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Schmutziges Hobby

Ein Riesaer nennt vor Gericht kuriose Gründe für den Besitz von Kinderpornos. 40 Bilder hatte er in seinem Handy.

Von Robert Reuther

Anträge von Staatsanwälten sind bei Gericht keine Seltenheit. Gestern war das allerdings eine Ausnahme. So forderte der Staatsanwalt von Richter Herbert Zapf eine Schmutzzulage. Und zwar dafür, dass er überhaupt vorlesen musste, was auf den 40 Handyfotos des Angeklagten Tim Strupper* zu sehen ist. Auch für die restlichen Zuhörer im Gerichtssaal wäre diese Zulage angemessen gewesen. Die Details, die vorgetragen wurden, lassen einen fast den Magen umdrehen. Es geht um Bilder, die Erwachsene in eindeutigen sexuellen Handlungen zeigen – und zwar mit Minderjährigen. Manche der Kinder sind nur drei Jahre alt und sie werden dennoch auf das Übelste missbraucht. Auf einem Foto soll auch ein Hund eine Rolle gespielt haben.

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Kein Wunder also, dass Tim Strupper nun wegen des Besitzes von kinderpornografischen Schriften vor dem Riesaer Amtsgericht steht. Der 43-Jährige steht dort, in seinem roten Pullover, seinen sauber gescheitelten braunen Haaren und sieht aus, als könnte er keiner Fliege etwas zuleide tun. Seine Augen sind fast so rot wie sein Oberteil. Es sieht aus, als hätte er vor der Verhandlung lange geweint. Er wirkt geknickt, scheint auf gewisse Weise erkannt zu haben, dass er Fehler gemacht hat. Kein Wunder also, dass er die Tat einräumt, die ihm zur Last gelegt wird.

Leugnen würde sich auch kaum lohnen. Schon zweimal ist er wegen des Besitzes kinderpornografischer Bilder in den vergangenen Jahren zu einer Geldstrafe verurteilt worden. 2009 besaß er ein Bild, 2011 waren es vier und jetzt 40. Herbert Zapf will wissen, warum er solche Bilder auf seinem Mobiltelefon hat. Und da beginnt eine krude Geschichte. Irgendwann, so der Angeklagte, hat er sich einsam gefühlt. Da entdeckte er eine Videotextseite des TV-Senders RTL, wo man Bekanntschaften per SMS schließen konnte. Das Schema lief dann meistens gleich ab. Erst habe man sich ganz neutral unterhalten, über Gott und die Welt geredet. Wenig später sei es dann meist ins Sexuelle abgedriftet. „Es ging nicht um persönlichen Kontakt. Man hat sich dann eben mal ein paar Bilder hin und her geschickt“, sagt Tim Strupper. Mann oder Frau, das war ihm egal. Er hat die Bildchen gesammelt, sie mit den Zufallsbekanntschaften getauscht. Es wurde zu seinem Hobby, wie er sagt.

Und irgendwann war dann auch ein Kind mit unter den Sexbildern. „Das war etwas Neues für mich. Große Gedanken habe ich mir nicht darüber gemacht. Ich weiß, dass das bescheuert war“, sagt er schuldbewusst. Von da an kam immer wieder im Laufe der SMS-Gespräche die Frage auf: „Hast du auch Kleine“ – der Codesatz für kinderpornografische Bildchen. Es wurde wild getauscht.

In manchen Momenten, so Strupper, habe er sich gefragt, was er da mache, hat dann viele Bilder gelöscht. Doch immer wieder verfiel der arbeitslose Schreiner dem Sammelwahn. Angemacht, so gibt er an, hätten ihn die Kinderbilder aber nie, nur die hübschen Frauen. Der Staatsanwalt und der Richter zweifeln daran. Die ihnen vorliegenden SMS-Protokolle könnten vermuten lassen, dass er den großen Wunsch nach sexuellen Kontakten zu Kindern hat. Strupper streitet das ab. Immerhin sei auch ein Exhibitionismusprozess gegen ihn eingestellt worden. Er soll sich angeblich vor Kindern entblößt haben. Allerdings hatten die ihn wohl beim Nackt-Fernsehen-Gucken in seiner Paterrewohnung beobachtet. Die Bilder auf dem Handy sind aber nun mal da. Und sein schräges Fototausch-Hobby auch. Dieses wurde ihm letztlich zum Verhängnis. Vor einem guten Jahr wollte er ein solches Bild an einen seiner Kontakte schicken. Er wählte die falsche Nummer und das Foto landete bei einer Berlinerin. Diese zeigte Strupper sofort an. Bei einer Durchsuchungsaktion im Februar dieses Jahres stellte die Polizei das Handy sicher und entdeckte dabei die 40 einschlägigen Bilder.

Für den Staatsanwalt gibt es keine andere Möglichkeit, als eine Haftstrafe zu fordern. Dem kommt Richter Zapf letztlich nach. Neun Monate auf Bewährung erhält Tim Strupper, außerdem 80 Sozialstunden und einen Bewährungshelfer. Herbert Zapf wünscht sich, dass Strupper mehr Einfühlungsvermögen für die Opfer auf den Bildern entwickelt. „Wissen sie eigentlich, wie viele Qualen diese Kinder erleiden müssen für solche Bilder?“, fragt Zapf. Strupper zuckt mit den Schultern. Er scheint nie darüber nachgedacht zu haben. Es wird Zeit, dass er damit anfängt.

* Name von der Redaktion geändert