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Schleichende Vergiftung tötet fast Familie

Gerlind Nitzsche aus Neusalza hat 2015 einen Gebrauchtwagen gekauft. Bald darauf treten rätselhafte Krankheits-Symptome auf.

Gerlind Nitzsche mit ihren Söhnen Robin (l.) und Henrik vor dem Auto, das ihr nur Ärger macht.
Gerlind Nitzsche mit ihren Söhnen Robin (l.) und Henrik vor dem Auto, das ihr nur Ärger macht. © Markus van Appeldorn

Dass ihr Fiat Qubo ausgerechnet ein Sondermodell der "Nitro Edition" ist, hält Gerlind Nitzsche für einen makaberen Scherz. "Nitro", das soll besonders dynamisch klingen. Der Begriff bezeichnet das chemische Element Stickstoff, das auch zur Herstellung von Sprengstoffen dient, etwa Nitroglycerin oder TNT. Doch eine Vergiftung mit Stickstoffdioxid aus Autoabgasen hätte Gerlind Nitzsche und ihre beiden Söhne Robin (10) und Henrik (19) beinahe umgebracht. Und die Schuld daran gibt die allein erziehende Mutter aus Neusalza-Spremberg eben jenem Auto.

Das Drama begann im Sommer 2015. Damals kaufte die 46-Jährige den gebrauchten Mini-Van, Baujahr 2011, beim Fiat-Autohaus Scholz im Löbauer Ortsteil Rosenhain. Für ihre Tätigkeit als Zustellerin der Sächsischen Zeitung brauchte sie ein zuverlässiges Fahrzeug. "Eigentlich wollte ich dort einen gebrauchten Ford kaufen", erinnert sie sich, "aber der mit mir befreundete Verkäufer hat mir den Fiat geradezu aufgeschwatzt. Und nun, der schwarze Mini-Van gefiel ihr auch. Den Kaufpreis von rund 11.000 Euro finanzierte sie über den Ratenkredit einer Bank, den man ihr im Autohaus auch gleich vermittelt habe.

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Rund drei Wochen später kam es zum ersten rätselhaften Vorfall. "Wir wollten in den Urlaub fahren und waren gerade dabei das Auto zu beladen, da sackten mir die Beine weg", erinnert sich Gerlind Nitzsche. Dazu gesellten sich Schwindel und Kopfschmerz. eine sofort konsultierte Ärztin in Ebersbach sprach den Verdacht einer Multiplen Sklerose aus - der bewahrheitete sich nicht. Der Grund für den Schwächeanfall blieb unklar. Mit ihrem neuen Auto brachte Gerlind Nitzsche den Vorfall damals noch nicht in Zusammenhang. Nun gut, es roch im Innenraum ein bisschen nach Chlor, was sie auch beim Autohaus Scholz monierte. "Da hat man mir gesagt, das ist der Dieselkatalysator, das ist ganz normal", erinnert sie sich.

Doch normal wurde nichts. Schon bald zeigten auch ihre Söhne beängstigende Krankheitsanzeichen. Henrik erwischte es besonders schlimm. "Henrik litt nur noch unter Kopfschmerzen und Nasenbluten. Er magerte so weit ab, dass er in Kindergröße 158 passte", sagt die Mutter. Tagelang konnte er nicht in die Schule gehen. "Eigentlich wollte ich nach der Schkola noch das Abitur machen", sagt Henrik, "aber weil ich wegen der Krankheit ein Jahr wiederholen musste, ist das gestrichen." Der junge Mann ist froh, überlebt zu haben. "Ich hatte wirklich Todesangst. Lange hätte ich nicht mehr gemacht", sagt er.

Die rätselhaften Symptome führen zu einer wahren Ärzte-Odyssee der Familie. 82 Arztbesuche haben sie dokumentiert. "Wir sind eineinhalb Jahre von einem Arzt zum anderen", sagt Gerlind Nitzsche. Sie waren bei Orthopäden, Augenärzten, HNO-Ärzten, zur MRT-Untersuchung im Zittauer Krankenhaus oder in der Dresdner Universitätsklinik. "Es gab Tage, da waren wir bei drei Ärzten", schildert Gerlind Nitzsche. Aber keine Untersuchung brachte die Ursache an den Tag. Die Situation geht der Familie auch an die wirtschaftliche Substanz. Gerlind Nitzsche fällt oft als Zustellerin aus. Entweder, weil sie selbst zu krank ist, oder weil sie mal wieder auf irgendeiner Ärzte-Tour ist. Oft muss sie auch daheim bleiben, weil ihr jüngerer Sohn krank war. Als kleinen Ausgleich bezieht sie für diese Tage Kinderpflege-Krankengeld, bis ihr die Krankenkasse mitteilt, dass ihr Anspruch darauf erschöpft sei, weil es diese Leistung für maximal zehn Tage im Jahr gebe.

