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Schüler allein zu Haus

Auch wenn alle Kinder seit Mai wieder Unterricht haben: Manche müssen nach wie vor viel daheim lernen. Besonders für Fünft- bis Achtklässler ist das nicht leicht.

Homeschooling gehört für viele Kinder nach wie vor zum Alltag.
Homeschooling gehört für viele Kinder nach wie vor zum Alltag. © Nikolai Schmidt

Hat sich der Schulalltag der Kinder nach dem Lockdown wieder normalisiert? Fragt man Eltern, hört man von verschiedensten Situationen in den Familien. Nur für Grundschüler ist alles etwa so wie "vor Corona". Oberschüler und Gymnasiasten aber sind teilweise weiterhin ganze Tage oder sogar Wochen zu Hause, wo sie die Zeit mit häuslichem Lernen überbrücken.

Jede Schule macht es anders

Alle Gymnasien und Oberschulen haben die Klassen halbiert, weil die Räume zu klein für bis zu 28 Schüler auf Abstand sind. Das Gymnasium in Niesky teilt die Klassen sogar in drei Gruppen. Wie oft und wann die Schüler Unterricht haben, ist aber an allen Schulen verschieden. 

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In der Oberschule Innenstadt ist jeder Schüler mindestens zwei Tage pro Woche in der Schule, in der Melanchthon-Oberschule mal zwei, mal drei Tage im Wechsel. In der Oberschule Rauschwalde wechseln die Gruppen jede halbe Woche zwischen Unterricht und Lernzeit, an der Scultetus-Oberschule und der Oberschule Reichenbach jede Woche. 

Am Nieskyer Gymnasium hat jeder Schüler alle drei Tage Unterricht, am Curie immer eine Woche am Stück, wobei für die jüngeren Klassen mehrere Wochen häuslicher Lernzeit dazwischenliegen. Das Augustum-Annen-Gymnasium ist die einzige Schule, in der alle Schüler fast täglich Unterricht haben. 

Motivation zum häuslichen Lernen sinkt

Für Eltern ist nicht immer nachvollziehbar, warum die Schulen den Betrieb so unterschiedlich regeln. Viele gehen jetzt wieder mehr arbeiten als im März und April und können damit ihre Kinder beim häuslichen Lernen weniger gut unterstützen. Auch sehen es viele nicht gern, wenn ihre zehn- oder elfjährigen Kinder ab morgens allein zu Hause sind und sich kümmern müssen. Da die Leistungen jetzt wieder bewertet werden – anders als während des Lockdowns –, sehen manche Benachteiligungen für ihre Kinder gegenüber anderen.

Anne Baldovski hat einen Sohn in einer siebten Klasse am Görlitzer Curie-Gymnasium. Er hat seit Mitte Mai bis Mitte Juli insgesamt nur drei Wochen Schule. "Mir wäre es lieber, er hätte fast jeden Tag Unterricht wie die Schüler am Augustum", sagt sie. Nach der langen unterrichtsfreien Zeit sei es inzwischen schwierig für den 13-Jährigen, die Motivation zum selbstständigen Lernen weiter aufzubringen. Es sei verständlich, dass die älteren Schüler wegen größerer Nähe zum Schulabschluss öfter Unterricht haben. "Aber gerade die Jüngeren bräuchten das, weil es ihnen schwerer fällt, selbstständig zu lernen." 

Werden die Schüler am Curie mal in Vormittags-, mal in Nachmittagsschicht unterrichtet, sind am Augustum Früh- und Spätschichten festgelegt. Für die Hälfte der knapp 850 Schüler beginnt die Schule immer erst um 12 Uhr. Auch das ist nicht allen Eltern recht. "Meine Tochter kann nun nachmittags nicht mehr zu ihrem Sport gehen", sagt eine Mutter. "Außerdem können sich die Kinder am Nachmittag nicht so gut konzentrieren. Wenn sie Arbeiten schreiben, ist das ein Nachteil." 

Lob an die Lehrer

Und die Mutter eines Achtklässlers an der Melanchthon-Oberschule sagt, der Wechsel von Schultag und schulfrei sei für Jugendliche in der Pubertät ungünstig. "Der Tag-Nacht-Rhythmus kommt völlig durcheinander." Die Botschaft, dass ihr Sohn wegen der Corona-Pause nicht sitzenbleiben könne, habe ihn darin bestärkt, zu Hause gar nichts mehr für die Schule zu tun.

Kreiselternsprecher Hans Ludewig kennt all diese Nöte von Eltern. "Diese häppchenweise Beschulung findet keiner gut", sagt er. Aber allen sei auch klar, dass durch Corona eine besondere Situation entstanden sei, die Kompromisse erfordere. Elternsprecherin Romy Wiesner, die eine Tochter am Augustum hat, findet, es könne alles viel schlimmer sein. In Leipzig gebe es Schüler, die nur drei Stunden pro Woche Schule hätten. "Insofern ist es toll, wenn unsere Lehrer sogar in Doppelschichten unterrichten."

Einheitliche Lösung nicht umsetzbar

Dass die Schulen individuelle Hygienekonzepte haben, begründet das Landesamt für Schule und Bildung in Bautzen mit den unterschiedlichen Bedingungen, was die Zahl der Klassen, Schüler, Lehrer und Räume angeht. "Eine Vorgabe für alle wäre ungünstig gewesen", sagt Winnie Scholz-Kunitz, Leiterin der Oberschule Rauschwalde. "Ich fand es gut, dass wir frei waren, selbst zu überlegen, wie wir die Eltern am besten entlasten können."

Auch Wolfgang Mayer, Direktor des Curie-Gymnasiums, sagt, eine einheitliche Lösung hätte sich nicht umsetzen lassen. "Dass nicht alle Eltern zufrieden sind, kann ich völlig verstehen", sagt er, "aber wir gestalten es so, wie wir es verantworten können." Schüler auf Abstand zu unterrichten, sei für das Augustum mit den zwei Gebäuden tatsächlich leichter als fürs Curie. 

Frank Gröll vom Augustum hat ebenfalls Verständnis für die Eltern. Damit die "Nachmittagsschüler" keine Nachteile haben, sei anfangs ein wöchentlicher Schichtwechsel angedacht gewesen. Wegen der nachmittags ungünstigen Busverbindungen für die Schüler aus dem Umland hätten deren Familien Fahrgemeinschaften gebildet. "Dann fiel uns auf, dass dies den Abstandsregeln widerspricht." Also blieb nur, die Schüler aus dem Umland immer früh und die anderen spät zu unterrichten. Für Einzelne seien nach Rücksprache aber auch Schichtwechsel organisiert worden.

Sehnsucht nach "normalem Schulbetrieb"

Auf die Frage, ob die Corona-Beschulung Vorteile habe, die es sich zu behalten lohne, nennen die Schulleiter vor allem zwei Dinge: den digitalen Schub und den Unterricht in kleinen Gruppen. "Aber diesen 'Luxus' werden wird uns auf Dauer nicht leisten können", sagt Uta Dietzel von der Melanchthon-Oberschule. 

Ob sich auch ein späterer Unterrichtsbeginn oder ein ausgedünnter Stundenplan vorteilhaft auf die Konzentration der Schüler auswirke, wollte kein Schulleiter gern beantworten. Einen Wunsch hatten aber alle: einen "normalen Schulbetrieb" im nächsten Schuljahr.

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