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Dresden: Wird jeder Test auch gewertet?

Corona: Das Lernen daheim hat Folgen für Dresdens Schüler. Wie ihre Tests nun benotet werden und wie dramatisch sich die soziale Herkunft auswirkt.

An Dresdens Schulen zeigt sich jetzt, wer daheim gut gelernt hat. Um trotzdem Nachteile für die Kinder zu vermeiden, müssen Lehrer in diesem Schuljahr keine Noten mehr vergeben.
An Dresdens Schulen zeigt sich jetzt, wer daheim gut gelernt hat. Um trotzdem Nachteile für die Kinder zu vermeiden, müssen Lehrer in diesem Schuljahr keine Noten mehr vergeben. © Robert Michael/dpa

Dresden. In knapp drei Wochen bekommen die Dresdner Schüler Zeugnisse. Die einen können sich schon jetzt entspannt zurücklehnen und schreiben keine Tests mehr, die anderen schwitzen noch über Mathe- oder Deutsch-Arbeiten. Doch wie läuft das eigentlich mit den Schulnoten in Zeiten von Corona? 

Das ist von Schule zu Schule sehr verschieden. An manchen Grundschulen wurden noch viele Tests in Deutsch, Mathe und Sachkunde geschrieben - und alle Noten zählten normal. In anderen Schulen, wie zum Beispiel in einer Klasse an der 144. Grundschule in Mickten können die Eltern bei den Tests entscheiden, ob sie die Noten eintragen lassen wollen oder nicht. 

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"Ich finde das gut, da ja nicht alle Kinder während der Coronazeit die gleichen Bedingungen hatten. Die einen konnten mit ihren Eltern viel für die Schule lernen, die anderen waren auf sich gestellt, weil Mama und Papa arbeiten mussten", so eine Mutter. Aus diesem Grund gibt es an anderen Grundschulen auch die Regelung, dass die Zeugnisse auf Basis der Halbjahresnoten erstellt werden und gar keine neuen Noten mehr dazukommen. 

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Das Landesamt für Schule und Bildung (Lasub) hat am 19. Juni einen Brief an alle Schulleiter geschickt, in dem die Regelung für die Benotung erklärt wird. Bis zum Schuljahresende liege der Fokus nun darauf, die grundlegende Bildung zu sichern. Der begrenzte Präsenzunterricht verringere die Möglichkeiten, die Leistungen der Schüler zu bewerten und zu benoten. "Grundsätzlich liegt die Bewertung von Leistungen in der pädagogischen Verantwortung des Lehrers", schreibt das Lasub im Schulleiterbrief. 

Aber: Mit Blick auf die Pandemiesituation könne die Benotung nur noch angemessen und unter Berücksichtigung des individuellen Lernfortschritts erfolgen. Das heißt: Auf jeden Schüler muss einzeln geschaut werden. Dabei sollte beachtet werden, so das Landesamt, dass  Benotung und Versetzung zu Gunsten des Schülers anzuwenden sind. "Ermessensspielräume sind wohlwollend auszulegen."

Ansonsten können Lehrer selbst entscheiden, wie Ergebnisse aus der häuslichen Lernzeit bewertet werden. Weil es ja keine Schulbesuchspflicht gab, müssen also nicht alle Leistungen benotet werden. An Oberschulen und Gymnasien können etwa Fach- und Jahresarbeiten, die die Schüler daheim angefertigt haben, auch weiterhin benotet werden. An Grundschulen hingegen sei ein Aussetzen der Benotung gerechtfertigt, weil die Erst- bis Viertklässler auf den Lehrer angewiesen sind und Selbstlernen nur sehr beschränkt möglich ist. 

Wenn es keine Noten im zweiten Halbjahr gab, werden in den Klassen 2 bis 10 die Noten des Halbjahreszeugnisses übernommen mit dem schriftlichen Verweis auf die Pandemie und die ausgesetzte Schulbesuchspflicht. Trotzdem sollten die Schüler auch weiterhin beachten, dass Betragen, Fleiß, Mitarbeit und Ordnung ganz normal benotet werden. 

