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Wie kommt man Schleusern auf die Schliche?

Gefälschte Pässe, Asylbetrüger, Seriendiebe: Der Kripo-Chef der Bundespolizei sieht neue Trends bei Schleusern.

Die Bundespolizei ist an der Autobahn regelmäßig auf der Jagd nach Schleusern. Doch die lassen sich immer neue Maschen einfallen. Vor allem gefälschte Dokumente erschweren die Ermittlungen.
Die Bundespolizei ist an der Autobahn regelmäßig auf der Jagd nach Schleusern. Doch die lassen sich immer neue Maschen einfallen. Vor allem gefälschte Dokumente erschweren die Ermittlungen. © Symbolbild: Steffen Unger

Herr Pfau, was war Ihr wichtigster Kriminalfall im Jahr 2019?

Den einen wichtigen Fall gibt es nicht. Wir hatten vier große Verfahren dieses Jahr. Bei einem geht es um das bandenmäßige Einschleusen von Ausländern mit Scheinehen. In dem Fall haben Männer aus Indien und Pakistan angeblich Frauen aus Osteuropa, von Tschechien bis Rumänien geheiratet.

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Vorgetäuschte Hochzeiten?

Ein gängiges Modell. Die Männer zahlen 15.000 bis 22.000 Euro. Die Frauen erhalten davon 2.000 bis 3.000 Euro. Der Gewinn für die Täter ist hoch. Man trifft sich auf Zypern oder in Dänemark, heiratet und bekommt Ehepapiere, mit denen man bei deutschen Meldebehörden vorstellig wird.

Fällt das nicht auf?

Nicht immer. Hier waren es Mitarbeiter von Ausländerbehörden, die bemerkten, dass sich Anträge von Pakistanern und Indern häufen, die alle am gleichen Ort heirateten. Im Sommer haben wir rund 40 Häuser durchsucht und 18 Leute festgenommen – „Ehepartner“ und Organisatoren, von denen viele abgeurteilt sind und Haftstrafen bekommen haben. Ein Erfolg. Aber die mit Schleusungen verbundene Urkundenkriminalität, also mit fingierten oder falschen Dokumenten, nimmt zu und ist vielleicht das größte Phänomen, was wir gerade beobachten.

Wie muss man sich das vorstellen?

Scheinehen sind das eine. In einem Fall geht es um mehr. Wir ermitteln gegen eine Chinesin, die Landsleute eingeschleust hat – mit erschlichenen Geschäftsvisa für angebliche Investoren. Die Chinesen brauchen ja eine offizielle Einladung. Täter organisieren das. Wir gehen davon aus, dass das pro Person um die 200.000 Euro kostet.

Das klingt nach einem guten Geschäft.

Gewinnmäßig vielleicht. Eine große Bedeutung hat auch die Anwerbung und Schleusung illegaler Arbeitskräfte. Da reden wir über Ausbeutung und Menschenhandel. Fast täglich greifen wir an der Autobahn 4 nahe der Grenze zu Polen oder auf der A17 Menschen auf, die aus Moldawien, Serbien oder der Ukraine kommen und sich als Touristen ausgeben oder falsche rumänische Dokumente dabei haben.

Markus Pfau (37) ist Chefermittler der Bundespolizei im Bereich Organisierte Kriminalität. Er ermittelt in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen gegen Schleuser und Banden.
Markus Pfau (37) ist Chefermittler der Bundespolizei im Bereich Organisierte Kriminalität. Er ermittelt in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen gegen Schleuser und Banden. © Jürgen Lösel

Warum rumänische Papiere?

Rumänien ist in der EU, das bedeutet Freizügigkeit und die Möglichkeit, überall in der EU frei zu arbeiten. In den vergangenen Jahren haben wir dieses Phänomen schon in der Transportbranche, auf dem Bau und in der Gastronomie beobachtet. Dieses Jahr haben wir in einem Fall 30 Objekte durchsucht, darunter eine Schweinemastanlage bei Merseburg. Bei unseren Ermittlungen geht es immer um Strukturen und Tätergruppen, die in diesem Fall Osteuropäer gezielt illegal angeworben haben. Solche Verfahren beschäftigen bei uns drei bis vier Mitarbeiter zwischen 18 und 23 Monaten. Da sind Observierungen und Durchsuchungen noch nicht dabei.

Gefälschte Dokumente, unsichere Reisewege. Lohnt sich das überhaupt?

Die Täter machen hohe Gewinne. Die Arbeitnehmer erhalten nur einen Bruchteil des Lohns, des Mindestlohns, und die dahinter stehende „Firma“ berechnet den Auftraggebern „normale“ Löhne. Außerdem zieht die „Firma“ den Arbeitern horrende Kosten für Unterkunft für den Sammeltransport zur Arbeit ab. Für einen Platz im Sechsbettzimmer sind mehrere Hundert Euro fällig. Da bleibt am Ende nicht mehr viel übrig.

