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"Reden hilft unheimlich viel"

Es gibt Einsätze, die machen auch erfahrenen Feuerwehrleuten zu schaffen. Der Kreisbrandmeister erzählt, warum sie trotzdem immer wieder für andere ihre Gesundheit riskieren. 

Von Romy Altmann-Kuehr
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Björn Mierisch ist Kreisbrandmeister beim Landkreis Görlitz.
Björn Mierisch ist Kreisbrandmeister beim Landkreis Görlitz. © Nikolai Schmidt

Nach so einem Einsatz fließen hinterher im Depot immer Tränen - so kommentiert ein Kamerad auf Facebook den schlimmen Unfall am 27. Dezember auf der Löbauer Beethovenstraße. Eine junge Frau war laut Polizei betrunken mit einem Kleinwagen unterwegs, donnerte in den Zaun eines Gewerbegrundstücks. Zwei Insassen des Autos wurden schwer verletzt, starben noch an der Unfallstelle. Auch Feuerwehrleute waren als Helfer vor Ort. So etwas geht auch an erfahrenen Rettern nicht spurlos vorbei. Björn Mierisch ist Kreisbrandmeister im Görlitzer Landratsamt und war selbst viele Jahre bei der Görlitzer Berufsfeuerwehr. Er erklärt, wie die Kameraden mit solchen schlimmen Eindrücken umgehen und welche Sorgen sie außerdem haben. 

Herr Mierisch, man hat den Eindruck solche Horror-Unfälle wie Ende Dezember in Löbau kommen immer häufiger vor. Ist das tatsächlich so?

Es hat den Anschein, das ist richtig. Tatsächlich gibt es aber nicht öfter Unfälle als früher. Was wir aber feststellen ist, dass die Schäden und auch Verletzungen schwerwiegender geworden sind. Zum Einen wird schneller gefahren. Zum Anderen fühlen sich die Leute aufgrund der Technik in den Autos heute sicherer, werden dadurch aber auch unbekümmerter, vielleicht manchmal unaufmerksamer. Es reicht schon ein kurzer Moment, wo man nicht richtig aufpasst. Die Schäden sind heute meist größer, das erhöht aber auch die Belastung für die Kameraden - körperlich wie auch psychisch. Auch bei Brandeinsätzen ist die Belastung heute höher. Wärmeschutzverglasung in Gebäuden sorgt zum Beispiel dafür, dass Fenster nicht mehr kaputt gehen, die ganze Wärme bleibt drin, die Temperaturen steigen enorm. 

Schwerverletzte oder gar Tote und jede Menge Blut - wie werden die Kameraden mit solchen schockierenden Unfallbildern fertig?

Gewöhnlich ist es so, dass man in dem Moment einfach funktioniert, die eingeübten Handgriffe sitzen. Bei der Ausbildung in der Berufsfeuerwehr lernt man das. Psychologie und Menschenführung gehören dort mit in die Ausbildung. Dort werden auch alle möglichen Situationen eingeübt, auf die man im Rettungsdienst treffen kann. Zum Beispiel auch die Hilfe bei einer Geburt. 

Die meisten der Kameraden sind aber Ehrenamtliche, die ganz normalen Berufen nachgehen und "nur" in ihrer Freizeit Retter sind.

Das stimmt, bei den Ehrenamtlichen ist das nicht so. In der Grundausbildung lernen die Ehrenamtler das richtige Handling, die Arbeitsabläufe im Einsatz. Es ist ganz wichtig, dass alles sicher sitzt. Man darf nicht unsicher sein, wenn es drauf ankommt. Bei der Alarmierung bekommt man zwar einen Überblick, was einen vor Ort erwartet. Zeit sich darauf vorzubereiten, hat der Kamerad aber nicht. Schließlich muss er zum Depot eilen, sich umziehen und starten. Beim Einsatz aber ist man nicht allein, sondern in der Gruppe. Man arbeitet ab, was zu tun ist, ohne groß nachzudenken. Das Bewusstsein, was da grade passiert ist, kommt meist erst später, im Depot, zu Hause oder auch erst am nächsten Tag. 

Was hilft nach Ihrer Erfahrung dann am Besten, um das Erlebte zu verarbeiten?

Manche Kameraden beschäftigt so etwas länger, sie fragen sich, was man vielleicht hätte besser machen können. Nach meiner Erfahrung ist das beste Mittel, um mit solchen schlimmen Ereignissen fertig zu werden: reden. Egal ob mit den Kameraden nach dem Einsatz, mit dem Wehrleiter, zu Hause mit der Familie. Außerdem haben wir im Landkreis ein Kriseninterventionsteam. Diese psychologisch geschulten Leute sind in erster Linie zur Betreuung von Unfallopfern und deren Angehörigen da. Sie können bei Bedarf natürlich aber auch für unsere Feuerwehrkameraden da sein. Wichtig ist: Die Kameraden müssen den Mut haben, es anzusprechen, wenn sie Probleme haben. Reden hilft unwahrscheinlich viel, man muss diese Hilfe aber zulassen. Auch Pfarrer bieten sich an, als Seelsorger zu helfen. Diese Angebote könnten aus meiner Sicht noch mehr genutzt werden. Dennoch gibt es Dinge, die brennen sich ins Gedächtnis ein. Das wird man nicht mehr los. Der Geruch von Blut ist zum Beispiel so etwas. 

Wie kann man trotzdem junge Leute motivieren zur Feuerwehr zu gehen?

Jeder, der das ehrenamtlich macht, sieht solche grausamen Vorfälle, die harte Arbeit und Verantwortung nicht vordergründig. Wer das macht, der will in erster Linie eines: anderen helfen. Das treibt die Kameraden an. Ich kann aber auch verstehen, wenn Leute das nicht wollen. Gerade deshalb aber muss man das Ehrenamt umso mehr würdigen. Die Kameraden sind im Ernstfall zur Stelle. Man muss aber auch sagen: Die Feuerwehr fasziniert viele wegen der Technik. Es macht Spaß damit zu arbeiten. Ich würde mir wünschen, dass die Arbeit der Feuerwehren allgemein noch mehr anerkannt wird in der Gesellschaft. In anderen Ländern hat die Feuerwehr einen höheren Stand als bei uns. In Amerika zum Beispiel. Wenn sie da sagen, sie sind Firefighter, dann sind sie ein Held.

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