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Die Männer mit dem Knall

Wo die zwei von der Sprengtechnik Pirna auftauchen, bleibt kein Schornstein stehen. Jedenfalls nicht mehr lange.

Wenn sie fertig sind, steht kein Stein mehr auf dem anderen: Manfred Küchler (l.) und Christoph Oswald aus Pirna haben in beinahe dreißig Jahren mehr als 450 Schornsteine gesprengt.
Wenn sie fertig sind, steht kein Stein mehr auf dem anderen: Manfred Küchler (l.) und Christoph Oswald aus Pirna haben in beinahe dreißig Jahren mehr als 450 Schornsteine gesprengt. © Karl-Ludwig Oberthür

Das graue Kästchen im Lederfutteral ist das wichtigste Arbeitsgerät. Hergestellt fürs Militär bei den Zünderwerken Ernst Brün im Ruhrgebiet. Christoph Oswald setzt die kleine Kurbel ein, dreht sie, bis das gelbe Lämpchen flackert, legt den Daumen auf den roten Knopf. Alle Verantwortung lastet jetzt auf genau einer Person - dem Sprengmeister. Es gibt keine Probe. "Der Schornstein muss fallen", sagt Oswald, "und hoffentlich in die richtige Richtung."

Aufträge vom Elbestrand bis zum Ostseesand

Gefallen ist der Schornstein bisher immer. Seit der Gründung ihrer Sprengtechnik Pirna vor fast dreißig Jahren haben Christoph Oswald und Manfred Küchler 456 Essen umgelegt, zwischen Elbsandsteingebirge und Ostseestrand, die größte über zweihundert Meter hoch. Manfred Küchler mag zwar keine Lobhudelei treiben. Doch ein bisschen Stolz ist er allemal, dass eine "Zwei-Hansel-Firma" so etwas geschafft hat. "Das ist schon was Besonderes."

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"Es muss klappen." Mit dem Druck auf den roten Knopf der Zündmaschine nimmt der Sprengmeister alle Verantwortung auf sich.
"Es muss klappen." Mit dem Druck auf den roten Knopf der Zündmaschine nimmt der Sprengmeister alle Verantwortung auf sich. © Archiv/Karl-Ludwig Oberthür

Das Quartier von Oswald & Küchler liegt im Schatten der Pirnaer Stadtbrücke, in einem unauffälligen Mietshaus. Es ist dekoriert mit historischen Bauzeichnungen von Schornsteinen, mit Zündapparaten, die nach Dynamit-Harry aussehen und mit langhalsigen Signaltuten, die goldgelb glänzen. Die Sprengmeister benutzen sie heute noch. Moderne Drucklufthupen frieren bei strengem Frost gerne mal ein.

Dem Schornstein seinen Stuhl wegziehen

Auf dem Computerschirm fällt gerade ein Schlot. Christoph Oswald filmt jedes Opus der Firma. Hier handelt es sich um den jüngsten Streich von Ende Mai, Nummer 456, die Esse einer alten Gärtnerei im Dresdner Stadtteil Strehlen. Ein dumpfer Rums, dann stürzt der Lulatsch lang hin, verschwindet in einer Staubwolke. Mit 35 Metern war er eher klein. Aber das will nichts heißen. Kleine Essen sind manchmal störrischer als große, sagt Oswald. "Jeder Schornstein verdient es, ernst genommen zu werden."

Kernbohrung durch eine Schornsteinwand: Versteckte Bewehrungseisen, wie hier zu erkennen, können eine Sprengung vereiteln.
Kernbohrung durch eine Schornsteinwand: Versteckte Bewehrungseisen, wie hier zu erkennen, können eine Sprengung vereiteln. © SZ/Jörg Stock

Wie man einen Schornstein sprengt? Eigentlich, sagen die Männer, ist das wie Bäume fällen. Die Detonation schlägt einen großen Keil in den Schaft, der bis unter den Schwerpunkt reicht. "Wir ziehen dem Schornstein den Stuhl weg", so umschreibt es Christoph Oswald. Dem bleibt nichts weiter übrig, als von selbst umzusinken. Bei Nummer 456 genügten dafür sechs Sprenglöcher und ein knappes Kilo Explosivstoff.

Vom Steinbruch in die bewohnte Welt

Als Oswald und Küchler am 1. Februar 1991 ihre Firma gründen, ist das Sprengen in bewohnten Gebieten für sie absolutes Neuland. Die beiden kommen aus dem Steinbruch. Jahrelang war der VEB Elbenaturstein ihre Heimat. Manfred Küchler, aus dem Lausitzer Granit stammend, leitete das Sprengwesen im Betrieb, Christoph Oswald, gebürtiger Pirnaer, die Rohstoffgewinnung in den Sandsteinbrüchen. Doch dann löst sich die DDR plötzlich auf, und der VEB auch. Was nun?

