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Schöne Bescherung

Ein Mann randaliert an einer Meißner Tankstelle. Jetzt kam das dicke Ende vor Gericht.

Von Jürgen Müller

Es ist der Heilige Abend vorigen Jahres. Gegen 15 Uhr bemerkt der Angeklagte aus der Gemeinde Niederau, dass ihm das Bier ausgegangen ist. Weil auch der letzte Supermarkt um diese Zeit geschlossen hat, fährt er an eine Meißner Tankstelle, um Nachschub zu holen. Dort ist das Bier zwar teurer, aber zu Weihnachten gönnt man sich was. Beim Bezahlen kommt es zum Streit mit in der Schlange Wartenden. Der Mann pöbelt und beleidigt die Leute. Dann steigt er ins Auto und fährt los.

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Pech für ihn, dass er so stark nach Alkohol riecht, dass ihn einer der Kunden anzeigt. Er ruft die Polizei, die auch etwa 25 Minuten später in der Wohnung der Angeklagten aufkreuzt. Die stellt nicht nur fest, dass er rund 1,9 Promille Alkohol im Blut hat. Auch eine Fahrerlaubnis besitzt er nicht.

Vor Gericht erzählt der 48-Jährige eine abstruse Geschichte. Er sei gar nicht gefahren, sondern ein Freund aus der Schweiz, der ihn an diesem Tag besuchte. Diesen Freund hatte die Polizei angerufen. Ja, sagt der, er war bei dem Angeklagten, aber nicht am Heiligen Abend, sondern zwei Tage eher. Und mit dessen Fahrzeug sei er nie gefahren. Kann er auch nicht, denn er besitzt keine Fahrerlaubnis. Auch die Passanten hatten berichtet, dass nur ein Mann in dem Auto saß.

Das Kartenhaus bricht zusammen

„Machen wir es kurz, ich bin gefahren“, sagt der Niederauer jetzt plötzlich. Aber Alkohol sei nicht im Spiel gewesen, er habe erst danach getrunken. „Als die Polizei kam, war ich gerade beim neunten Bier“, behauptet er. Neun Bier in 20 Minuten? Das ist auch bei „Druckbetankung“ unmöglich, stellt der Richter fest. Diese Geschichte kann gar nicht stimmen. Die Polizei hat jedenfalls noch eine angefangene und eine leere Bierflasche in der Wohnung gefunden. Das eine sei eine Schnapsflasche gewesen, behauptet dagegen der Angeklagte. Bei der Polizei hatte der Mann ganz anderer Angaben gemacht. Er habe zuvor in einer Gaststätte zwischen 11.15 und 13 Uhr vier halbe Liter Bier, frisch gezapft, und drei „Kümmerling“ getrunken, hatte er da ausgesagt. Konnte er auch locker sagen, denn da behauptete er ja noch, gar nicht gefahren zu sein. So bricht das Kartenhaus aus Lügen rasch zusammen. Erst als die Staatsanwältin andeutet, man könne eine Begleitstoffanalyse anfertigen lassen, mit der zweifellos festgestellt werden können, wann er was getrunken hat, gibt er nach. Ja, er habe auch vorher getrunken, sagt er.

Die Staatsanwältin billigt ihm zu, maximal zwei Flaschen Bier getrunken zu haben, nachdem er wieder zu Hause war. Das ist schon eine Rechnung, die sehr zugunsten des Mannes spricht. Aber selbst dann sei er zum Tatzeitpunkt noch immer locker über 1,5 Promille gewesen, also deutlich über der Grenze zur absoluten Fahruntauglichkeit. Dabei hat er noch Glück, dass die Staatsanwaltschaft nicht auch die Fahrt zur Tankstelle anklagte. Denn auch dabei war er betrunken. Weil er einschlägig wegen Trunkenheitsfahrten vorbestraft ist, fordert die Staatsanwältin eine Haftstrafe von sechs Monaten ohne Bewährung.

Ganz so dick kommt es freilich nicht. Das Gericht verurteilt ihn nur zu vier Monaten auf Bewährung. Und zwar deshalb, weil die letzte Tat länger als drei Jahre zurücklag und auch die Bewährung abgelaufen war, begründet der Richter. Außerdem darf die Behörde dem Mann nicht vor Ablauf von einem Jahr und sechs Monaten eine neue Fahrerlaubnis erteilen, aber das ist wohl nur eine Formsache. Denn die Fahrerlaubnis wurde ihm im Januar 2011 entzogen. Um sie wieder zu bekommen, muss er ohnehin erst eine medizinisch-psychologische Untersuchung bestehen, den sogenannten Idiotentest. Das Geld dafür hat er nicht. Warum er sich ein Auto leistet, Steuern und Versicherung bezahlt, obwohl er damit gar nicht fahren darf, lässt Raum für Spekulationen.