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Kamenz

Zum Friseur trotz Corona?

Viele Geschäfte müssen jetzt geschlossen bleiben, Friseure durften zunächst weiter öffnen. Ob das richtig ist, darüber gehen die Ansichten auseinander.

Auch Salonleiterin Annette Reichert und ihr Team in Kamenz müssen jetzt schließen.
Auch Salonleiterin Annette Reichert und ihr Team in Kamenz müssen jetzt schließen. © Kristin Richter

Update, 20.03.2020, 14.15 Uhr: Mittlerweile gibt es eine neue Sachlage. Im Freistaat Sachsen dürfen nun weitere Geschäfte nicht mehr öffnen. Wie Innenminister Roland Wöller am Freitag erklärte, betrifft die Maßnahme nun auch Friseurläden, Baumärkte, Kosmetikstudios und Physiotherapie-Praxen. Bislang waren diese Geschäfte von den bereits seit Donnerstag geltenden Schließungen ausgenommen.

Kamenz. Friseure kommen ihren Kunden sehr nah. Bis an die Haut gewissermaßen, in die Nähe von Ohren, Nase, Mund. Das müssen sie auch, um einen zufriedenstellenden Schnitt hinzubekommen. Vor allem für Frauen - aber auch immer mehr Männer - gehört der regelmäßige Gang zum Friseur  zum Alltag. In Zeiten von Corona fragen sich allerdings nicht wenige, ob das ein überlebenswichtiger Service ist, der dringend aufrecht erhalten werden muss.  Könnte man nicht vier bis fünf Wochen ohne einen Schnitt auskommen? Oder allein daheim färben? 

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Auch in Kamenz streiten sich die Menschen über das Thema. Zumal nicht jeder in den letzten Wochen gesund zum Friseur kam. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Salons müssen sich  - auch in normalen Grippe-Zeiten - einiges gefallen lassen. "Eigentlich bin ich ja krank geschrieben, aber ich wollte den Termin nicht absagen. Dann muss ich ja wieder so lange warten", ist noch das Harmloseste, was sie sich täglich anhören müssen. Husten, Schnupfen, Schniefen - und nun auch noch die Angst vor dem Coronavirus.

Petition findet viele Unterzeichner

Viele Geschäfte müssen seit der Anordnung von Bund und Land seit Donnerstagmorgen geschlossen bleiben. Nur solche, die die Grundversorgung der Menschen sicherstellen, bleiben geöffnet. Dazu gehören die Friseure. Viele finden das nicht richtig, mitunter auch Leute aus der eigenen Branche. Deshalb gibt es seit Kurzem eine Petition im Internet, die bereits über 80.000 Unterzeichner gefunden hat. 

Unter anderem heißt es darin: "Zum Unverständnis einer ganzen Branche wurden Friseure, die ohne jeden Zweifel einer Hochrisikogruppe angehören, von Zwangsschließungen ausgenommen. Es ist jedem einleuchtend, dass der berufsbedingte enge Körperkontakt zum Kunden die Einhaltung eines Mindestabstandes unmöglich macht. Ferner sind Desinfektionsmittel und Atemschutzmasken am Markt nicht mehr erhältlich, sodass ein Schutz der Mitarbeiter nicht zu gewährleisten ist."

Sogar Kinderbetreuung wäre gesichert

Was die einen unverständlich finden, ist für die anderen aber ganz normaler Dienst am Kunden. Wie im Kamenzer Salon "Foerder beauty-hair" an der Nordstraße. Das alteingesessene Unternehmen möchte auch in Krisenzeiten seinem Auftrag gerecht werden. "Wir arbeiten ohnehin immer nach einem besonderen Qualitätsmanagement. Das heißt, Arbeitsplätze werden bei uns auch in normalen Zeiten nach jedem Kunden geputzt und desinfiziert, wir tragen Handschuhe beim Färben. Und es gibt einen detaillierten Plan für Arbeitsabläufe, den vielleicht nicht jedes Geschäft hat", sagt Salonleiterin Annette Reichert. "Darauf werden wir von unserem Vertragspartner sogar kontrolliert."

Seit der Corona-Krise ist allerdings auch bei Foerders nicht alles beim Alten. Draußen vor der Tür steht ein Aufsteller mit dem Aufdruck: Wir haben freie Termine. "Das ist bei uns wirklich eine Seltenheit", sagt die Chefin lachend. Am Dienstag hätten mehr als 30 Kunden angerufen, die sich nur erkundigen wollten, ob ihr Termin noch wahrgenommen werden kann.  Sieben Absagen seien dabei gewesen, drei davon aus nachvollziehbaren Gründen, heißt es. 

Meistens muss man lange warten, bis es mit einem Termin klappt. Auch aus diesem Grunde sitzen die meisten Frauen an diesem Donnerstagvormittag im Salon. "Ich nutze die Zeit für den Friseurbesuch, wer weiß, wann das ein nächstes Mal wieder möglich sein wird", sagt eine Kundin zwischen Waschen und Schneiden. Das ganze Geschäft ist voll, nicht ein Platz bleibt leer. Die Föne arbeiten im Akkord. Die Mitarbeiterinnen auch.

"Wir haben eine Kollegin nur dafür abgestellt, alles zu säubern und auch Türklinken, Handläufe und andere Flächen ständig zu desinfizieren",  sagt Annette Reichert. Das schaffe auch einen gewissen Schutz für die Kollegen. "Wir wissen, dass wir ihnen einiges abverlangen, aber wir haben mit allen gesprochen.  Keiner arbeitet unter Zwang. Wir haben auch Mütter dabei, die noch Kinder zu betreuen haben. Sollte es hart auf hart kommen, stellen wir in einem unserer Räume eine Betreuung für sie sicher", heißt es. Der Kundschaft in diesen verrückten Zeiten ein bisschen Normalität zu schenken, einen kleinen Luxus für Seele und Körper - das sieht das Team Foerder als persönliche Herausforderung an.

Solange es geht mit einem Lächeln

Auch Anja Wittmann kämpft mit ihrem engagierten Team in ihrem "Friseur am Platz" in Kamenz weiter an der Schönheitsfront. "Es sind für uns alle herausfordernde Zeiten, die von jedem Einsatz, Weitsicht und Umsicht verlangen. Wir folgen den empfohlenen Hygiene-Regeln, um allen bestmöglichen Schutz zu gewährleisten und gleichzeitig einen individuellen Service zu ermöglichen", sagt sie.  "Wir werden die Kunden auch weiterhin – so lange es möglich ist – mit einem freundlichen Lächeln empfangen." 

Wie die Kollegen bei Foerders bittet auch Anja Wittmann alle, die Anzeichen einer Erkältung haben oder sich nicht wohlfühlen,  darum, vorsorglich zu Hause zu bleiben und den Termin zu verschieben. "Ich als selbstständige Salonbetreiberin verfolge intensiv die aktuellen Entwicklungen und werde gemäß den Vorgaben und Empfehlungen der Behörden handeln und Vorsichtsmaßnahmen umsetzen", sagt sie.  Sie sehe sich aber als Dienstleister. Hier gehe es nicht nur ums Geldverdienen, sondern auch um einen Berufs-Ethos. Sich wohl und schick zu fühlen, gehöre für viele Kunden zum psychischen Grundbedürfnis  - vor allem in schwierigen Zeiten. Man könne das durchaus verstehen.

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