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Schönes Dorfleben war eine Illusion

Familie Albrecht wohnte nur ein Jahr in Ebersbach. Mit örtlichen Gegebenheiten konnten sich die Westdeutschen nicht anfreunden.

Von Kathrin Krüger-Mlaouhia

Viele Fotos zeigen Andreas Albrecht in Kämpferpose: weißer Kittel, weiße Hose, schwarzer Gürtel. Der Mann versteht sich auf fernöstliche Kampfkunst. Selbstverteidigung wollte der heute 56-Jährige auch an der Oberschule Ebersbach lehren. Doch sein Kampfgeist brach an den Gegebenheiten im Dorf. 1999 nach Ebersbach gezogen, war er mit seiner Frau Astrid, einer Psychotherapeutin, nach einem Jahr wieder weg. Dabei fühlten sich die beiden Schwaben anfangs sehr wohl hier.

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„Als Neue wurden wir supergut integriert in Ebersbach“, erzählt Andreas Albrecht rückblickend. Mit seiner Frau hat er keine Kinder. Aber zwei Hunde gehören zur Familie. Einer hat mal einem Hammel der Nachbarn ein Ohr abgebissen. „Das war gar kein Problem“, ist der Ex-Ebersbacher im Nachhinein froh. Mit einem weiteren Nachbarn – Herrn Tomschke – verstanden sich die Albrechts, die auf dem Pfarrweg wohnten, recht gut.

Das Paar hatte vorher ein Jahr in Afrika gewohnt, war ein einfaches Leben gewöhnt. Es zog sie wieder aufs Dorf, denn Astrid Albrecht hatte eine Stelle in der Fachklinik Heidehof in Steinbach angenommen. Ihr Mann hatte Kontakte zum Großenhainer Karate-Dojo geknüpft.

Struktur beeinträchtigt Lebensgefühl

Doch mit der Zeit wurde Andreas Albrecht immer unwohler. „Schuld war die Flurbereinigung“, sagt er unvermittelt. Mit den Hunden ging der Ebersbacher oft spazieren. „Ich kam mir vor wie in einer Agrarsteppe.“

Er hätte Ärger mit Bauern bekommen, weil er auf dem Feldern langgelaufen sei. Auf alten Luftbildern hätte er die Landstruktur von früher gesehen. „Die LPG hat alles zerstört“, ist Albrecht ungehalten. Das hätte sein Lebensgefühl beeinträchtigt. Allerdings sähe es südlich von Heidelberg auch nicht anders aus.

Hinzu kam, dass auch Albrechts Frau in der Suchtklinik zunehmend Probleme spürte. „Es war das Wessi-Ossi-Problem.“ Allerdings war eine weitere westdeutsche Kollegin an den Spannungen schuld, nicht die ostdeutschen Mitarbeiter. „Spaltpilz“ nannte sie Astrid Albrecht.

Knall auf Fall hatte sie sich daraufhin bundesweit beworben. Und eine neue Stelle in Baden-Württemberg bekommen. Jetzt leben die Albrechts wieder im süddeutschen Ballungsraum. Nach Ebersbach würden sie nie wieder zurückkommen. Doch ein Stadtmensch ist Andreas Albrecht deswegen noch lange nicht. „Das Heil liegt in der Dezentralisierung“, sagt der 56-Jährige. Die anhaltende Landflucht sei ein großes Übel.

Der alten Nachbarin helfen

Der Karatelehrer schwört nach wie vor auf die Kleinräumigkeit, wo die Menschen noch einen Gemeinschaftsbezug haben. Nur das Landleben sei kleinräumig. „Das versuche ich selbst auch zu leben, mit meinen jetzigen Nachbarn“, so Albrecht. Er hacke einer 90-jährigen Nachbarin das Holz, weil er sich auch gern an frischer Luft bewegt. „In der Stadt wäre die Dame sicherlich ein Pflegefall“, so Andreas Albrecht. Er fühlt sich dort unwohl, wo auch die Sozialbeziehungen eingeebnet werden. In einer Großstadt sei man nirgendwo mehr verwurzelt, ist seine Ansicht.

An Karate ist der Ex-Ebersbacher auch deshalb interessiert, weil es ein Weg zu Selbstfindung und Selbsterfahrung sei. Darüber hat er sogar ein Buch geschrieben. Darin heißt es: „Das höchste Ziel im Karate-Do ist nicht der Sieg oder die Niederlage, sondern die Perfektion des menschlichen Charakters“. Was hat das alles mit Stadt oder Land zu tun? Für Andreas Albrecht sehr viel. Der Mensch brauche zum Leben auch eine menschliche Umgebung. Technischer Fortschritt sei kein Allheilmittel.

Das Material für sein Buch über die geistigen Grundlagen asiatischer Kampfsportarten bearbeitete er übrigens schon damals in Ebersbach. Gesundheit und Bewegung – dafür sieht er auf dem Lande gute Grundlagen. Deshalb kann er sich an viele Begebenheiten noch gut erinnern. Doch das Jahr sei „eine der schlimmsten Zeiten in seinem Leben“ gewesen.

Aber in Ebersbach hat man die Albrechts schon vergessen. Weder in der Oberschule noch in der Gemeindeverwaltung erinnert man sich an das Paar. Die Albrechts haben offenbar keine Spuren hinterlassen. Ihren Frust konnte keiner wirklich teilen.