Wenn der Schornstein die Balance verliert: Fällung einer Esse der Brikettfabrik Lauchhammer 1995.
Wenn der Schornstein die Balance verliert: Fällung einer Esse der Brikettfabrik Lauchhammer 1995. © Sprengtechnik

Sprengingenieur Küchler glaubt nicht an eine Zukunft als Angestellter. Er will auch in keine Behörde wechseln oder als Anzugträger alten Damen Versicherungen aufschwatzen. Sein Bekannter, Bergingenieur Oswald, hat Lust, die Chancen der neuen Zeit auszuprobieren. So tun sich die beiden zusammen, fast ohne Ausrüstung und mit gepumptem Kapital. "Wir waren blauäugig", sagt Christoph Oswald. "Wir setzten alles auf eine Karte."

Das Sterben der Betriebe hält die Firma am Leben

Dass diese Karte sticht, dafür sorgt ein Umstand, der Abertausende in Trauer stürzt: der Untergang der DDR-Betriebe. Die einstmals volkseigenen Fabriken werden abgewickelt und nicht selten von ihrer einstigen Belegschaft als "Arbeitsbeschaffungsmaßnahme" zerlegt. Was die ABMer nicht klein kriegen sind die Schornsteine. Sie werden für viele Jahre das "Brot" von Oswald & Küchler sein.

Gehen auch aufs Konto von Oswald & Küchler: taumelnde Essen des VEB Plattenwerk Meißen 1992. Im Hintergrund die Silhouette des Doms.
Gehen auch aufs Konto von Oswald & Küchler: taumelnde Essen des VEB Plattenwerk Meißen 1992. Im Hintergrund die Silhouette des Doms. © Sprengtechnik

Ihren ersten Schornstein sprengten die beiden nicht in einem Betrieb, sondern an einer Schule, in Roßwein, 27 Meter hoch. Manfred Küchler erinnert sich noch gut an seine Gefühlslage. "Wir waren aufgeregt wie die Jungfrau vor der Brautnacht." Beim zweiten Schlot, gleich nebenan, ging man schon gelöster zu Werke. Und die dritte Esse war mit 55 Metern Höhe und viereinhalb Metern Durchmesser schon ein stattliches Kaliber. Sie stand am Kochanlagenbau Stolpen. Ihre Tragik: Sie hatte niemals rauchen dürfen. Die Wende war dazwischen gekommen.

Der feixende Schlot der Pirnaer Kunstseide

Die Firma sprengte sich durchs Land, bis hinauf nach Rügen und wieder zurück. Die meisten Aufträge kamen aus Sachsen, etliche auch aus der Heimatstadt. So war die Sprengtechnik mehrmals auf dem Gelände des einst stolzen Pirnaer Kunstseidenwerks "Siegfried Rädel" aktiv. Ausgerechnet dort, vor der eigenen Haustür, erlebten die Sprengtechniker eine ihrer seltenen Niederlagen.

Die Firma sprengte nicht nur Essen. Hier sinkt ein Sebnitzer Wohnhaus in sich zusammen.
Die Firma sprengte nicht nur Essen. Hier sinkt ein Sebnitzer Wohnhaus in sich zusammen. © Sprengtechnik

Es war ein Sommertag 1996 und die Anwohner der nahen Küttner-Siedlung hatten sich mit ihren Kameras zurechtgesetzt. Es knallte, doch Abluftschornstein 3 blieb scheinbar unbeeindruckt stehen. Die Ladung hatte es nicht geschafft, eine genügend große Bresche in die säurefesten Klinkersteine zu schlagen. "Der Schornstein hat sich über uns kaputt gelacht", sagt Christoph Oswald.

"Wenn wir nicht sprengen, dann die anderen"

Lange gelacht hat er aber nicht. Neue Löcher wurden gebohrt, eine neue Ladung angelegt. "Da muss man die Nerven behalten", sagt Oswald. Die behielt auch ein kleiner Junge, der so lange ausharrte, bis der Schlot endlich umfiel, und das vielleicht einzige Foto seines Sturzes schoss. Es ist heute im Firmenfundus archiviert.

Platz für den neuen Lidl-Markt: Der Schornstein des VEB Fahrzeugsitze in Bad Schandau fällt im Juli 2017.
Platz für den neuen Lidl-Markt: Der Schornstein des VEB Fahrzeugsitze in Bad Schandau fällt im Juli 2017. © Foto: Dirk Zschiedrich

Immer nur kaputt machen - geht das an die Moral? Warum sollte es, fragt Manfred Küchler. "Wenn man uns ruft, ist alles schon entschieden." Natürlich tat es ihm leid um manchen schönen Schornstein, der zum Beispiel in den alten Webereien der Zittauer Gegend stand, oder bei Pfunds Molkerei in Dresden. Andere sprengte er gern, wie jene Esse, die das sowjetische Militär ins Lahmann-Sanatorium auf dem Weißen Hirsch klotzte. Letztendlich muss man das nüchtern sehen, sagt Küchler. Wenn seine Firma nicht sprengt, sprengt eine andere. "So ist die Welt."

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