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Schon fast entlassen und dann Schulleiter

Josef Köhler hatte zu Beginn seines Berufslebens schlechte Karten. Zeitweise wurde es ganz schwierig, dann recht erfolgreich und jetzt ist es zu Ende.

Mit seiner Frau Martina, im Garten und seinem Haus in Oberfrauendorf will Josef Köhler seinen Ruhestand gestalten.
Mit seiner Frau Martina, im Garten und seinem Haus in Oberfrauendorf will Josef Köhler seinen Ruhestand gestalten. © Egbert Kamprath

Josef Köhler, der seit 1992 die Grundschulen in Obercarsdorf, Höckendorf und Ruppendorf geleitet hat, hat jetzt die längsten Ferien seines Lebens. Er ist mit Ende des Schuljahres in den Ruhestand gegangen. Dabei stand er in seinem Berufsleben auch schon vor der Entlassung und hatte eigentlich schlechte Voraussetzungen, um in DDR-Zeiten Lehrer zu werden. Er stammt aus einer grundkatholischen Familie in Görlitz, ist nicht zu den Pionieren gegangen, war nicht in der Freien Deutschen Jugend (FDJ) und hatte keine Jugendweihe gemacht. So stand ihm auch der Weg an die Erweiterte Oberschule mit dem Abitur nicht offen.

In der zehnten Klasse wusste er auch nicht, wohin sein Berufsweg gehen sollte. Aber ein Freund hörte, dass Lehrer gesucht seien. „Ich habe ja gar nicht gewusst, dass das ohne Abitur möglich ist“, erinnert sich Köhler. Er hat sich beworben. Im Aufnahmegespräch wurde ihm aber deutlich gemacht, dass er auf jeden Fall in die FDJ eintreten müsste. „Da habe ich mein erstes Weihrauchkorn geopfert“, sagt er und ist den Kompromiss eingegangen.

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Arbeit mit Jugendlichen kannte er aus der Kirche. Dort war er Gruppenleiter. Das hat ihm Spaß gemacht. So ging er an das Institut für Lehrerbildung nach Löbau. Im Studium hat er dann einmal den Putsch in Chile mit der Niederschlagung des Prager Frühlings verglichen. „Damals haben sich die Kirche und der Vorsitzende der CDU in Görlitz für mich eingesetzt, damit ich mein Studium doch beenden konnte“, berichtet er. Danach hat er im Berufsleben politische Diskussionen erlebt, aber keinen ernsten Ärger bekommen. Der begann erst an der Oberschule in Obercarsdorf.

Morgen- statt Pioniergruß

Vorher hat Köhler erst als Unterstufenlehrer und Hortner in Reichenbach in der Oberlausitz gearbeitet. 1977 ist er aus persönlichen Gründen nach Dönschten bei Schmiedeberg gegangen und hat dort im Kinderheim für schwererziehbare Jungen angefangen. „Diese Zeit hat mich sehr geprägt und mich gelehrt, dass ich das Gleichmaß zwischen Konsequenz und Liebe suchen muss“, sagt er. Er hat noch seinen Wehrdienst absolviert und 1981 seine Frau Martina geheiratet, mit der er vier Kinder hat.

1986 wechselte er als Lehrer an die Polytechnische Oberschule nach Obercarsdorf und übernahm dort ein Jahr später seine erste eigene Klasse. Damals war es üblich, dass der Klassenlehrer auch der Pioniergruppenleiter wurde. Das lehnte Köhler ab. Es gab Diskussionen darüber. Arbeitsrechtlich konnte ihn aber niemand dazu verpflichten. Aus dieser Zeit hat er später in seiner Stasi-Akte einen ausführlichen Schriftwechsel mit der Schulleitung gefunden mit dem Ziel: Der Köhler kann nicht mehr Lehrer sein. Negativ vermerkt war auch sein kirchliches Engagement. „Man solle nach Gelegenheiten suchen, stand da“, erzählt er.

Im Frühjahr 1989 wurde es ernst. Es war üblich, dass Lehrer und Klasse den Tag mit dem Pioniergruß begannen: „Für Frieden und Sozialismus – Seid Bereit!“ Köhler grüßte stattdessen mit einem schlichten „Guten Morgen“. Die Schulleitung verlangte aber den Pioniergruß. Er sagte: „Das kann ich nicht“. Die Auseinandersetzung ging bis nach Dresden. Eine Bezirksschulinspektorin kam nach Obercarsdorf, um sich eine Stunde mit diesem Lehrer anzuschauen. Da hat er sich mit Hilfe einer Schülerin um den kniffligen Gruß herumgemogelt. Die Inspektorin hatte dann nichts in der Hand. Sie kündigte aber an, dass sich etwas finden werde, erinnert sich Köhler. Er hat sich Gedanken gemacht, wie es nach einer Entlassung mit ihm weiterginge. „Mein Vater hat sich schon gefreut, dass ich dann in seiner Dachdeckerfirma anfangen könnte. Ein halbes Jahr später hat aber kein Hahn mehr danach gekräht“, sagt er.

Fächerübergreifender Unterricht

Köhler fing 1991 noch ein Studium zum Religionslehrer an, hat sich auf Anraten eines Kollegen als Schulleiter der Grundschule Obercarsdorf beworben und wurde eingesetzt. Anfangs war er mit vier Kolleginnen allein. Die Schule ist aber stetig gewachsen. Erst bekam sie Spezialklassen für Schüler mit Lese-Rechtschreibschwäche dazu, dann zogen Förderschulklassen ein, und in Obercarsdorf entstand ein besonderes Modell, ein enges Miteinander der beiden Schularten. „Wir haben nur noch Deutsch und Mathe getrennt unterrichtet, alle anderen Fächer großteils gemeinsam“, erinnert er sich. Dieses Konzept hat sich bis heute bewährt. „Wir haben damals Kinder aus der Förderschule soweit gebracht, dass sie an die Oberschule wechseln konnten“, erinnert sich Köhler.

2002 hat das Hochwasser die Schmiedeberger Schule zerstört. In Obercarsdorf wurde aus zwei Schulen eine gemacht, die aber keine zwei Schulleiter brauchte. Daher ist Köhler nach Höckendorf gewechselt, wo eine Schulleiterstelle frei wurde. Hier hat er den Umzug vom alten Schulgebäude in Höckendorf in das neu sanierte Kinderhaus in Ruppendorf mitgestaltet.

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„Jetzt habe ich noch das Gefühl von Urlaub“, sagt er. Er freut sich auf viel Zeit mit der Familie, mit Kindern und Enkeln. Einmal in der Woche wird er weiter Religionsunterricht geben und auch sonst ist er in der katholischen Gemeinde als Gottesdienstbeauftragter aktiv. Diese organisieren zu den üblichen Gottesdienstterminen sogenannte Wort-Gottes-Feiern, wenn kein Pfarrer zur Verfügung steht. In seinem Wohnort Oberfrauendorf arbeitet er im Ortschaftsrat mit. „Haus und Hof erfordern Zeit, und ich will meine Zeit jetzt auch nicht völlig verplanen“, sagt der Neu-Ruheständler zu seinen Vorhaben. 

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