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Schrauber aus Leidenschaft

Die Männer der Historik-AG Weißwasser bewahren alte Feuerwehren vorm Verschrotten. Da sind sie nicht die Einzigen.

er Phänomen, Baujahr 1951, ist ein Stück weiter restauriert. Sehr zur Freude von Jürgen Herzog (2.v.re.), der die AG Feuerwehrhistorik in Weißwasser mit aus der Taufe gehoben hat, und Michael Neunert, der seit 2018 dabei ist.
er Phänomen, Baujahr 1951, ist ein Stück weiter restauriert. Sehr zur Freude von Jürgen Herzog (2.v.re.), der die AG Feuerwehrhistorik in Weißwasser mit aus der Taufe gehoben hat, und Michael Neunert, der seit 2018 dabei ist. © Joachim Rehle

Geschafft. Mit sanftem Schwung befördern Jürgen Herzog und Michael Neunert die Motorhaube auf den Bock. Der Phänomen, Baujahr 1951, ist wieder ein Stück weiter restauriert. Im VEB Kraftfahrzeugwerk Zittau ist er einst zusammengebaut worden – als Pritschen- oder Kastenwagen, als Kleinbus, für den Krankentransport oder eben auch als Feuerwehr. Als Löschfahrzeug TS 8, wie er sich offiziell nannte. Ausgestattet mit zwei Atemschutzgeräten und einer Tragkraftspritze bot der Phänomen neben dem Fahrer noch acht Mann Besatzung Platz.

Gemessen an den modernen Feuerwehrautos unserer Tage lässt diese Ausstattung so manchen Betrachter nur müde lächeln. Nicht so Jürgen Herzog. Für das Mitglied der AG Feuerwehrhistorik in Weißwasser ist der Phänomen ein richtiges Schätzchen. Geschichte, die es zu erhalten gilt. Wie er verbringen elf Enthusiasten viele Stunden ihrer Freizeit damit, alte Feuerwehrtechnik wieder flott zu machen. Und zwar so, dass man sie nicht nur angucken, sondern auch richtig nutzen kann.

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Dabei fing es ganz harmlos an, wie man landläufig so schön sagt. Vor etlichen Jahren hatte die Kfz-Prüforganisation Dekra ein Programm zur Restaurierung historischer Fahrzeuge ins Leben gerufen. Die Feuerwehr Weißwasser beteiligte sich daran und stellte ein Tanklöschfahrzeug vom Typ S 4000 zur Verfügung. In einer geförderten Maßnahme sollte es wieder aufgebaut werden. Doch als das Programm auslief, war das Auto längst noch nicht fertig. Damit zufrieden war keiner. Wie Jürgen Herzog erzählt, trafen sich ein paar Feuerwehrmänner, um das Werk zu vollenden. Seinerzeit hätte sich wohl niemand träumen lassen, dass das der Beginn eines wunderbaren Hobbys sein könnte. Nach und nach fanden sich noch mehr Männer, deren Leidenschaft die alte Feuerwehrtechnik ist. Seit einigen Jahren ist man nach diversen Umzügen auch räumlich angekommen: in einer Halle in Weißwasser, in der alle Fahrzeuge ihren Platz haben.

Alte Geräte noch selbst erlebt

Die AG Historik ist eine Untergruppe des Feuerwehrfördervereins der Stadt. Wie viele Stunden seiner Freizeit Jürgen Herzog schon bei den Oldtimern verbracht hat, vermag er nicht zu sagen. Seit mehr als 40 Jahren Feuerwehrmann verbindet er quasi Beruf und Hobby. Ein Teil der alten Geräte hat er selber noch im Einsatz erlebt. Wohl auch deshalb hängt sein Herz an jedem Einzelnen davon. „Und Spaß macht es ja auch“, sagt der Hauptbrandmeister der Feuerwehr Weißwasser. Weil man viel dran machen und zum Beispiel den Motor zerlegen könne, begründet er. Leider seien zu DDR-Zeiten die Autos aber viel zu schnell verschrottet worden.

Wie ihm geht es auch den Anderen in der Historik-AG. Wegen auswärtiger beruflicher Verpflichtungen oder Schichtarbeit sei mancher seiner Mitstreiter nicht so oft verfügbar. Im Kern sind sie vier regelmäßige Schrauber. Sie hätten schon noch gerne ein paar mehr Leute dabei, wie Jürgen Herzog sagt, „weil das Schrauben dann einfach noch mehr Spaß macht“. Diese müssten auch gar nicht in der Feuerwehr aktiv sein. „Was zählt, ist die Begeisterung für die alte Technik. Und man sollte handwerklich ein bisschen begabt sein, weil wir viel improvisieren müssen“, erklärt er. Die Begeisterung ist Jürgen Herzog anzumerken. Das Interesse für Oldtimer wächst, hat er festgestellt. Noch nicht bei den ganz Jungen, bei den etwas Älteren dafür umso mehr.

