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Schmerzvolle Weite

Trotz gebrochener Rippe schafft Speerwerfer Lars Hamann die WM-Norm. Er muss drei Wochen pausieren, bleibt aber gelassen.

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© Robert Michael

Von Michaela Widder

Die Schmerzen sind allgegenwärtig. Beim Niesen, beim Lachen, beim Naseputzen, beim Drehen, selbst beim Zubettgehen. Es tut alles weh. Lars Hamann, Speerwerfer aus Dresden, hat sich am Wochenende bei einem Sportest in München eine Rippe gebrochen.

Es passiert beim dritten Versuch, in dem Moment, als er mit der Wucht von mehr als 100 Kilometern pro Stunde den Speer in die Luft donnert. „Ich habe sofort gemerkt, hier ist was verkehrt. Da ist die Rippe auf dem Beckenkamm aufgeschlagen“, erklärt der 26-Jährige. Schon zweimal hatte er sich eine schmerzvolle Rippenprellung zugezogen, doch diesmal ist ihm schnell klar, dass mehr passiert sein muss.

Unter heftigen Schmerzen setzt Hamann den Wettkampf fort, auch weil er spürt, die geforderte Weite für die WM Ende August noch schaffen zu können. Und tatsächlich, im fünften Versuch fliegt der Speer auf 82,89 Meter – ein einziges Mal in seiner Karriere hat er bisher weiter geworfen. „Wahrscheinlich hätte ich auch noch ein sechstes Mal probiert, wenn es da nicht mit der Norm geklappt hätte“, gibt der WM-Teilnehmer von Moskau später zu.

Hamann hofft nun darauf, nach drei Wochen Pause wieder werfen zu können und in sechs Wochen beschwerdefrei zu sein. „Natürlich ist es schade, weil ich bei ein paar Meetings mitmachen wollte. Andererseits tut mir die Pause vielleicht auch gut.“ Denn seit zwei Wochen ärgert sich Hamann mit einer Schambeinentzündung herum. Nun kann er die Zwangspause doppelt nutzen.

Bis zu den Deutschen Meisterschaften im Juli will er spätestens wieder fit sein und sich für Peking empfehlen. Die Ausgangslage für die Speerwerfer ist in dieser Saison recht komfortabel, da anders als in den vergangenen Jahren statt drei nun vier deutsche Athleten für die WM nominiert werden können. Der Jenaer Thomas Röhler hatte sich mit dem Gesamtsieg bei der Diamond League bereits einen Startplatz im Pekinger Vogelnest gesichert.

Für Hamann war 2014 keine gute Saison. Fast auf den Tag genau vor einem Jahr hatte er sich beim Fußball einen komplizierten Fußbruch zugezogen. Statt EM in Zürich stand ein arbeitsreicher Sommer bei der Polizei in Dresden an. Als Mitglied der Sportfördergruppe hatte er sein Stundensoll schon im November erfüllt, sodass er seitdem den Fokus aufs Training legen konnte. Über den Winter hat sich das auch ausgezahlt. Mit einem Video aus dem Trainingslager in Portugal imponierte er vor Kurzem seine Facebook-Gemeinde. Darin sieht man, wie der Athlet vom Dresdner SC einen Traktorreifen (geschätzt 150 bis 200 Kilogramm) anhebt, umwirft, und das fünfzehnmal. „Reifen-Schubsen“ nennt Hamann die ausgefallene Einheit.

Die Kraftwerte stimmen also, aber auch die Weiten? Sowohl beim Saisoneinstieg in Halle (80,65) als auch beim WM-Test in Peking (80,28 m) fliegt der Speer über die 80-Meter-Marke. „Ich habe noch nie so gut geworfen, was die Konstanz betrifft“, sagt Hamann optimistisch. Deshalb denkt er auch gern an das vorige Wochenende in München. Trotz der schmerzhaften Erfahrung.