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Auf schmaler Spur bis nach Österreich

Vor 120 Jahren ist der erste Zug von Friedland nach Hermsdorf gefahren. Von dort ging's über Reichenau nach Zittau. Nach 1945 war alles anders.

Totalansicht des Bahnhofes Hermsdorf von sächsischer Seite.
Totalansicht des Bahnhofes Hermsdorf von sächsischer Seite. © Sammlung Sameiske

Was heute kaum bekannt ist, dass die erste Schmalpurbahn ab Zittau nicht ins Zittauer Gebirge führte, sondern nach Reichenau (heute Bogatynia/PL) und Markersdorf (heute Markocice/PL). Diese Bahn wurde 1884 eröffnet, die ins Gebirge 1890.

Eigentlich war bei der Reichenauer Bahn eine Regelspur-Verbindung zwischen dem schlesischen Liegnitz und Zittau über Friedland und Reichenau geplant. Da dieses Projekt nicht zustande kam, war es politisch einfach, wenigstens eine Kleinbahnlinie durchzusetzen. Auf Betreiben der örtlichen Unternehmer sollte sie bis in das hinter Reichenau liegende Markersdorf führen. Also in Richtung böhmische Grenze, aber eben nicht über sie hinweg.

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Das sollte sich ändern, zumal ein Staatsvertrag zwischen Sachsen und Österreich-Ungarn vom 27. November 1898 auch Festlegungen zur Einrichtung von Eisenbahnlinien über die sächsisch-österreichische (böhmische) Grenze beinhaltete. Maßgeblich für den Weiterbau der Bahn von Reichenau bis Friedland (heute Frydlant/CZ) war die erfolgreiche Reichenauer Unternehmerfamilie Preibisch. Das 1859 gegründete Textilunternehmen besaß bereits seit 1877 einen Zweigbetrieb in Dittersbach (heute Detrichov/CZ), nahe Friedland. Was fehlte, war ein Bahnanschluss, den bekam die Firma nun mit der Station Dittersbach an der neuen Strecke.

Am 25. August 1900, einem Sonnabend, wurde sie eröffnet, exakt 14.33 Uhr mit einem Zug von Friedland nach Hermsdorf (heute Hermanice/CZ).

Grenzbahnhof in Böhmen

Vorausgegangen war 1895 eine Petition aus Reichenau nach Dresden, 1896 erfolgte aus Friedland die Einreichung eines Vorprojektes beim zuständigen Wiener Eisenbahnministerium. Fast die gesamte Trasse und damit der meiste Aufwand lag auf böhmischer Seite. Vermutlich wurde deshalb der Grenzbahnhof in Böhmen, in Hermsdorf, angelegt. Sachsen verpflichtete sich zum Bau der kurzen Anschlussstrecke, von Markersdorf aus waren das exakt 2,2 Kilometer. In besagtem Staatsvertrag regelte man den Betrieb des Grenzbahnhofes. Er erfolgte komplett durch den böhmischen Bahnbetreiber, der dafür von Sachsen eine Ausgleichszahlung bekam.

Ein abfahrbereiter Zug nach Friedland am Bahnhof Hermsdorf im Jahr 1936.
Ein abfahrbereiter Zug nach Friedland am Bahnhof Hermsdorf im Jahr 1936. © Sammlung Sameiske

Die Gleise waren genau aufgeteilt an die beiden Bahnunternehmen. Jedes besaß auch einen Lokschuppen. Gemeinsame Nutzung vereinbart war für die Trennwand der Schuppen… Auch einen Wasserkran teilte man sich und einen „Freiabtritt“, also eine Toilette.

Durchgängige Züge zwischen Zittau und Friedland waren nicht vorgesehen. Auch im Güterverkehr wurde meist umgeladen, was die Arbeit des Zolls sicher erleichterte. Direkt am Bahnhof lag das Königlich Sächsische Zollamt. Als im Oktober 1938 das Sudetenland annektiert wurde, war Hermsdorf kein Grenzbahnhof mehr.

Nach 1945 blieb dieser Übergang für Züge komplett geschlossen. Auf tschechischer Seite wurde die Bahn noch bis 1976 betrieben. Seitdem verfällt der Bahnhof Hermsdorf/Heřmanice. Die Erinnerung an die Bahn lebt aber in Tschechien weiter. Seit 2004 gibt es in Friedland einen Verein. Im dortigen ehemaligen Endbahnhof der Strecke betreibt er ein Museum und hat einige Gleise wieder aufgebaut. Von einer kompletten Wiedereinrichtung der Schmalspurbahn wagt aber wohl derzeit noch niemand zu träumen.

Pressestimme zur neuen Strecke

"Der Verkehr auf der neu eröffneten Bahnstrecke Reichenau-Hermsdorf-Friedland war teilweise so groß, daß die Wagen überfüllt waren und die Passagiere kaum fortgebracht werden konnten. Es fuhren Züge, die bis 16 Wagen hatten.Der Früh-9-Uhr-Zug hatte beim Einfahren in den Bahnhof Hermsdorf insofern einen kleinen Unfall, als der erste Wagen infolge eines Defektes an der Weiche aus den Schienen sprang. Verletzt wurde niemand, die späteren Züge funktionierten tadellos. Die Firma C. A. Preibisch ließ jedem Beamten und Arbeiter in ihrer Filiale in Dittersbach i. B. ein Geldgeschenk zukommen, um denselben Gelegenheit zu bieten, die neu eröffnete Bahnstrecke befahren zu können. In ausgiebiger Weise wurde davon Gebrauch gemacht."

Quelle: Preuß/Preuß „Schmalspurbahnen inSachsen“, transpress-Verlag Berlin 1980

Der Autor bedankt sich bei Torsten Sameiske für die fachliche Unterstützung.

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