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Schöpfer des Springbrunnens ist tot

Mit fast 90 Jahren starb in Pulsnitz Töpfermeister Harry Schulze. In Bischofswerda hinterlässt er Bleibendes.

© Wolfgang Schmidt

Von Wolfgang Schmidt

Die Drittelstunde – der SZ-Podcast

Aktuelle Themen sowie Tipps und Tricks für den Alltag: Fabian Deicke stellt Experten verschiedener Gebiete die Fragen der SZ-Community.

Bischofswerda/Pulsnitz. Welcher Bischofswerdaer kennt sie nicht, die spielenden Kinder im Brunnen vor dem Bürohaus an der Kirchstraße? Geschaffen wurde die Plastik vor dem Haus des damaligen Rates des Kreises von Harry Schulze. Im Alter von fast 90 Jahren starb am 22. Januar der weit über die Lausitzer Region bekannte Töpfermeister, Keramikingenieur und Zirkelleiter Harry Schulze in Pulsnitz. Er hinterlässt ein einzigartiges und umfangreiches Lebenswerk in der Volkskunst. Harry Schulze war verheiratet und in der Ehe wurden ein Sohn und eine Tochter geboren.

Seine Geburtsstadt ist aber Kamenz. Dort kommt er am 9. September 1928 zur Welt, zieht dann aber mit den Eltern nach Bischofswerda, wo sein Vater eine Töpferei übernimmt. Hier besucht er die Grundschule und erlernt auch den Töpferberuf. Mit erst 17 Jahren erwirbt er den Meisterbrief. Er studiert Bildhauerei und wird 1951 Technischer Leiter der Braun- und Kunsttöpferei in Bischofswerda. Im gleichen Jahr beginnt er an der Technischen Universität Dresden mit einer Lehrtätigkeit im Fach Bauplastik. Dann zog es ihn in die Pfefferkuchenstadt. Von 1971 bis 1993 führt Harry Schulze die Werkstatt für Oberlausitzer Volkskunstkeramik in Pulsnitz. „Harry Schulzr war ein für die Stadt Pulsnitz sehr aktiver Bürger“, erinnert sich der frühere Stadtrat Hartmut Hermann. Er habe auch Lehrlinge ausgebildet und viel selbst auf dem Gebiet der Keramik entwickelt. Und die sei begehrt gewesen. Darüber wird auch manche Geschichte erzählt. Mit feiner Ware aus der städtischen Werkstatt im Gepäck waren Pulsnitzer wohl manches Mal nach Pirna zum Großhandelslager für Obst, Gemüse und Speisekartoffelen unterwegs, um begehrte Bückware zu besorgen: Letscho, Champignons oder Ketchup zum Beispiel. Alles wurde ordentlich von beiden Seiten bezahlt, betonen die Zeitzeugen.

Harry Schulze sucht und findet seine künstlerischen Vorbilder in der Natur ebenso wie bei den alten Bildhauern, die edle Formen entwickelten. Er gestaltet Keramiken, die sich heute in Galerien des In- und Auslandes und im Privatbesitz befinden. Öffentliche Arbeiten in der Region entstehen, so das Steingutrelief an der Bautzener Straße 4 in Bischofswerda. In Beton modelliert er Großplastiken wie die „Drei Gewerke“ und die „Gymnastikgruppe“, die jetzt am Pulsnitzer Stadtmuseum in der Goethestraße zu sehen sind.

66 Jahre Zirkelleiter
Harry Schulze leitet mehrere Keramikzirkel in Dresden, und den im Bischofswerdaer Kulturhaus schon seit 1951. Der Bischofswerdaer Keramikzirkel profilierte sich in der DDR zu einem Leistungsträger in der Volkskunst. Die Mitglieder und Harry Schulze eingeschlossen, werden für ihre Kreationen mit Ehrungen und Auszeichnungen im In- und Ausland bedacht. Noch im vorigen Jahr besuchten Zirkelmitglieder Harry Schulze, der inzwischen im Pflegeheim an der Bahnhofstraße lebte. „Es war schön mit euch, eine wunderbare und kreative Zeit, aber alles ist vergänglich“, hatte er gesagt. Mit seinem Einverständnis und in seinem Sinn wurde der Keramikzirkel Bischofswerda aufgelöst – 66 Jahre nach der Gründung. Damit dürfte Harry Schulze einer der wenigen ostdeutschland- und vielleicht sogar gesamtdeutschlandweit gewesen sein, der zeitlich so lange und ununterbrochen erfolgreich einen Verein leitete. Der jetzt 70-jährige Frank Haufe war schon als Jugendlicher Zirkelmitglied. „Immer noch faszinieren mich der Mensch und die Persönlichkeit von Harry Schulze. Er war für mich das künstlerische Vorbild, der sich mit Herz einbrachte“, sagt er. Oberbürgermeister Holm Große kündigte an, angesichts der Bedeutung des Künstlers für die Stadt Bischofswerda ein Kondolenzschreiben zu verfassen. (mit SZ/ha)

Trauerfeier am 5. Februar, 11.30 Uhr in Pulsnitz