Orientieren an früheren Noten

Wie das Ganze in der Praxis aussieht, berichten Dresdner Schulleiter der SZ. Auch am Gymnasium Klotzsche schauen die Lehrer derzeit genau auf jeden einzelnen Schüler, so Schulleiter Frank Haubitz. "Ich habe mit meinen Lehrern gesprochen und wir vergeben die Noten mit Augenmaß." Wenn ein Schüler, der vorher in Mathe eher Zweien geschrieben hat, nun plötzlich nach der coronabedingten Schulschließung in den Tests Vieren und Fünfen schreibt, werde da eher mal ein Auge zugedrückt, so Haubitz. Schreibe ein eher mäßiger Mathe-Schüler aber Vieren, dann werde auch die Vier in der aktuellen Zeit gewertet. "Es soll aber niemandem ein Nachteil aus der Pandemie entstehen", versichert Haubitz.

Wie dramatisch sich nun in Corona-Zeiten und Homeschooling die soziale Herkunft auswirkt, erlebt Thomas Lorenz, Leiter der 128. Oberschule. Noch deutlicher zeige sich, welche Folgen es hat, wenn Familien wenig Geld und Bildung haben. In seiner Schule am Rudolf-Bergander-Ring lernen vergleichsweise viele Schüler aus Familien mit geringem Einkommen, ihre Eltern haben oft selbst schlechte Schulabschlüsse. Mit der Folge, dass in der häuslichen Lernzeit daheim weder die nötige Technik wie etwa ein Computer bereitstand, noch die Eltern ihrem Nachwuchs beim Schulstoff helfen konnten. 

Familien können sich Technik nicht leisten

"Wir haben versucht, die Kinder zu unterstützen, die Sozialarbeiter meiner Schule sind zu den Familien nach Hause gefahren und haben Kopien des Schulmaterials vorbeigeschafft", berichtet Lorenz. Dennoch: "Wer aus schwierigen häuslichen Verhältnissen kommt, hat es jetzt noch schwieriger." Derzeit wird gemeinsam mit den Lehrern und Eltern geschaut, für welches Kind es besser wäre, das Schuljahr zu wiederholen. In der kommenden Woche wird das dann für jeden einzelnen Schüler ausgewertet und entschieden. Lorenz fordert: Es muss dringend Geld her für Kinder aus diesen Familien, die sich einen Laptop und andere Technik nicht leisten können.

Auch Anne Holowenko, bildungspolitische Sprecherin der Linken im Stadtrat, sieht die Entwicklungen an Dresdens Schulen kritisch. "Die Heimbeschulung hat die Ungerechtigkeiten des sächsischen Bildungssystems ganz klar aufgezeigt." Hier müsse das Kultusministerium über den Sommer nachsitzen. Holowenko fordert: "In den Schulen sollten die restlichen drei Wochen nun dafür genutzt werden, ohne Leistungsdruck die entstandenen Lücken im Lernstoff zu schließen." 

Agnes Scharnetzky, bildungspolitische Sprecherin der Grünen, sieht das ähnlich: "Es geht ein besonderes Schuljahr zu Ende, die Corona-Pandemie ist nicht vorbei und die Folgen in der Schule werden auch nach der Rückkehr zum Regelunterricht spürbar sein." Dennoch werde es in wenigen Wochen Zeugnisse mit Noten geben. Das sei ein Dilemma, "denn die Frage, was fair ist, ist aus meiner Sicht nicht eindeutig zu beantworten." Noch mehr als sonst müsse in diesem Jahr der einzelne Schüler im Blick sein, wenn das Zeugnis geschrieben wird. Auch sie fordert eine enge Abstimmung mit den Eltern. "Wichtig ist, dass Kinder nicht durch Noten für die Corona-Situation 'bestraft' werden."

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