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Bischofswerda

Schüler verschenken Zeit an Senioren

Jung trifft Alt – das geschieht jetzt regelmäßig in einem Bischofswerdaer Pflegeheim. Von dem Treffen profitieren beide Seiten.

Annelies Winkler und Konrad Hörning freuen sich über den Besuch von Marie-Sophie Mützner und Moritz Kasper.
Annelies Winkler und Konrad Hörning freuen sich über den Besuch von Marie-Sophie Mützner und Moritz Kasper. © Steffen Unger

Bischofswerda. Moritz Kasper könnte am Donnerstag nach dem Unterricht auch Fußball spielen. Oder vor dem Computer sitzen. Oder sich mit Freunden treffen. Doch mit seiner Mitschülerin Marie-Sophie Mützner und fast 20 weiteren Schülern der Oberschule Bischofswerda verbringt der 16-Jährige  diesen  Nachmittag im Diakonischen Altenpflegeheim „Zur Heimat“. Dort werden die jungen Leute Woche für Woche von den Bewohnern schon erwartet.

An diesem Donnerstag steht die monatliche Geburtstagsfeier für die Senioren  auf dem Programm. Neben Kaffee und Kuchen, kredenzt vom Haus, gibt es diesmal für die 67 Bewohner etwas Besonderes: ein von den Schülern gestaltetes Programm. Einmal im Jahr umrahmen sie die Geburtstagsfeier kulturell. Ansonsten treffen sie sich meist in kleineren Gruppen mit den Senioren, um gemeinsam Zeit zu verbringen, zum Beispiel beim Lesen, Erzählen, Basteln, Zuhören, gemeinsamen Singen, Mensch-ärgere-dich-nicht-Spielen, beim Spazierengehen oder dem Backen von Plätzchen in der Vorweihnachtszeit. 

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Gespräche über die erste Liebe

Wer es von den Hausbewohnern möchte und gesundheitlich noch kann, ist einmal im Monat zur Gymnastik mit den Schülern eingeladen. Die Mädchen trafen sich mit Hausbewohnerinnen zum Frauenstammtisch, sprachen über Wellness und wandten ihr Wissen bei Hand- und Gesichtsmassagen an. Die Jungen waren zu Gast am Männerstammtisch. Dort wurde über Autos geredet. Und über die erste Liebe, sagt der 91-jährige Konrad Hörning schmunzelnd.

Bei den Senioren kommen die Angebote sehr gut an. Annelies Winkler schwärmt vom gemeinsamen Kegelnachmittag. „Man muss es nutzen, so lange man es von der Gesundheit her noch kann“, sagt die 89-Jährige.

Nur durch eine Straße getrennt

Nur eine Straße trennt das Altenpflegeheim und die Oberschule. Kathrin Schuchardt, Fachlehrerin für Sport und Geschichte, kam vor einigen Jahren auf die Idee, dass beide Einrichtungen zusammenarbeiten könnten. Mit einer kleinen Schülergruppe fing sie an, donnerstags das Heim zu besuchen. Das mündete im Sommer 2017 in einen Kooperationsvertrag, der beide Nachbarn noch enger zusammen rücken ließ. Jetzt ist die Freizeitbetreuung der Senioren ein Ganztagsangebot an der Oberschule, das die Schüler wählen können. In diesem Schuljahr machen 21 mit. „Alle kommen freiwillig“, sagt die Lehrerin.

Marie-Sophie und Moritz besuchen die neunte Klasse. Frau Schuchardt habe ihnen das Angebot vorgestellt, berichten sie. „Es ist eine gute Möglichkeit, sich sozial zu engagieren“, sagt Marie-Sophie. Und Moritz fügt hinzu, dass man auf diese Weise älteren Menschen auch etwas zurückgeben kann, die mit ihrer Arbeit die Grundlagen für unser heutiges Lebensniveau geschaffen haben.

"Es ist schön, dass die Schüler von sich aus  kommen“, sagt Annelies Winkler, die viele Jahre als Näherin gearbeitet hat. Konrad Hörning, der früher Lehrer war, würde sich freuen, wenn die jungen Leute manchmal etwas mehr aus sich herauskommen würden. Oft seien es die Älteren, die bei den Treffen etwas zu erzählen haben, sagt er.

Frischer Wind im Pflegeheim

Die wöchentlichen Begegnungen geben beiden Generationen viel. Die Schüler bringen frischen Wind und Abwechslung ins Haus – und sie sind eine echte Hilfe bei der Freizeitgestaltung. Dank ihrer Unterstützung ist es im Sommer zum Beispiel möglich, dass mehr Senioren den Garten am Haus genießen können. Einfach, weil es mehr Hände gibt, die einen Rollstuhl schieben können, sagt Katrin Schiller, die stellvertretende Leiterin Soziale Betreuung im Diakonischen Altenpflegeheim. Ähnlich ist es bei den jährlichen Stadtrundgängen und dem Besuch des Weihnachtsmarktes.

Doch auch die Schüler gewinnen. Sie werden selbstbewusster, offener, nehmen Verantwortung wahr, wachsen als Persönlichkeit, sagt Kathrin Schuchardt. Wenn im Ergebnis sich der eine oder andere Schüler für einen Beruf in der Pflege bzw. im sozialen Bereich überhaupt entscheidet, umso besser. Doch darauf zielt das Ganztagsangebot nicht vordergründig. Moritz beispielsweise möchte einmal Zimmermann, Marie-Sophie Tierpflegerin werden. Es geht darum, den Jugendlichen soziale Kompetenzen zu vermitteln.    

Partnerschaft wird im Schulalltag gelebt

Nicht nur bei den Besuchen im Pflegeheim, auch im Schulalltag wird die Partnerschaft gelebt. Die Arbeitsgruppe Öffentlichkeitsarbeit der Oberschule ist in die Zusammenarbeit einbezogen, indem sie gemeinsame Aktivitäten dokumentiert und in Schaukästen und auf der Homepage darüber berichtet.

Manche  Hausbewohner haben eine persönliche Bindung an das Schulhaus an der Kirchstraße. Entweder, weil sie selbst oder Kinder und Enkel von ihnen dort zur Schule gegangen sind. Wenn Konrad Hörning und Annelies Winkler aus ihrem Wohnbereich im dritten Stock über die Straße schauen, sehen sie den Turm der Schule. Die Kinder und Jugendlichen, die dort lernen, könnten ihre Urenkel sein. Doch nun müssen sie erst mal runter ins Erdgeschoss. Dort, im Speiseraum, haben die Oberschüler schon Aufstellung genommen, um  ihr Geburtstagsprogramm zu zeigen.  

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