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Schmuggler und Staatskasse als Gegner

Er selbst wird seiner Hausmarke treu bleiben, da ist Günter Kurschus sicher. Aber um die Markentreue seiner Kunden macht sich der Geschäftsführer der F6 Cigarettenfabrik Dresden GmbH Sorgen. „Der Raucher schlechthin war früher markenbewusst“, sagt er.

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Von Anne Schemann

Er selbst wird seiner Hausmarke treu bleiben, da ist Günter Kurschus sicher. Aber um die Markentreue seiner Kunden macht sich der Geschäftsführer der F6 Cigarettenfabrik Dresden GmbH Sorgen. „Der Raucher schlechthin war früher markenbewusst“, sagt er. Heute sei er preisbewusster. Die geplante Erhöhung der Tabaksteuer um einen Euro pro Schachtel hält er deshalb für „eine Katastrophe“. Morgen ist sie Thema im Berliner Bundesrat.

Die Mutter von F6, die Philip Morris GmbH, erwarte einen Rückgang von „bis zu 20 Prozent“ des Umsatzes, oder zwölf Milliarden Zigaretten jährlich. „Das wäre die Größe eines Werkes in München oder Dresden“, rechnet Kur schus vor. Schon vor Monaten hat das Unternehmen von Überlegungen berichtet, eine Fabrik zu schließen.

Auch wenn es laut Kurschus noch keine konkreten Pläne gibt, Detlef Leuckfeld aus der Logistik-Abteilung ist trotzdem beunruhigt. „Man macht sich natürlich Sorgen“, sagt Leuckfeld, der seit über 20 Jahren in der Fabrik arbeitet. „Wir in Dresden können aber noch froh sein, dass wir die Extra-Marken haben“, macht er sich Mut. Und wie zum Beweis nimmt er einen tiefen Zug von seiner F6-Zigarette. Nur in Dresden wird die Marke produziert, nur in Ostdeutschland verkauft, aber dafür mit 26,4 Prozent Marktanteil so oft wie keine.

Seine Kollegen in der Zigarettenherstellung verlieren über die Pläne der Konzernleitung keine großen Worte. Das wäre bei dem ohrenbetäubendem Lärm allerdings auch schwer möglich. Bis zu 8 000 Zigaretten pro Stunde werden in der riesigen Halle produziert: aus rohem Schnitttabak zu einem langen Strang geformt, mit Papier umwickelt, zerschnitten, verklebt, wie kleine Soldaten in Reih und Glied gebracht und schließlich verpackt, rattern sie auf langen Fließbändern durch den Raum. Über allem hängt schwer und süß ein durchdringender Tabakgeruch – Rauchen ist in der Werkhalle allerdings verboten.

Den Zigarettenkonsum nach der Schicht sponsort F6 dafür mit drei Stangen monatlich. „Wenn ich im Rahmen bleibe, komme ich damit hin“, ist Leuckfeld zufrieden. Wer seine Zigaretten nicht selbst produziert, muss dagegen nach dem Willen der Bundesregierung bald tiefer in die Tasche greifen. Mit der Tabaksteuererhöhung will Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) ihre Reformen finanzieren – und möglichst vielen Deutschen das Rauchen abgewöhnen.

Dieses Ziel verfolgt auch die Europäische Union. Sie hat mit der neuen Tabakrichtlinie dafür gesorgt, dass die F6-Fabrik nun aussieht wie einzige große Ausstellung für Todesanzeigen. „Rauchen ist tödlich“, schreit es einem schwarz auf weiß, mit dickem Trauerrand, von überall entgegen. Stefan Kühn sieht sämtliche Variationen der Warnhinweise jeden Tag an sich vorbeiziehen. Und der Mechaniker muss genau hingucken, damit er fehlerhafte Packungen vom Band fischen kann. „Da bin ich froh, dass ich vor zwei Jahren aufgehört hab“, gibt der Ex-Raucher zu.

Werksdirektor Kurschus glaubt nicht, dass die Schilder großen Eindruck auf die Kunden machen. „Dass Rauchen nicht gesund ist, wusste schon meine Großmutter“, wiegelt er ab. Auch die angedrohte Preiserhöhung werde die Raucher nicht bekehren, prophezeit Kurschus. Die würden sich anderswo versorgen: „Der Tabakschmuggel wird dramatisch zunehmen“. Die Konkurrenz der Billigprodukte aus dem Osten fürchtet der Werksdirektor schon jetzt – nach der Steuererhöhung würde der Preisunterschied zur polnischen Zigarettenschachtel rund drei Euro betragen.

Glaubt man den Prognosen der Tabakbranche, dann wären nach der Steuererhöhung Tausende Arbeitsplätze gefährdet. Auch die Stadt Dresden könnte über sinkende Einnahmen bei der Gewerbesteuer draufzahlen, wenn der Umsatz bei F6 leidet. „Immerhin sind wir einer der größten Arbeitgeber der Region“, sagt Kurschus. Noch hofft er aber, dass der Bundesrat das Gesetz morgen an den Vermittlungsausschuss weiterreicht. Und die neue Tabaksteuer dann – wenn überhaupt – später kommt.