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"Ich dachte, unser Leben sei vorbei"

Wie die Schriftstellerin Annelies Schulz als Elfjährige das Kriegsende in Neusalza-Spremberg erlebte.

Schriftstellerin Annelies Schulz lebt inzwischen in Taubenheim. Ihre Kindheit verbrachte sie in Neusalza-Spremberg.
Schriftstellerin Annelies Schulz lebt inzwischen in Taubenheim. Ihre Kindheit verbrachte sie in Neusalza-Spremberg. © Steffen Unge

In unserem Keller machte inzwischen ein neues Wort die Runde... ein Wort, das nach Untergang und Auslöschen klang und das nur flüsternd ausgesprochen wurde: Zusammenbruch. Nach dem totalen Krieg stand uns nun der totale Zusammenbruch bevor. Die Stimmen überschlugen sich in unserem Keller. Jeder fügte dem Gesagten seine eigene Meinung hinzu. Gerüchte, Mutmaßungen, Behauptungen und die Befürchtung, dass uns noch Schreckliches bevorstand. Sibirien und Enteignung und Gefangenschaft und ... und ... und ... und.

Ich muss dann mitten in diesem Stimmengewirr eingeschlafen sein, geweckt wurde ich von einem ungeheuren Donnerschlag, einem hundertfach verstärkten Knall, als berste der Erdball auseinander. Das ganze Haus erbebte, Fensterglas splitterte, Dachziegel krachten und schlugen klirrend vor dem Kellerfenster auf, und noch ehe ich mich aufrichten konnte, stürzten von dem Regal, unter dem ich lag, Großmutters Einweckgläser herab, zerplatzten und zersplitterten auf dem Fußboden des Kellerraumes.

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Ein schweres Fünfkilogewicht stürzte hinterher und landete auf meiner Lagerstatt. Ich schrie auf und wollte mich zu meinen Müttern retten, die mit den anderen im Kellergang saßen, als eine neue Detonation das Haus erschütterte. Wieder fielen Gläser und Gewichte, und meine Mutter schrie, komm schnell, sonst wirst du noch erschlagen.

Es war mitten in der Nacht. Wir saßen ohne Licht, nur die Karbidlampe blakte in der Kellerecke. Jemand sagte, das war die Tepperbrücke, nun kommt die Niederdorfbrücke dran. Da erst begriff ich, dass es nicht die Russen waren, die unseren Ort beschossen, sondern die Männer vom Sprengkommando, die in dieser unheilvollen Nacht die Spreebrücken in die Luft jagten.

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Als es das dritte Mal krachte, sagte mein Vater, nun kann es sich nur noch um Stunden handeln, dann ist es vorbei. Ich habe diesen Satz nie vergessen. Ich dachte, unser Leben sei dann vorbei, denn dass wir heil davonkommen würden, glaubte ich nicht. Siegen oder fallen war die Devise, die wir jahrelang zu hören bekommen hatten. Siegen oder fallen, es gab nichts dazwischen ...

Aus dem Roman "Das Kindheitshaus" von Annelies Schulz, Lusatia Verlag Bautzen 2004

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