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Schmidt begründete den Ruf der Hofkapelle

Teil 6 der SZ-Serie zur Fürstenhochzeit 1719: Protestantisch oder katholisch? Der Kapellmeister musste gelegentlich sogar in der Kirche wechseln.

Kein Fest ohne Musik: Johann August Corvinus hielt die Eröffnungszeremonie des Festes der sieben Planeten 1719 in einem Kupferstich fest.
Kein Fest ohne Musik: Johann August Corvinus hielt die Eröffnungszeremonie des Festes der sieben Planeten 1719 in einem Kupferstich fest. © SKD; Kupferstich-Kabinett Foto: Herbert Boswank

Die Regierung des Freistaates Sachsen hatte 1997 entschieden, das Dresdner Schloss als „Monument sächsischer Geschichte und Kultur“ wiederaufzubauen und den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden zu übergeben. Längst sind Museen im Schloss heimisch. Nun steht am 28. September die Eröffnung der in ihrer barocken Pracht rekonstruierten Paraderäume bevor. Von 1717 bis 1719 schufen die besten Kunsthandwerker Europas dieses Raumkunstwerk. August der Starke baute das Schloss zu einem Machtzentrum in Europa um und wollte durch die Vermählung seines Sohnes mit der Habsburgerin Maria Josepha 1719 die Ansprüche Kursachsens auf die Kaiserkrone verdeutlichen.


Von Reiner Zimmermann

Er heißt Schmidt, stammt aus Hohnstein und ist völlig unbekannt: Johann Christoph Schmidt (1664-1728), Hofkapellmeister seit Augusts Amtsantritt. Er verstand es 1696/97 trefflich, Augusts Geschmack zu treffen, indem er „opéra-ballets“ komponierte, die jener bei seinem Vorbild Ludwig XIV. so schätzte und in denen die Hofgesellschaft zugleich Ausführende wie Publikum war. Johann Georg III. sandte Schmidt üblicherweise zum Lernen nach Italien, so dass er den italienischen Stil ebenfalls beherrschte. Aber August liebte seine „Lullisten“, Hofmusiker, die in Frankreich ausgebildet worden waren, und den französischen Stil pflegten.

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Louis de Silvestre porträtierte die Vermählten.
Louis de Silvestre porträtierte die Vermählten. © Gemäldegalerie Alte Meister, SKD. Foto: Klut.

Augusts Konversion zum Katholizismus bereitete Schmidt eine Menge Probleme. Aufgewachsen in der protestantischen Tradition von Heinrich Schütz, blieb er seinem evangelischen Glauben treu, musste aber ständig zwischen protestantischer und katholischer Kirchenmusik hin- und herwechseln. Der Hof in Dresden und die Kurfürstin blieben evangelisch. Für sie versah Schmidt in der Schlosskapelle jahrzehntelang seinen Dienst. In Warschau dagegen hatte er 1697 eine vierzigköpfige katholische Hofkapelle zu organisieren. 

1704, nach Augusts Flucht aus Warschau, mussten die Warschauer Musiker für die Hofmusik und die Gottesdienste in Dresden und Moritzburg, wo August seine katholischen Messen feierte, beschäftigt werden. Wir wissen nur, dass er zu den Gottesdiensten immer „eine angenehme Musik gemachet hat“, wie die Hofjournale wiederholt überlieferten. Weil ständig Geld fehlte, wurden viele Musiker entlassen, dann wieder eingestellt oder zu anderen Diensten verpflichtet. Endlich 1709 konsolidierte sich die Lage auch für die Hofmusik. 

Der Kurprinz hat klare Vorlieben

Aus den Mitgliedern der Hofkapelle und weiteren Musikern, die die damals modernsten Instrumente beherrschten, ließ er durch Johann Christoph Schmidt einen Instrumentalkörper bilden, genannt „Orchestre“. Mit chorisch besetzten Streichern der Violinenfamilie, mit Querflöten, Oboen, Fagotten und Hörnern, ergänzt durch die damals unerlässlichen Continuo-Instrumente wie Orgel, Cembalo, Theorbe, Kontrabass, war die Formation 1710 komplett.

