merken
PLUS

Schlange stehen am Kaisertrutz

Das hätte die Stadt gern. Doch die Besucherzahlen sind gering. Das soll sich ändern. Dabei gibt es keine Tabus.

Von Sebastian Beutler

Gestern war so ein Tag, der den Städtischen Sammlungen gefällt. Seit Wochen läuft eine Ausstellung im Kaisertrutz mit den besten Designs sächsischer Industrieunternehmen – die Besucherzahlen halten sich aber in Grenzen. Und nun erhält das Görlitzer Unternehmen Partec erneut einen Designerpreis für zwei Geräte – die ausgerechnet in der Schau im Kaisertrutz zu sehen sind. Solche Volltreffer wünscht sich der Görlitzer Oberbürgermeister Siegfried Deinege häufiger, um die Besucherzahlen der Städtischen Museen zu erhöhen. Seit die Landesausstellung ihre Pforten geschlossen hat, bleiben die Besucher in den Städtischen Sammlungen aus. Im Jahr nach der Sachsen-Schau zählten Kaisertrutz und Neißstraße nur 16 800 Besucher, noch 30 000 ein Jahr zuvor. Das ruft nun auch die Rathausspitze auf den Plan. Zwar will OB Deinege die Besucherzahlen nicht bewerten, doch sagt er klar: „Da ist noch viel Potenzial nach oben.“

Anzeige
Bürger trifft Wissenschaft: auf ein Bier mit Julia Gabler
Bürger trifft Wissenschaft: auf ein Bier mit Julia Gabler

Sie wollen wissen, was die Wissenschaftler der Hochschule Zittau/Görlitz so treiben? Die Soziologin und Initiatorin der Plattform F wie Kraft verrät es Ihnen.

Der Druck auf das Museum und die Stadt zu handeln, wächst mit jedem Monat. Die Stadt hat zusammen mit Land und Bund mehr als 15 Millionen Euro in die Museumsbauten investiert. Das ermöglicht den ganzjährigen Betrieb. Doch damit laufen auch ganzjährig Kosten für Bewachung, Heizung und Lüftung auf. Die Hoffnung war groß, dass zumindest ein Teil dieser Kosten eben durch Einnahmen von zusätzlichen Besuchern ausgeglichen werden kann. Doch jetzt bleiben sie weg, und damit steigt der Zuschussbedarf des Museums. Zahlen gibt es zwar noch nicht, sagen die Stadträte. Aber dass die Stadt mehr für ihre Museen zahlen muss als geplant, scheint wahrscheinlich.

Auswege aus diesem Dilemma lässt nun der Görlitzer Oberbürgermeister Siegfried Deinege prüfen. Dabei kennt er keine Tabus und greift auf einen Vorschlag der Verwaltung zurück, der schon einmal von den Stadträten beschlossen, im Februar vergangenen Jahres aber einstimmig wieder verworfen wurde: die Ausgliederung von Städtischen Sammlungen, Stadtbibliothek und Oberlausitzischer Bibliothek der Wissenschaften. Vor zwei Jahren hatte das Görlitzer Rathaus mit einem solchen Schritt jährliche Einsparungen von 140 000 Euro verbunden. Finanzielle Einsparungen durch Lohnkürzungen, wie sie bei Ausgliederungen nicht selten der Fall sind, sind für Deinege aber nicht der Königsweg. So könnte sich die Lage auch dadurch verbessern, dass das Museum mehr Besucher anlockt und so mit höheren Einnahmen selbst zur Verringerung des städtischen Zuschusses beiträgt. Weil das bislang nicht gelang, wird sein Büroleiter Ronny Blümke nun die Vor- und Nachteile bei einer Ausgliederung beispielsweise in den städtischen Kulturservice auflisten. Ein Vorteil könnte sein, dass das Museum von Einrichtungen wie der Bibliothek oder dem Kulturservice dann stärker unterstützt wird, um auf sich aufmerksam machen zu können. Zumal es in der Stadtverwaltung kein Kulturamt mehr gibt. Bis Februar soll diese Untersuchung vorliegen. „Wenn die Mitarbeiter schneller, besser und aggressiver auf dem Markt agieren können, dann denke ich, kommen wir auch zu anderen Ergebnissen“, sagt Deinege.

Für Linken-Vizefraktionschef Mirko Schultze sind das alles keine Argumente für die Ausgliederung. „All das, was der Oberbürgermeister jetzt will, kann er auch tun, wenn die Einrichtungen in der Verwaltung bleiben.“ So könnten Museen und Bibliotheken sich gegenseitig mit Aufgaben wie der Öffentlichkeitsarbeit betrauen oder die Europastadt GmbH stärker für die Vermarktung beauftragen. Wenn aber das Museum ausgegliedert wird, weil gespart werden soll, dann wären die Fachleute ganz schnell weg. Schultze fürchtet auch darum, dass die Stadträte weniger Einfluss haben, wenn die Einrichtungen erst mal ausgegliedert sind. „Es kommt dann zu einer weiteren Machtverschiebung vom Stadtrat zur Verwaltung.“ Deswegen hält Schultze für die Linken am Widerstand gegen die Ausgliederungen fest. Auch CDU-Fraktionschef Dieter Gleisberg vermutet, dass die Mehrheit im Stadtrat nach wie vor gegen eine Ausgliederung ist. „Es müssen schon neue Aspekte und Fakten auf den Tisch, wenn sich dieses Stimmungsbild ändern soll“, sagt er. Gleichwohl sieht auch Gleisberg, dass sich beim Museum etwas tun muss. „Es gibt viele, die meinen, der Laden laufe zu ruhig, schaffe zu wenige Höhepunkte“, sagt er. Ganzjährig müsste das Museum Themen setzen. Allerdings auch mit Hilfe anderer städtischer Gesellschaften wie der Europastadt GmbH, die die Vermarktung übernehmen könnte.

Dass das Museum mit Schwierigkeiten auf vielen Gebieten zu kämpfen hat, weiß auch Wolfgang Freudenberg von den Bürgern für Görlitz. So sollte es letzte Woche im Technischen Ausschuss um Zugeständnisse des Denkmalschutzes bei der Anbringung von Werbebannern am Kaisertrutz gehen. Doch platzte der Termin: Er war angesetzt worden, obwohl Museumschef von Richthofen im Urlaub weilte.

Auf ein Wort