruber, Geschäftsführer von Laudamotion (v. l.). © dpa/APA/H. Pfarrhofer

Die Reklame für Dresdens neue Flugverbindungen ist verschwunden. 600-fach hatten Plakate in den vergangenen Wochen auch für London geworben, das ab Ende Oktober dreimal pro Woche von Ryanair angeflogen werden soll. Die Promotion war planmäßig ausgelaufen. Doch nach jüngsten Hiobsbotschaften gibt es die Sorge, die neue Linie könnte noch vor ihrem Start beerdigt werden.

Wegen des Brexit-Chaos’, höheren Personal- und Spritkosten sowie des Preiskriegs in Deutschland war der Gewinn von April bis Juni im Vergleich zur gleichen Vorjahreszeit eingebrochen: um 21 Prozent auf 243 Millionen Euro. Passagier- und Umsatzzahlen legten nur dank herabgesetzter Ticketpreise zu. Die Aktie verlor in einem Jahr ein Drittel ihres Wertes. Zudem muss die Billigairline dem französischen Staat wegen rechtswidriger Beihilfen für den Flughafen Montpellier 8,5 Millionen Euro zurückzahlen. Das hatte die EU-Kommission am Freitag mitgeteilt.

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Ihre Wachstumspläne hatte die Fluggesellschaft schon vorher zusammengestrichen. Grund: die verzögerte Auslieferung der Boeing 737 Max. Damit wird Ryanair bis zum nächsten Sommer statt der avisierten 58 wohl nur 30 solcher Mittelstreckenjets erhalten. Nach Abstürzen zweier Maschinen anderer Airlines in Indonesien und Äthiopien mit 346 Toten gilt für das Modell seit März ein weltweites Flugverbot.

Und dann steigt der Billigflieger noch aus dem innerdeutschen Verkehr aus. Die letzte Linie zwischen Köln-Bonn und Berlin-Schönefeld ist nach dem Sommer nicht mehr buchbar. Nun sorgen sich Hunderte Piloten und Flugbegleiter um ihre Jobs, denn laut dem Branchenportal airliners.de will Ryanair Stellen abbauen, Basen schließen und unrentable Strecken einstellen.

Airlines halten an ihren Plänen fest

Die Linie von Dresden wird keine Totgeburt. Die Linie starte wie geplant, heißt es auf Anfrage von Ryanair. Auf deren Website gibt es Tickets für den Erstflug nach London-Stansted am 29. Oktober für 36,69 Euro – eine Woche später für nicht mal die Hälfte. „Wir haben derzeit keine Hinweise von Ryanair, das geplante Flugprogramm zu ändern“, sagt Götz Ahmelmann, Vorstandschef der Mitteldeutschen Flughafen AG, zu der auch der Dresdner Airport gehört. „Klar ist, dass die Branche jetzt die Probleme mit der Boeing 737 Max zu spüren bekommt“, so der Manager. „Wir beobachten die Marktlage ständig und werden je nach Marktentwicklung reagieren.“

Dasselbe gelte für Ryanair-Tochter Laudamotion, kurz Lauda, ergänzt Ahmelmann. Die weiß-roten Maschinen des österreichischen Billigfliegers düsen seit 17. Juni einmal täglich nach Mallorca und stopfen so einen Teil der Lücke, welche die Pleite von Germania im Februar gerissen hatte.

„Wir wollen unser Engagement in Dresden massivst steigern“, hatte Laudamotion-Chef Andreas Gruber bei der Vorstellung Ende April versprochen und Potenzial für weitere Städteverbindungen gesehen – etwa nach Paris, Brüssel, Rom und Wien. Mit Preisen ab 19,99 Euro, billiger als die Taxifahrt zum Flughafen, will der Österreicher den Markt aufmischen und Lufthansa unter Druck setzen. Unter seiner Ägide hat die im März 2018 gegründete Airline ein fast beängstigendes Wachstum hinlegt: gut drei Millionen Passagiere im ersten Jahr und wohl doppelt so viele im zweiten. In vier Jahren will der Top-Lowcoster der Alpenrepublik mit 40 Maschinen zehn Millionen Menschen transportieren.

Schon andere Dresden-Flieger hatten hochfliegende Träume, sich mit zu schnellem Wachstum aber übernommen – und sind vom Markt verschwunden. Und wer bremst Lauda? „Ich hoffe, keiner“, so Gruber im Frühjahr. Die Zugehörigkeit zu Ryanair, das 2018 eine Milliarde Euro Gewinn gemacht habe, sorge für Sicherheit.

Doch statt Sicherheit gibt es nun von der Mutter in Dublin Druck. Airliners.de berichtet von einer „Drohkulisse durch internen Wettbewerb“. Konzernchef Michael O’Leary lasse die Marken Ryanair, Laudamotion, Buzz und Malta Air gegeneinander antreten. Lauda-Chef Gruber habe in einem Mitarbeiterbrief einen massiven Sparkurs angekündigt. Man müsse schnell aus der Verlustzone kommen und eine vergleichbare Effizienz wie die Mutter Ryanair erreichen, schreibt das Portal, sonst „würde das Unternehmen scheitern“.

Unternehmenssprecherin Theresa Weißenbäck verneint auf SZ-Anfrage eine existenzielle Krise. Im Newsletter gehe es nur um den Standort Wien, sagt sie. Die Wachstumspläne für Deutschland inklusive Dresden würden weiter gelten, „auch wenn wir nach 140 Millionen 2018 heuer noch mal 50 Millionen Euro Verlust machen“. Die Airline kalkuliert auf der Mallorca-Linie mit 50.000 Passagieren im ersten Jahr.

Um dem Passagierschwund zu begegnen, geht Dresdens Airport auf lange verschmähte Billigflieger zu. Bis Ende Juni wurden 716.000 Reisende gezählt, 9,3 Prozent weniger als vor einem Jahr. 2018 waren insgesamt 1,76 Millionen Passagiere registriert worden, weniger als im Jahr 2000 und die Hälfte der Kapazität des Terminals.

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