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Leben und Stil

Schock im Pflegeheim

Ein Besuch, der irritierend und Respekt einflößend zugleich war. Die Kolumne von SZ-Autor Robert Körner.

Robert Körner ist Kommunikationscoach aus Pirna. Er schult, mimische Signale zu entschlüsseln und Persönlichkeitstypen zu identifizieren.
Robert Körner ist Kommunikationscoach aus Pirna. Er schult, mimische Signale zu entschlüsseln und Persönlichkeitstypen zu identifizieren. © Matthias Rietschel

Manche Themen hat man so lange nicht auf dem Schirm, bis man selbst betroffen ist. Diese Erfahrung musste ich am vergangenen Wochenende machen. Erst zum zweiten Mal besuchte ich ein Altenheim, da ein Familienmitglied seit Kurzen pflegebedürftig ist. Es wurde zum Sommerfest eingeladen. Danach war ich, gelinde formuliert, etwas irritiert. Die Schicksale, die Krankheitsbilder und der herannahende Tod, den man förmlich spürt, ließen mich nicht unberührt. Man nähert sich einem Mikrokosmos an, den man nur allzu gern blind vor sich herschiebt.

Aber der Reihe nach: Gut gelaunt machten wir uns auf den Weg. Alles war vorbereitet. Liebevoll eingerichtete Stände säumten den dekorierten Garten. Es gab Gegrilltes, Getränke und Gebackenes. Daneben wurde Selbstgebasteltes verkauft, und es bestand die Möglichkeit, in Erinnerungen zu schwelgen. So durften auch Fahrzeuge aus DDR-Zeiten nicht fehlen. Dazu liefen feinste Schlager aus den 60ern und 70ern.

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Vor Ort traf es mich allerdings wie der Schlag! In Sachen Verfassung konnten die Bewohner des Pflegeheims nicht unterschiedlicher sein, was mich sehr mitnahm. Die Bandbreite reichte vom Pflegeendgrad bis zur äußerlich topfitten Omi – wobei Letztere die Ausnahme war. Irgendwie lag eine merkwürdige Energie in der Luft. Es war für mich wie eine Zeitreise, die man, noch im Safte stehend, gar nicht so richtig wahrhaben wollte. Meine Gedanken kreisten in wilden Schleifen: Was wird meiner Familie widerfahren? Werden wir überhaupt so alt? Wie lange haben wir noch? Und ich kam immer zum selben Schluss: „Alt werden ist nichts für Feiglinge“, wie es Joachim Fuchsberger treffend formulierte. Hier fühlte ich, warum.

Angesichts meiner inneren Kämpfe war ich umso mehr vom Personal beeindruckt. Sie schufen ein wunderbares Miteinander. Die Pfleger machten den Unterschied. Nicht nur verbal, sondern vor allem durch ihre warmherzige Körpersprache überzeugten sie mich. Die Mitarbeiter suchten in Gesprächen regelmäßig den Kontakt zu den Bewohnern in Form von Lächeln, Berührungen und offenen Körperhaltungen. Keine Hektik, keine gestressten Gesichter – und all das, obwohl offensichtlich eine immense Belastung auf den Mitarbeitern liegt. Ich war beeindruckt!

Man muss schon aus einem besonderen Holz geschnitzt sein, um diese Beschäftigung ausüben zu können. Am täglichen Zeitdruck, der permanenten Konfrontation mit Leid, Krankheit und Tod kann man auf Dauer zerbrechen, wenn man diese Tätigkeit nicht mit Leidenschaft füllt. Der Pflegeberuf ist einer der ehrenwertesten Jobs, aber die finanzielle Wertschätzung, die fällt vergleichsweise mau aus. Angesichts des demografischen Wandels brauchen wir allerdings zwingend mehr dieser Menschen. Den Hebel dafür sehe ich momentan nur im Anheben der Gehälter. Nur ist das unrealistisch. Ein verpflichtender Bundesdienst im Stile der Wehrpflicht für Schulabgänger und Schulabgängerinnen wäre womöglich eine umsetzbare Lösung. Das könnte die hauptamtlichen Pflegekräfte tatsächlich entlasten.

Fakt ist, es muss etwas passieren. Es geht um Menschen, irgendwann auch um uns selbst und darum, wie wir die verbleibende Zeit im Alter so wertvoll wie möglich gestalten können. Wie auch immer, eines habe ich bei dem Besuch gelernt: Pflege kann nicht jeder. Und genau das verdient uneingeschränkten Respekt.

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