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Schlechter Wind im Hafen

Segelfreunde von der Blauen Lagune wollen nicht an die Görlitzer Anlegestellen. Die SZ hat den Test mitgemacht: Sind die Verhältnisse wirklich so schlimm?

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© Pawel Sosnowski/80studio.net

Von Matthias Klaus

Kapitän Beier ist zufrieden. Sieht gut aus. Wind ja, Sonne ja, Wellen wenig, Wasser angenehm temperiert – was könnte einem Segelfreund noch Besserers passieren? Mit leisem Platschen dümpelt sein Katamaran auf dem Berzdorfer See vor sich hin, ein paar Meter vom Ufer entfernt, direkt an der Blauen Lagune am Südufer des Gewässers. Das Gelände der Segelfreunde ist nur ein paar Meter entfernt. Aber es ist keine Zeit für Beschaulichkeit. „Vorsegel“, kündigt Kapitän Beier an. Ahja, das ist nun wohl meine Aufgabe an Bord des Katamarans. Vorsegel, also irgendwo vorne. „Genau, da hinsetzen“, es folgt eine Platzzuweisung, „und die Schot halten.“ Ich bekomme ein Seil in die Hand gedrückt. Kapitän Beier nickt: „Los geht’s! Und schön festhalten.“ Er meint nicht mich, sondern die Leine. Na toll.

Aber so einfach kann Segeln auf dem Berzdorfer See sein. Der Katamaran des Schleglers Stephan Beier schießt über das Wasser, das Wasser schießt zurück und macht die zweiköpfige Besatzung nass. Kein Problem, ich wurde vorgewarnt. Stephan Beier macht am Dienstagnachmittag gemeinsam mit der SZ einen Test: Ist der Görlitzer Hafen geeignet für Wasserfahrzeuge, die sich ausschließlich mit Windkraft vorwärts bewegen? Der Diakon und Lehrer an der Pestalozzi-Oberschule in Löbau hält den Katamaran hart am Wind. Der Rumpf, auf dem wir sitzen, will sich langsam aus dem Wasser heben. Soll er. Aber der Kapitän hat Bedenken. „Ein bisschen zurück. Nicht, dass wir noch eintauchen und uns überschlagen“, sagt Stephan Beier. Ich rücke sehr schnell an seine Seite Richtung Heck. „So ist es gut“, lobt der Kapitän. Der Weg von der Blauen Lagune bis zum Hafen, mit dieser Geschwindigkeit für den Katamaran ein Katzensprung. Nur ein paar Minuten dauert die rasante Fahrt. An der Hafeneinfahrt wird es schwierig – windtechnisch. Dennoch, langsam zuckelt der Katamaran in den Hafen, nicht ganz bis an das Ende. Nur wenige Boote liegen links und rechts. „Rein geht es ja noch einigermaßen“, kommentiert der Kapitän. Wie steht es um die Ausfahrt? Großsegel und Steuer, das hat Stephan Beier im Blick und in der Hand. Und nebenbei kommandiert er mich. Denn das, was jetzt während der Ausfahrt folgt, ist eine überaus schweißtreibende Angelegenheit, vor allem für den Mann am Vorsegel: Kreuzen gegen den Wind. Was nichts anderes bedeutet, als dass der Katamaran von einer Seite auf die andere des Hafenbeckens gesteuert wird und bei jeder Querung ein paar Meter gut macht Richtung Ausfahrt, ein Zickzackkurs also. Klingt einfach, ist es theoretisch vielleicht auch. In der Praxis heißt es für mich: Vorsegel halten, unterm Großsegel durch, Vorsegel lösen, anziehen, Vorsegel halten und zurück unterm Großsegel. Wieder und wieder. Andere Segler haben das schon aufgegeben und die Paddel ausgepackt. Stephan Beier hat auch eins dabei, will es aber noch nicht zum Einsatz bringen. Die Windverhältnisse im Hafen sind schlecht, die Brise weht nicht konstant an diesem Nachmittag. Das bedeutet, dass der Katamaran schon mal gefährlich nahe den Anlegestegen und anderen Booten kommt. Dann müssen Kapitän Beier und ich per Muskelkraft das Wassergefährt wieder einigermaßen auf Kurs bringen.

Stephan Beier ist kein Segelanfänger. Seit zwölf Jahren schippert er, unter anderem vor Kroatien und Griechenland, auf seinem Katamaran. Die Ausfahrt aus dem Hafen wird jedoch ein echter Stress-Test. Sie dauert fast eine Dreiviertelstunde. „Für Segelboote ohne Motor völlig ungeeignet“, ist sein Urteil. Das ist der Knackpunkt um den derzeitigen Streit zwischen Hafenbetreibern und Segelfreunden an der Lagune. Letztere möchten ihr Gelände behalten und gegebenenfalls ausbauen, Erstere die Segler gern in den Hafen lotsen. Nach SZ-Informationen scheint eine Lösung, ein Kompromiss in Sicht. Stephan Beier möchte auf jeden Fall an der Lagune bleiben. Neben den Windverhältnissen im Hafen bemängelt er eine glitschige Slipbahn, die zu Unfällen führen könnte.

In dieser Saison wird sein Katamaran wohl auf dem Berzdorfer See bleiben und nicht ins Mittelmeerwasser gelassen. „Meine Frau hat interveniert. Sie will dieses Jahr keinen Katamaran-Urlaub“, seufzt Kapitän Beier. Er hat inzwischen gebucht: ein Hotel auf Mallorca – vielleicht mit Katamaran-Verleih. Mit mir am Vorsegel ist er relativ zufrieden. „Für die erste Fahrt nicht schlecht“, kommentiert er. Und lädt mich zu einer weiteren ein. Wenn ich darf, gern.