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Schneise sorgt für Schreck

Ein Unwetter knickt Bäume in Rothenburg und Horka um. Besonders betroffen ist Neusorge.

Von Alexander Kempf und Ralph Schermann

Mit einem Fotoapparat dokumentiert Siegfried Steinert die Spur der Verwüstung. Direkt hinter seinem Haus hat ein Unwetter eine Schneise geschlagen. Rund zehn Bäume sind wie Streichhölzer umgeknickt. Seit 1970 lebt der Senior in Neusorge. Das aber hat er noch nie erlebt.

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© André Schulze
In Neusorge fällt bei dem Unwetter ein Baum auf die Stromleitung. Die Anwohner müssen eine Zeit lang ohne Strom auskommen. Dazu zählt Siegfried Steinert (kleines Foto oben), der alles mit der Kamera festhält. Foto: André Schulze
In Neusorge fällt bei dem Unwetter ein Baum auf die Stromleitung. Die Anwohner müssen eine Zeit lang ohne Strom auskommen. Dazu zählt Siegfried Steinert (kleines Foto oben), der alles mit der Kamera festhält. Foto: André Schulze © André Schulze

„Wir haben richtig Glück gehabt“, sagt Siegfried Steinert. Zwar liege einer der Bäume beinahe auf einem Nebengebäude, doch niemand ist verletzt worden. Es gebe mehr optischen als tatsächlichen Schaden. Lediglich eine Stromleitung sei beschädigt worden, sodass er mehrere Stunden ohne Strom auskommen musste.

Ohne den beherzten Einsatz der Feuerwehren aus Niesky und Lodenau würde der Senior vielleicht heute noch in die Röhre schauen. Doch die Kameraden hätten „richtig professionell“ gearbeitet. Erst entfernen sie die Äste, dann räumen sie den Baum zur Seite. Doch nicht nur hinter Siegfried Steinerts Haus fallen eine Birke, eine Kiefer und mehrere Eichen. Vor dem Neusorger Vereinshaus stürzt der Sturm auch eine Pappel um.

Für die Bäume ist jede Rettung zu spät gekommen. Insbesondere der über der Einfahrt zu Siegfried Steinerts Haus sei ein Risiko gewesen, erklärt Helmar Jurke von der Feuerwehr Niesky. „Wir mussten ihn stutzen und abtragen. Denn es bestand jederzeit die Gefahr, dass er abstürzt“, erklärt der Feuerwehrmann. Gut zwei Stunden sind die Kameraden vor Ort gewesen.

Doch die Kameraden sind nicht die einzigen Helfer. Ortsvorsteher Jens Schurig freut sich, dass spontan bis zu 20 Menschen geholfen haben, die Schäden im Dorf zu bereinigen. „Da hat man gesehen, dass es noch Zusammenhalt im Ort gibt“, sagt er. An anderer Stelle sei eine Tanne auf eine Garage gestürzt. Den Ortsvorsteher hat das Unwetter an den Orkan Kyrill erinnert.

Besonders schwer wiegt für Jens Schurig der Verlust der großen Pappel, deren Geschichte eng mit der des Vereinshauses verknüpft ist. Einen majestätischen Anblick habe der Baum geboten. Nun ist er Geschichte. Wie der Verlust ersetzt wird, weiß der Ortsvorsteher noch nicht. „Da wird sicher wieder etwas hinkommen“, sagt er. Doch zunächst gilt es, alle Schäden festzustellen. „Was in den Wäldern passiert ist, wissen wir ja noch gar nicht.“

Fest steht hingegen, dass es nicht nur in Neusorge gehagelt und gestürmt hat. Auch in und um Horka ist der Himmel am Mittwoch dunkel gewesen. Dennoch sei die Gemeinde mit einem blauen Auge davon gekommen, sagt Andreas Fürll von der Freiwilligen Feuerwehr. Lediglich zwischen Mückenhain und Kodersdorf Bahnhof sei ein alter Baum umgeknickt. Die Wehr aus Mückenhain habe diesen in einer Viertelstunde zersägt und zur Seite geräumt.

In Görlitz hingegen werden die Folgen des Unwetters noch eine Weile zu spüren sein. Die Baustelle der Stadtwerke auf der Zeppelinstraße litt besonders unter dem Unwetter. Denn gegen 16 Uhr gingen dort rund 18 Liter Regen je Quadratmeter nieder und setzen die Baugruben unter Wasser. Dabei haben just am Mittwoch Spezialfirmen damit begonnen, ein Gasrohr mit Spezialschläuchen auszukleiden. Der nun entstandene Schaden ist groß und die Baumaßnahme wird sich um einige Zeit verzögern. Die Feuerwehr hat die Baugruben am Mittwoch vorerst leergepumpt.

„Es gab gleich am Beginn des Gewitters mehrere Notrufe“, bestätigt Björn Mierisch von der Görlitzer Berufsfeuerwehr. Die elf Mann starke Wachabteilung rückt am Mittwoch ebenso aus wie 15 Mann der Ortswehr Stadtmitte. In der James-von-Moltke-Straße müssen Keller ausgepumpt werden. Auch Äste räumen die Kameraden von der Straße. Auf der Bundesstraße 99 in Richtung Hagenwerder sowie auf der Seidenberger Straße hat der Sturm Bäume umgeknickt. Laut Jens Blaschke von der Wetterwarte am Flugplatz erreicht eine Böe am Mittwochnachmittag sogar Windstärke 8. Innerhalb von nur einer Stunde kühlt es sich um acht Grad ab.

Dramatische Minuten erlebt in Görlitz auch eine hochschwangere Frau. Als die Wehen einsetzen, muss sie in die Klinik. Doch ausgerechnet in dem Moment, als sie auf einer Trage vom Haus zum Krankenwagen transportiert wird, geht über ihr und den Rettungskräften ein Hagelschauer mit bis zu drei Zentimeter großen Körnern nieder. „Die Helfer mussten neben dem Tragen die Schwangere auch noch mit einer Decke schützen“, berichtet Björn Mierisch.

Besonders besorgt sind die Bürger im Görlitzer Stadtteil Schlauroth. Dort hat es in diesem Jahr schon mehrere Überschwemmungen gegeben. Doch die bereitgelegten Sandsäcke werden nicht gebraucht.