Trompeter kamen aus der Gruppe der Hoftrompeter, über die der Reichsfürst und Erzmarschall August reichlich verfügte. Ihre Hauptaufgabe bestand zunächst im Begleiten von Ballett- und Theateraufführungen einer neu engagierten französischen Truppe, bevor sie auch für die italienische Oper eingesetzt wurde. Damit begründete Schmidt den Ruhm der Dresdner Hofkapelle, die dann unter Johann Adolf Hasse zum angesehensten europäischen Orchester wurde.

Viele Kompositionen Schmidts sind verschollen. Neben geistlichen Kantaten sind fünf Tanz-Suiten überliefert, die Augusts französischem Geschmack entsprachen.

Von den musikalischen Beiträgen der Hofkapelle zum Planetenfest sind kaum konkrete Titel bekannt. Es dominierte eindeutig die Vorliebe des Kurprinzen für die italienische Musik mit Johann David Heinichens Werken „La Gara deglie Dei“ (Der Wettbewerb der Götter) und die „Serenata fatta sull’Elba“, eine auf Dianas Gondel von der Hofkapelle gespielte Serenata, die vermutlich eine gewisse Ähnlichkeit mit seiner Serenata von 1716 in Venedig hatte. Es treten auf Diana und ihre Nymphen Climene, Dafne, Nisa und Alcippe. Jede der Damen singt nach dem Eingangschor eine Aria, im Schlusschor wird das Echo gebeten, die Klänge am Strand angenehm vervielfachen.

Antonio Lotti komponierte für das Jupiter-Fest die Kantate „Li quatro Elementi“, da Feuer, Wasser, Erde und Luft die tragenden Elemente des Festes waren. Und er führte in den vier Wochen ausschließlich seine drei drammi per musica auf, in insgesamt sieben Aufführungen. „Giove in Argo“ von Lotti wird am 22. September nach 300 Jahren im Palais im Großen Garten wieder erklingen.

Simple Melodien für Laien

August legte selbst Sujet, Plan und Ausführende fest und verpflichtete die Hofgesellschaft zur Mitwirkung. Der Text stammt von Monsieur Poisson, Mitglied der französischen Komödientruppe, deren Musiker und Tänzer ebenfalls mitwirkten. Nach der Ouvertüre und den ersten französischen Tänzen sangen und spielten sächsische Adlige wie Mademoiselle la Baronne de Löwendal oder polnische Adlige wie Monsieur le Prince Lubomirsky als Minerva, Apollon und Venus den Prolog, in dem Liebe und Vergnügen besungen wurden.

Es ist rührend, wie Schmidt eher einfache Melodien für die Laiendarsteller komponierte. 24 Damen und Herren der Hofgesellschaft waren an der Darstellung von Frühling, Sommer, Herbst und Winter beteiligt. Schon beim Festzug vom Schloss zum Großen Garten zeigten sie sich als Gärtner, Winzer, Schnitter.

Es ist nicht bekannt, welche anderen Werke die Hofkapelle zur Unterhaltung gespielt hat. Sicher ist, dass die Musiker aus einem großen Fundus schöpften und oft bis zur Erschöpfung spielten, denn die Hofbälle dauerten bis in die Morgenstunden.

Für Schmidt wurde 1717 mit dem Engagement von Heinichen und dem Einzug der Italiener die Situation nicht besser. Die teuren Stars aus Venedig stellten hohe Ansprüche an die finanzielle Ausstattung und an Probenmöglichkeiten. Der König musste immer mal wieder eingreifen, wenn Herr Schmidt sich um Dinge kümmerte, die ihn nichts angingen. Zu seiner Erleichterung endete das Engagement der italienischen Operntruppe 1720.


Dr. Reiner Zimmermann leitete von 1991 bis 2003 die Abteilung Kunst im Sächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst. Er ist Herausgeber der Reihe „Denkmäler der Tonkunst in Dresden“ und seit 2015 Vorsitzender der Gestaltungskommission für den Westflügel des Dresdner Schlosses mit den Paradesälen. 

Alles zur Traumhochzeit von 1719 finden Sie hier.

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