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Schneller sein als die Sucht

Zwar gibt es die Zittauer Anti-Drogen-Woche schon lange. Aktuelle Zahlen zeigen aber: Ihr Anliegen ist so dringend wie nie.

Von Gesine Schröter

Celina hält sich den Bauch vor Lachen. So lustig, wie ihr Klassenkamerad Simon mit dieser komischen Taucherbrille in die Umgebung guckt, kann sie gar nicht aufhören zu kichern. Die Station mit der Promille-Brille ist an diesem Morgen wohl die amüsanteste für die Schüler der Klasse 7a, die sich in der Aula ihrer Weinauschule eingefunden haben. Dabei ist der Anlass dieses Parcours aus acht Lernstationen gar nicht so lustig. Die Brille macht einem vor, wie man sich mit 1,3 Promille im Blut fühlt. An einer anderen Station sehen die Kinder die Todesanzeige von Maurice, den es wirklich gab und der mit 14 Jahren an einer Alkoholvergiftung gestorben ist. Sie sollen überlegen, wie man ihn, seine Eltern oder seine Freundin hätte warnen können. Spätestens an dieser Stelle wird ganz klar, bei dieser Aktion geht es um Drogen. Oder besser gesagt darum, wie man stark genug bleibt, um ihnen nicht zu verfallen.

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Um das nötige Bewusstsein dafür zu schaffen, helfen erhobene Erwachsenen-Zeigefinger nur wenig, weiß Stefan Pressler von come back, der diesen Anti-Drogen-Parcours organisiert und moderiert. Der Verein kümmert sich schon länger um Suchtkranke in und um Zittau, als es die derzeit laufende Anti-Drogen-Woche gibt. Und selbst die geht dieses Jahr in ihre 17. Runde. „Man kennt das ja“, sagt Pressler zu den Schülern, „Verbote sorgen oft dafür, dass Jugendliche erst recht ein Bier, eine Zigarette oder auch einen Joint probieren.“ Und so versucht der Verein, das Thema Drogen mit einem Wechsel aus Humor und Ernsthaftigkeit an diese besonders sensible Altersgruppe heranzutragen.

Zwar haben 12- bis 14-jährige Jugendliche wie sie meist noch keine Drogenprobleme, aber hier sind die ersten Berührungspunkte mit Suchtmitteln nicht weit. „In ein bis zwei Jahren wollen besonders die Mädchen bestimmt in die Disko gehen“, sagt Birgit Gehrke, die Klassenlehrerin der 7a. Spätestens da würden sie sicher etwas angeboten bekommen. Deshalb will Gehrke im Unterricht noch einmal genauer auf die harte Droge Crystal Meth eingehen, die Pressler bewusst nicht in den Fokus der Veranstaltung gestellt hat. „Die Drogenkarriere beginnt meist anders“, sagt er. Zudem wolle er nicht unfreiwillig Werbung für Crystal machen. „Zunächst einmal geht es ums Prinzip“, sagt er. „Darum, dass die Kinder wissen: Sie entscheiden über ihren Weg, sonst niemand.“

Dass sich Crystal Meth auch in der Region auf dem Vormarsch befindet und immer mehr Opfer fordert, kann der Suchtberater jedoch eindeutig bestätigen, ähnlich wie die Regionale Arbeitsgemeinschaft Gesundheitsförderung des Landkreises Görlitz. Schon 2012 waren Stimulanzien wie Crystal mit 78,2 Prozent diejenigen illegalen Substanzen, die im Bereich der Suchtberatungs- und -behandlungsstelle (SBB) Zittau für die größten Drogenprobleme gesorgt haben. In diesem Jahr sieht es noch schlimmer aus: Bis Ende Oktober gingen 75,3 Prozent der Abhängigen von illegalen Drogen in der SBB Zittau auf das Konto von Crystal. Wie stark die gefährlichen Kristalle im Revierbereich Zittau/Oberland im Umlauf sind, weiß Thomas Knaup von der Polizeidirektion Görlitz. „Zwar können wir nur die festgestellten Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz beziffern“, sagt Knaup und spricht damit vom sogenannten „Hellfeld“. Die 192 Verstöße von 2011 stiegen im Jahr 2012 auf 216 an. Immer hingen etwa die Hälfte von ihnen mit Crystal zusammen, dicht gefolgt von Cannabis mit 40 Prozent. Besorgniserregend ist dabei auch die Altersstruktur der Täter: Während vor zwei Jahren neun Jugendliche unter den Gestellten waren, verdoppelte sich ihre Zahl im Jahr darauf knapp auf 17. Auch für das aktuelle Jahr kann Knaup alles andere als eine Entwarnung geben: „Die Entwicklung von 2013 ist vergleichbar mit dem Jahr 2012.“ Außerdem sei die Dunkelziffer sicherlich deutlich höher.

All das weiß auch Stefan Pressler, der im Rahmen seiner Arbeit den Weg von der harmlosen Zigarette in Verbindung mit Alkohol über Cannabis bis hin zum Crystal kennt. „Wer sich schließlich irgendwo ein bisschen Gras besorgt, bekommt nach kurzer Zeit Kristalle angeboten“, sagt er. Und die seien noch nicht mal teuer. Deshalb legt der Suchtberater Wert darauf, mit Aktionen wie dem Anti-Drogen-Parcour die Kinder so früh wie möglich zum Nachdenken zu bringen. Denn trotz aller Albernheiten, wie dem Aufblasen von Luftballons zum Testen des Lungenvolumens, klingen auch von den Kindern der Weinauschule hier und da nachdenkliche Töne an. In einer Gruppe geht es um einen Opa, der kürzlich gestorben ist. Er wisse nicht genau, was es war, sagt sein Enkel. „Aber es hatte irgendwas mit Zigaretten zu tun.“