Wissen die Firmen, die die Arbeitskräfte beschäftigen, von der Ausbeutung?

Viele der leihenden Unternehmen mussten in dem Fall wohl gutgläubig davon ausgehen, dass es sich um legale Arbeitnehmer handelt. Die ausgebeuteten Arbeiter machen alles mit für einen Stundenlohn im niedrigen einstelligen Eurobereich.

Dann sind die Arbeiter selbst Opfer?

Sie sind einerseits Straftäter, weil sie illegal eingereist sind, aber natürlich auch Opfer. Das kratzt am Tatbestand des Menschenhandels, nur, die Opfer empfinden das nicht so, weil sie mit den geringen Löhnen trotzdem noch mehr haben als etwa in der Ukraine. Das macht die Strafverfolgung schwer. Sie sagen nicht viel. Wir wollen an die Hintermänner ran. Das ist ähnlich schwierig wie bei georgischen Seriendieben, die das Asylrecht missbrauchen, um Straftaten zu begehen.

Seriendiebe, die Asyl beantragen?

Ja, vor allem der Raum Dresden und Ostsachsen ist davon stark betroffen. Das beschäftigt uns schon seit 2016. Die Täter reisen ein, beantragen Asyl und kennen den deutschen Rechtsstaat. Sie wissen, dass sie für einen einzelnen Ladendiebstahl hierzulande nicht ins Gefängnis müssen. Allein hier in der Region haben wir schon 35 Täter dingfest gemacht. Erst kurz vor Weihnachten haben wir drei Männer und eine Frau, 33 bis 45 Jahre alt, festgenommen.

Aber das sind ja nur die Kleinen, was ist mit den Bandenchefs, den Schleusern?

Im Fokus unserer Ermittlungen stehen natürlich die Leute, die die Diebe einsetzen, also Schleuser, Hintermänner und Organisatoren. Nur: Die vermeintlichen Asylbewerber biegen sofort in die Eigentumskriminalität ab. Da können Sie nicht monatelang einfach zugucken. Diese Diebstähle verursachen hohe Schäden.

Sie nennen gefälschte Dokumente das größte Phänomen. So etwas gab es doch schon immer. Was ist heute anders?

Wir finden mehr davon bei Kontrollen an Bahnhöfen oder Grenzdienststellen. Mussten Sie vor ein paar Jahren noch jemanden kennen, der jemanden kennt, der jemanden kennt, bei dem sie so etwas kaufen können, gehen sie heute einfach ins Internet. Es einen florierenden digitalen Handel mit Dokumenten.

Wo bekomme ich Fälschungen?

Sie können diese Dokumente leider relativ problemlos in Facebook- und Whatsapp-Gruppen oder in konspirativen Foren im Darknet erwerben und mit digitalen Währungen, Einmal-Kreditkarten oder Bargeldtransfers bezahlen. Der Anbieter steckt das Dokument in einen Umschlag und verschickt es. Nur wenn diese Sendung entdeckt wird, haben wir mal so etwas wie ein analoges Schlaglicht auf dieses Phänomen. Es waren noch nie zuvor so viele gefälschte Dokumente im Umlauf.

Ein gefälschter Pass wird untersucht (Symbolfoto)
Ein gefälschter Pass wird untersucht (Symbolfoto) © Daniel Bockwoldt/dpa

Wo fallen solche Sendungen auf?

Am Flughafen Leipzig, der ein Fracht-Drehkreuz ist, haben wir eine Sonderkommission gegründet. Der Zoll prüft dort nicht nur Sendungen nach Deutschland, sondern auch, was nur „zwischenlandet“. Dabei fallen immer wieder Dokumentensendungen auf. Pässe, Ausweise, Führerscheine. Mal im A4-Umschlag, mal im Paket. Bis Ende November wurden und 7.000 solcher Sendungen an uns übergeben. In rund 2.000 davon waren Fälschungen. Die kommen oft aus Albanien oder Griechenland. Wir wissen von Fälscherwerkstätten dort. Der betriebs- und volkswirtschaftliche Schaden durch solche Fälschungen ist immens.

Schäden durch falsche Pässe?

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Sie können diese Dokumente bei Behörden wie Meldeämtern einsetzen, am Geschäftsverkehr teilnehmen und etwa Handyverträge abschließen oder Bankkonten eröffnen. Weil die klassischen Grenzen sich im freizügigen Schengen-Europa faktisch in die Amtsstuben verlagert haben und Ausländer dort oft ihren ersten Kontakt zu Behörden haben, versuchen wir, die Mitarbeiter dort zu schulen, damit sie Fälschungen besser erkennen können.

Ihr Ausblick für 2020?

Diese Phänomene bleiben wohl. Wachsam verfolgen wir auch die Lage auf den griechischen Inseln und der Balkanroute.

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