Elf Autos nennt der Verein mittlerweile sein Eigen. „Zehn davon sind fahrbereit“, sagt er nicht ohne Stolz. Eben wie jener Phänomen aus dem Jahre 1951. Auch einige Privatautos der Sechziger- bis AchtzigerjJahre wurden liebevoll wieder aufgehübscht. In der Halle des Vereins stehen außerdem diverse Anhänger und andere Ausrüstungsgegenstände, darunter eine motorgetriebene Abprotzspritze, Baujahr 1926. Die aber war schon rekonstruiert, bevor sich die Historik-AG 2011 zusammenfand. Einer der Anhänger wurde zum Getränkewagen umgebaut und ist auf diversen Feuerwehrfesten dabei.

Mit ihrem Faible für alte Feuerwehren sind die Weißwasseraner keineswegs alleine. Im Landkreis Görlitz-Nord gibt es zwölf Vereine und Interessengruppen mit dem gleichen Hobby. „Die dümpelten alle mehr oder weniger vor sich hin“, sagt Jürgen Herzog. Irgendwann war die Idee geboren, sie alle zusammenzuführen. Bei einem regionalen Treffen. Schon die erste Veranstaltung in Rietschen zeigte, dass sie damit voll ins Schwarze getroffen hatten. Zur vierten Auflage 2018 in Weißwasser reisten Fans von Mecklenburg-Vorpommern bis Vogtland mit 75 Fahrzeugen und Handdruckspritzen an.

Oldtimer-Treffen wieder 2021

Im Juni 2020 hätte man sich erneut in Weißwasser getroffen. Aber Corona machte dem einen dicken Strich durch die Rechnung. Ein bissschen traurig sind Jürgen Herzog und seine Mitstreiter schon. Denn in diesem Jahr sollte das Treffen erstmals zweitägig über die Bühne gehen – damit sich für die Fans von weiter weg die Anfahrt lohnt. Das wird nun auf 2021 verschoben. Das Treffen soll dann wiederum am ersten Wochenende im Juni in Weißwasser stattfinden. Wegen des großen Zulaufs aber auf dem Kohlestauplatz. Die Verträge sind jedenfalls schon gemacht.

Apropos 2021. Der 20. Januar ist ebenfalls schon dick im Kalender markiert. Wie in diesem Jahr wird dann ein weiteres Lichterfest gefeiert. Mit sieben geschmückten Oldtimer-Feuerwehren. „Dann werden wir mit mehreren Buden auch noch besser vorbereitet sein“, blickt Jürgen Herzog voraus. Beim ersten Mal mit Schwedenfeuer und Knüppelkuchen für die Kids seien sie regelrecht überrannt worden. „Es war ein Versuch. Jetzt wissen wir ja, dass es ankommt“, sagt er. Schon 2018 hatte die Historik-AG in Weißwasser für große Kinderaugen gesorgt. Mit hunderten LED-Lichtern geschmückt brachten alte Feuerwehren den Weihnachtsmann in die Kitas der Stadt. Zwar ist es bis dahin noch ein Weilchen hin, aber was ist in diesem Jahr schon wie sonst, fragt sich Jürgen Herzog. In der AG hofft man natürlich, dass bis dahin das normale Leben wieder in die Gänge kommt – und man auch mal wieder zu einem Oldtimer-Treffen fahren kann. Wie 2019 beispielsweise, als sie mit dem Feuerwehr-Wartburg bei der Partnerfeuerwehr in Winnenden waren.

Alle Mitglieder der AG gehören zugleich dem Feuerwehrförderverein an. Die finanzielle Unterstützung von dort sei zwar keine Riesensumme, aber sehr hilfreich. Ebenso wie die Unterstützung des Kreisfeuerwehrverbands, der auch Museen in Rietschen und Reichenbach fördert. Die AG Feuerwehrhistorik in Weißwasser hat zwar viele Schätze, aber solche Ambitionen nicht. Das Herz ihrer Mitglieder schlägt für die Technik und dafür, sie am Laufen zu halten oder dazu zu bringen.

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