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Schuften im Esda-Kommando

Für 70 Mark im Monat – eine neue Studie zeigt die widrigen Arbeitsbedingungen von Häftlingen in der DDR.

© dpa

Von Peter Heimann, Berlin

Angelika Cholewa aus Naumburg war 24, als sie aus der DDR fliehen wollte. Es ging schief, die junge Frau wurde 1980 verhaftet und zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Als sie nach neun Monaten Untersuchungshaft ins Frauengefängnis Hoheneck kam, empfand sie dort sogar die Zwangsarbeit im „Esda-Kommando“, die Regelmäßigkeit, die Möglichkeit, wieder unter Leuten zu sein, „eigentlich als Geschenk“. In der U-Haft zuvor durfte sie nicht arbeiten. Die Tage waren nur dahingekrochen. In solchen Krisenzeiten sei wichtig, dass man einen Rhythmus und eine Struktur hat, so schilderte Frau Cholewa ihre ganz persönlichen Erfahrungen, auch wenn „mir bewusst ist, dass wir Werte geschaffen haben, die wir nicht zurückbekommen haben“.

City-Apotheken Dresden
365 Tage für Patienten da
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Die Dresdner City-Apotheken bieten mehr, als nur Medikamente zu verkaufen. Das hat auch mit besonderen Erfahrungen zu tun. Was, wenn Sonntagmorgen plötzlich der Kopf dröhnt oder die Jüngste Läuse mit nach Hause gebracht hat?

Einige ihrer Leidensgenossen, die gestern zur Vorstellung der Studie zum System der Zwangsarbeit in der SED-Diktatur in die Räume der Deutschen Gesellschaft gekommen waren, verstanden die nur bei großer Oberflächlichkeit positiv klingenden Schilderungen nicht. „Du trittst uns alle“, rief einer. „Willst wohl die DDR wieder haben“, ein anderer ganz aufgebracht. Deren Erfahrungen im Ost-Gefängnis waren anders.

Angelika Cholewa stand bei der Feinstrumpfhosen-Produktion am Heißformer. Die gelernte Textilingenieurin war schnell, erfüllte mehr als die Norm und „verdiente“ sich damit etwas Geld dazu. Das war gewollt, sagt Dr. Christian Sachse, der Haupt-Autor des neuen Forschungsberichtes. In den 80er-Jahren erwirtschaftete ein Häftling – grob ermittelt – im Schnitt 640 Mark. Sachse: „Es lässt sich sehr deutlich zeigen, dass die an die Strafgefangenen ausgezahlten Gelder so gering waren, dass sie eine künstliche Not erzeugt haben. Und das sollte auch sein.“ Wer mehr gearbeitet hat, bekam auch etwa mehr. Angelika Cholewa bekam 70 Ost-Mark im Monat und leistete sich davon „jeden Tag eine Tasse schwarzen Kaffee“.

120.000 Euro vom Sponsor Ikea

Die DDR jedoch konnte für harte Devisen in den 80er Jahren „Knastwaren“ im Wert von mindestens 200 Millionen D-Mark jährlich absetzen. Die Zwangsarbeit war fester Bestandteil des Wirtschaftssystems, das zeigen die untersuchten Akten deutlich, so Sachse: „Ein Produktionsbetrieb hat zu wenige Arbeiter gehabt, zu schlechte Arbeitsbedingungen. Er stellte also einen Antrag auf Zuweisung an sein eigenes Industrieministerium. Die meldeten den Bedarf an die zentrale staatliche Plankommission, und die schaute nach, wie viele Strafgefangene haben wir dieses Jahr oder planen wir nächstes Jahr – selbst der Satz kommt vor – und wiesen dann bestimmte Kontingente zu.“

Es gab Jahre, in denen die Häftlingsquote bezogen auf die Gesamtbevölkerung sechsmal so hoch war wie im Westen. Als die SED-Führung im Oktober 1972 eine allgemeine Amnestie erließ, verlor etwa Pentacon Dresden 388 Arbeitskräfte. Die daraus folgenden Produktionsausfälle in der gesamten Fertigungskette wurden in der Studie für 1973 auf 22 Millionen Ost-Mark berechnet.

Eingesetzt wurden die Häftlinge vor allem da, wo die Arbeitsbedingungen schlecht waren: im Bergbau, in der Braunkohle, in den Chemiebetrieben, in der Energieerzeugung, aber auch in der Textil- und Lederindustrie. In rund 600 DDR-Betrieben haben Häftlinge gearbeitet. Zu den Zwangsarbeitern gehörten nach Sachses Angaben 180.000 bis 280.000 politische Gefangene sowie eine bislang noch nicht ermittelte Zahl anderer Häftlinge. Die Aufarbeitung der DDR-Zwangsarbeit war erst in Gang gekommen, nachdem der schwedische Möbelkonzern Ikea Ende 2012 eingeräumt hatte, seit den 80er Jahren vom Einsatz politischer Häftlinge für die Möbelproduktion gewusst zu haben. Mit 120.000 Euro hat Ikea die Studie gesponsert, die die Zwangsarbeit in DDR-Gefängnissen auf rund 500 Seiten untersucht.

„Man konnte im Westen wissen, dass Ostprodukte in Zwangsarbeit hergestellt wurden, die durch internationale Konventionen geächtet war“, so Sachse. Schon in den 60er-Jahren habe Amnesty International im Westen über die Menschenrechtsbrüche im Osten Deutschlands berichtet. Neben Ikea profitierten auch andere West-Unternehmen von günstigen Preisen für Kameras, Küchengeräte oder Kerzen aus Ost-Knastproduktion.

Zwangsarbeit: ein schwieriger Begriff

In der DDR, heißt es in der Studie, wurde sowohl aus rechtlicher Sicht als auch in der Praxis eine „verbotene Form der Zwangsarbeit betrieben“. Damit werden Bedenken aufgegriffen, nach denen der Begriff der Zwangsarbeit untrennbar mit der Nazi-Zeit verbunden sei. Richard Schröder, der Vize-Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft, erinnert an die Pflicht zur Arbeit in der DDR-Verfassung von 1968 und schreibt: „Es gab also eine Arbeitspflicht für alle Bürger und nicht nur für Häftlinge. Das relativiert den Skandal der Arbeitspflicht für Häftlinge erheblich.“ Dass auch Häftlingsarbeit in Ostprodukten steckte, „war grundsätzlich allen Interessierten damals bekannt, auch mir“. Und Häftlinge wurden in VEB beschäftigt: „Wo denn sonst?“

Eine Nachricht kam gestern kurz nach der Präsentation der Studie: Die Opferrente für politische Häftlinge in der DDR soll Anfang 2015 um 20 Prozent erhöht werden. Es wäre die erste Erhöhung seit 2007. Der Betrag ist vom Einkommen abhängig – derzeit sind es maximal 250 Euro im Monat.