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Dresden

Schornsteinfeger-Kosten ohne Schornstein

Dresdner Mieter bezahlen "Kehrarbeiten", obwohl der Lüftungsschacht in ihrem Haus längst abgerissen ist. Dagegen wehren sie sich seit Jahren - ohne Erfolg.

Wo sich bis 2014 der Abgasschacht befunden hat, steht nun der Kühlschrank von Reiner Friedrich. Obwohl der Schacht abgerissen wurde, bezahlt er jährlich eine Reinigung dafür.
Wo sich bis 2014 der Abgasschacht befunden hat, steht nun der Kühlschrank von Reiner Friedrich. Obwohl der Schacht abgerissen wurde, bezahlt er jährlich eine Reinigung dafür. © Marion Doering

Dresden. 2015 ist Reiner Friedrich zum ersten Mal stutzig geworden. Er sollte für das vorangegangene Jahr gut 50 Euro für den Schornsteinfeger bezahlen. "Das konnte eigentlich nicht sein, denn 2014 wurde unser Haus komplett umgebaut - und der Lüftungsschacht abgerissen", erzählt der 80-jährige Dresdner, der in einem Plattenbau in der Kipsdorfer Straße wohnt. Der Schacht befand sich in der Küche, dort, wo seitdem der Kühlschrank von Familie Friedrich steht. Die Küche ist seit dem Verschwinden des Schachtes gut einen Quadratmeter größer. 

Bis 2013 kontrollierte der Schornsteinfeger jährlich in jeder Wohnung, ob im Schacht alles in Ordnung ist. Das war wichtig, weil das Wasser mit einem Gasdurchlauferhitzer erwärmt wurde, der in der Küche hing. Die Abgase des Warmwasserboilers wurden über den Schacht abgeleitet, die Sicherheitsstandards waren dementsprechend hoch, regelmäßig wurde alles gewartet und geprüft. Die Kosten von rund 30 Euro jährlich waren für die Mieter nachvollziehbar.

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Mieter fordert Geld zurück

Dass ihm von seinem Vermieter Vonovia seit dem Abriss der Gasanlagen und des Lüftungsschachtes weiterhin jedes Jahr Kosten für "Kehr- und Überprüfungstätigkeiten und Lüftungsanlagentätigkeiten" in Rechnung gestellt werden, kann der Senior nicht verstehen. Zumal die Summen immer größer werden. Zahlte er sonst jährlich zwischen 22 und 39 Euro, waren es in dem Jahr, in dem der Schacht abgerissen wurde, 53 Euro. 

Für das gesamte Haus stellte der Schornsteinfeger damals 536 Euro in Rechnung, im gesamten Wohnblock bezahlen jedes Jahr insgesamt 120 Mieter diesen Posten. Obwohl der Fachmann seit der Sanierung in keiner Wohnung mehr war. Warum auch? Den Schacht gibt es ja nicht mehr. Reiner Friedrich widersprach diesem Posten der Betriebskostenabrechnung mehrfach, forderte auch die Rechnungen des Schornsteinfegers ein, die er im vergangenen Jahr auch bekam, die Aufschluss über die abgerechneten Leistungen gaben. Friedrich will das aus seiner Sicht zu Unrecht bezahlte Geld zurück.

Katrin Kroupová vom Mieterverein Dresden warnt indes vor voreiligen Schlüssen: "Schornsteinfeger überprüfen auch Lüftungsanlagen. Aus den Belegen müsste das genau hervorgehen." Reiner Friedrich fragt sich allerdings, wo sich in seinem Wohnhaus noch ein anderer Schacht oder eine solche Lüftungsanlage befinden sollen. "Auch der Hauswart hat mir bestätigt, dass es so etwas in unserem Haus nicht mehr gibt", sagt Reiner Friedrich. Am 11. März habe er ihn explizit darauf angesprochen und diese eindeutige Antwort bekommen. Vonovia hatte Reiner Friedrich explizit dazu geraten, den Hauswart persönlich zu kontaktieren.

Vonovia sucht nach Lösung

Beim Großvermieter selbst ist man sich offenbar auch unsicher. Auf SZ-Anfrage teilt Vonovia-Sprecher Matthias Wulff lediglich mit, dass seine Kollegen fündig geworden sind, es aber noch keine Lösung gibt. Was genau er meint, bleibt offen. "Wir prüfen das Thema noch und sind dazu im Austausch, auch mit dem Schornsteinfeger." 

Grundsätzlich gelte aber, dass berechnete Kosten, "die nicht umlagefähig sind oder nicht angefallen sind", erstattet werden. "Unseren Mieter bitten wir noch um Geduld." Nachdem Reiner Friedrich seit fünf Jahren jedes Jahr aufs Neue versucht, Vonovia zu erklären, dass es keinen Abzugsschacht mehr gibt, komme es nun auf ein paar Tage mehr auch nicht an, sagt dieser.  

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Hintergrund für die fehlerhafte Abrechnung könnten die unterschiedlichen Plattenbautypen sein, die zum Bestand der 39.000 Vonovia-Wohnungen in Dresden sind. So gibt es etwa in Leuben den Bautyp IW66/P2, in dem es bis heute in jeder Wohnung einen Abzugsschacht gibt. Und zwar aus folgendem Grund: Die Wohnungen dort haben ein Innenbad, das heißt, es gibt kein Fenster. Über den Schacht wird sowohl die Luft aus dem Bad als auch auch aus der Küche abgeleitet. Regelmäßig kommt dort der Schornsteinfeger in die Wohnung, kontrolliert den Schacht und wechselt dabei auch den Filter in der Abzugsklappe. Dafür bezahlen Mieter einer Dreiraumwohnung in Leuben gut 20 Euro jährlich. All das gibt es bei Familie Friedrich in Seidnitz nicht, weil die Wohnungen ein Außenbad mit Fenster haben. Dort können die Mieter selbst lüften.

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