Manchmal gerieten große Mengen Abgas in den Inneraum des Fiat Qubo
Manchmal gerieten große Mengen Abgas in den Inneraum des Fiat Qubo © Foto: privat

Für die ärztliche Diagnose, die schließlich gestellt wurde, gab es durchaus Alarmzeichen. "Manchmal hat das Auto plötzlich unheimlich stark angefangen zu qualmen und es drangen Auspuffgase nach innen", erzählt Gerlind Nitzsche. Ihr Sohn Henrik hat ein Foto von einer dieser Situationen gemacht. Öfter sei sie deswegen auch in der Werkstatt des Autohauses Scholz vorstellig geworden. Dort aber habe man keinen Defekt feststellen können. Endgültig dämmerte es Gerlind Nitzsche, als im Januar 2017 die Hauptuntersuchung an dem Fahrzeug fällig wurde - und damit auch die Abgasuntersuchung. Wegen eines "abgasrelevanten Fehlers" verweigerte der Prüfer die Plakette und wies Gerlind Nitzsche auf das gefährliche Problem hin.

Die Diagnose des Dresdner Arztes Professor Dr. Albrecht Hempel brachte es im Mai 2017 schließlich an den Tag. Der Facharzt für Innere Medizin attestierte bei Henrik eine "vital bedrohliche chronische Intoxikation durch Autoabgase bei defekter Auspuffanlage mit Abgaseinleitungen" - Lebensgefahr. Gerlind Nitzsche legte das Auto sofort still. Seitdem steht es auf ihrem Grundstück. Der Reporter von sächsische.de hat die Familie in Neusalza-Spremberg besucht und auch das Auto in Augenschein genommen. Tatsächlich roch das Fahrzeug nach einigen Minuten Leerlauf im Innenraum deutlich nach Abgasen. Von einer Rücknahme des Fahrzeugs habe das Autohaus Scholz aber nichts wissen wollen. "Wenn das Fahrzeug doch angeblich in Ordnung ist, können sie es doch zurücknehmen und weiterverkaufen", sagt Gerlind Nitzsche. Schließlich verklagte sie das Autohaus vor dem Landgericht Görlitz. Sie fordert die Rückabwicklung des Kaufvertrags und 27.000 Euro Schmerzensgeld für sich und ihre beiden Söhne, außerdem Schadenersatz für die Kosten der vielen Fahrten zu den Ärzten. Zusätzlich solle das Autohaus sie von der Ratenzahlungen an die Bank freistellen.

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Am Freitagvormittag kam es vor dem Landgericht zu einem ersten Gütetermin. Der Anwalt des Autohauses bestritt nicht die Stickstoffdioxid-Vergiftung, wohl aber, dass das Auto dafür verantwortlich sei. "Bei Werkstattbesuchen ist der behauptete Fehler niemals aufgetreten", sagt er. Auch der Richter wies darauf hin, dass zu klären sei, ob ein eventueller Schaden an der Abgasanlage schon bei Übergabe des Fahrzeugs bestanden habe, oder erst später aufgetreten sei - beispielsweise auch durch ein Schlagloch. Der Anwalt des Autohauses vermutete indes einen ganz anderen Grund für die Klage von Gerlind Nitzsche. "Die Finanzierung ist im Grunde schon im zweiten Monat geplatzt", sagt er. Über 27 Monatsraten habe es Rücklastschriften gegeben, weil das Konto nicht ausreichend gedeckt war. Gerlind Nitzsche räumt das gegenüber sächsische.de ein.: "Ja, manche Rate habe ich zu spät überwiesen. Aber überwiesen habe ich sie alle." Grund dafür sei ihre wegen der Krankheit der Familie immer wieder finanziell angespannte Situation gewesen. Zurzeit würden die Ratenzahlungen ohnehin ruhen. Der von ihr beauftragte Bautzner Rechtsanwalt Karl-Heinz Drach will die Forderung von Gerlind Nitzsche durch Einholung eines Sachverständigen-Gutachtens untermauern lassen. Das Verfahren wird am 18. Februar fortgesetzt.

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