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Schnell weg von der Flasche

Gerade ältere Alkoholsüchtige trauen sich nicht in die Beratungsstellen. Forscher aus Dresden, Dänemark und den USA wollen das ändern.

© dpa

Von Sandro Rahrisch

Rentner hat Helmut Bunde in den beiden Dresdner Suchtberatungsstellen der Diakonie nur selten zu Besuch. Wer sich mit einem Alkoholproblem an ihn wendet, ist meistens jünger, hauptsächlich sind es die 20- bis 29-Jährigen, die Hilfe suchen. Viele Ältere trauen sich nicht, offen über ihre Sucht zu sprechen oder sich an ihrem Lebensabend noch einer Therapie zu unterziehen, sagt Bunde.

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Trendmarken in der Centrum Galerie
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Genaue Zahlen, wie viele Senioren in Dresden alkoholabhängig sind, gibt es nicht. „Wir können nur diejenigen zählen, die sich beraten lassen“, sagt Olaf Rilke, der die Landesstelle gegen die Suchtgefahren leitet. In Dresden waren das im vergangenen Jahr rund 90 Rentner. „Der Ehepartner ist weg, und der Freundeskreis ist kleiner geworden, da gebe es oft niemanden mehr, der einen antreibt, sich zu ändern“, so Rilke. Selbst Verwandte und Ärzte seien nicht immer sehr hilfreich. „Lasst die Alten doch saufen, die haben ja sonst nix – das ist eine sehr weit verbreitete Einstellung.“

Silke Behrendt weiß, dass Alkoholismus im Alter nicht einfach so abgetan werden darf, zu groß seien die gesundheitlichen Risiken, sagt die Dresdner Wissenschaftlerin. „Der Körper kann Alkohol nicht mehr so gut abbauen. Ein Mix mit Medikamenten kann gefährlich sein.“ Außerdem drohen Erkrankungen der Leber, der Bauchspeicheldrüse und des Herz-Kreislauf-Systems.

Seit April testet die Suchtforscherin von der Technischen Universität eine neue Kurzbehandlung, die auf ältere Menschen zugeschnitten ist und ohne Medikamente auskommt. Diese besteht aus vier einstündigen Beratungen, die über vier Wochen verteilt werden. Im ersten Schritt soll mit den Rentnern gemeinsam herausgefunden werden, warum sie zur Flasche greifen. „Viele leiden darunter, dass sie ihre sozialen Kontakte verlieren, die Kinder aus dem Haus ziehen, sie krank werden und eben nicht mehr so aktiv sein können wie früher“, sagt Silke Behrendt. Ziel ist es, dass die Rentner lernen, mit dem Älterwerden umzugehen, auf Alkohol zu verzichten und Hobbys wiederentdecken, die sie wegen der Sucht vernachlässigt haben, zum Beispiel Wandern, Kegeln, Kaffeerunden oder Tagesausflüge. Selbsthilfegruppen könnten helfen, Kontakte zu knüpfen.

Die Kurzbehandlung, die Rentner in Zukunft stärker animieren soll, überhaupt eine Suchtberatungsstelle aufzusuchen, testen die Dresdner zusammen mit Forschern in München, Odense (Dänemark) und Albuquerque (USA). Für die praktische Erprobung konnten zwei Dresdner Suchtberatungsstellen sowie Stellen in Pirna, Zittau, Zwickau und Chemnitz gewonnen werden. Die Mitarbeiter sind extra für die Kurzbehandlung geschult worden. „Die Erfolgsquoten bei älteren Alkoholikern sind generell besser als es in jüngeren Jahren der Fall ist“, sagt Helmut Bunde von der Diakonie-Stadtmission. Jeder habe einen Anspruch auf eine Suchtberatung. Die sei nicht nur möglich, sondern auch sinnvoll.

Die Teilnahme an der Studie „Elderly“ (Senioren) ist freiwillig. Insgesamt werden bis Dezember nächsten Jahres in Sachsen 200 Menschen gesucht, die ihren Alkoholkonsum verändern möchten, mindestens 60 Jahre alt sind und nicht akut unter einer schwerwiegenden, psychischen Störung leiden. Im Anschluss werten Silke Behrendt und ihr Team aus, wie erfolgreich die Kurzbehandlung gewesen ist, zum Beispiel in welcher Altersgruppe die Rückfallquote am niedrigsten war. Außerdem prüfen die Forscher, ob es spürbar mehr Erfolge gibt, wenn die Kurzbehandlung zwölf statt vier Wochen dauert.

Sollte sich die neue Behandlung als Erfolg herausstellen, müssten die Beratungsstellen mit mehr Klienten rechnen. „Damit würden wir ein Angebot schaffen, das es so bisher nicht gegeben hat“, sagt Rilke von der Landesstelle gegen die Suchtgefahren. Für mehr Patienten fehlt derzeit allerdings das Personal. „Wir sind bereits an unserer Kapazitätsgrenze angekommen, mehr geht nicht“, sagt Bunde. In ganz Dresden seien derzeit 25 Berater im Einsatz, davon sieben in den Stadtmissionen Neustadt und Mitte. „Der Auftrag der Krankenkasse wäre es dann, mehr Beratungsstellen zu finanzieren“, so Rilke.

Anmeldung unter 0351 - 46336796 oder per Mail an [email protected]